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Das Land der Pferdestärken
HAZ Wirtschaftszeitung

Pferde in Niedersachsen Das Land der Pferdestärken

Vergessen wir mal das Autoland. Das Landeswappen zeigt schließlich keinen Golf, sondern ein Pferd. Und etwa 130.000 Niedersachsen sorgen für einen Mitgliederanteil von knapp 20 Prozent bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung - doppelt so viel, wie der Bevölkerungszahl entspräche.

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Freizeitsport statt Landwirtschaft: Die Bedeutung des Pferdes hat sich nicht nur in Niedersachsen gewaltig gewandelt.

Quelle: Florian Petrow

Die Zeit, in der Pferde Arbeitstiere waren, ohne die jedes Unternehmertum stillstand, ist lange vorbei. Aber ein Wirtschaftsfaktor sind sie geblieben - oder mit den Jahren wieder geworden. Nach Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung hat sich die Zahl der Pferde in Deutschland in 40 Jahren vervierfacht - auf mehr als eine Million Tiere bundesweit. In gewisser Weise sind sie doch wieder Arbeitstiere, inzwischen aber in Freitzeitbranche und Landespflege tätig. Die 50.000 Menschen, die Schätzungen zufolge in Niedersachsen vom Pferd leben, lieben es in der Regel auch. Dabei gehen Geschäftssinn und Pferdeliebe oft unkonventionelle Verbindungen ein. Nicht selten bauen sich Pferdebegeisterte Kleinstbetriebe auf, notfalls mit wackligem Geschäftsmodell, um ihren Traum vom Arbeitsalltag mit den Tieren verwirklichen zu können. Und dann sind da die Vollprofis. International aktive Züchter und Trainer, Ausrüster, Eventmanager und Pferdefreunde im Dienst des Pferdelandes - von der Reiterstaffel der Polizei bis zu den Wissenschaftlern der Tierärztlichen Hochschule.

Galopprennbahn Neue Bult

Der Hannoversche Rennverein nimmt für sich in Anspruch, der älteste Verein der Stadt zu sein. Seit 1867 gibt es ihn, und seitdem ist die in den Siebzigerjahren gebaute Neue Bult mit ihren 1724 Sitz- und 152 Logenplätzen sowie 200 Boxen schon das vierte Domizil. Vom Geschäft lohnt es sich allerdings erst seit zehn Jahren zu sprechen. 2005 übernahm der Immobilienunternehmer und Burger-King-Betreiber Gregor Baum den Vorsitz mit einem klaren Ziel: „Wir wollten herausfinden, ob Galoppsportveranstaltungen in der Region Hannover angenommen werden.“ Bis dahin schien es nicht so: Im Vorjahr waren an acht Renntagen nur 22.000 Besucher gekommen, die 1,4 Millionen Euro gesetzt hatten, den Verein drückten 2 Millionen Euro Schulden. Der bestens vernetzte Baum und sein Team setzen auf das Konzept der „Familienrennbahn“, veranstalten Mottotage und Sommerferien-Angebote. Der Lohn war das bisherige Rekordjahr 2013, als an acht Renntagen mehr als 100.000 Besucher kamen und 1,9 Millionen Euro gesetzt wurden. Mittlerweile gibt Baum die Devise „Konsolidierung“ aus – zumal das Wachstum die Ausnahme ist: Der Galoppsport insgesamt hat in Deutschland schon deutlich bessere Zeiten gesehen.

Tierärztliche Hochschule

Am Anfang war das Pferd: Die Geschichte der Tierärztlichen Hochschule beginnt 1778 als Roß-Arzney-Schule. Heute zählt die Hochschule international zu den wichtigsten Einrichtungen der Tiermedizin und beschäftigt rund 1000 Menschen. Sechs fachübergreifende Zentren, sechs Kliniken und 19 Institute verteilen sich auf Standorte in Hannover, Ruthe bei Sarstedt, Büsum in Schleswig-Holstein und Bakum bei Vechta. Seit 2003 ist die TiHo eine Stiftungshochschule, was ihr größere Unabhängigkeit sichert. Rund 250 Plätze stehen jedes Jahr für Studienanfänger zur Verfügung – weit mehr bewerben sich. Mehr als 2400 Studierende sind eingeschrieben, hinzu kommen Biologie-Studenten der Leibniz-Universität und der Medizinischen Hochschule Hannover.

Züchter

Die vierbeinigen Hannoveraner sind in der Welt bekannter als die zweibeinigen. Rund 17?000 Zuchtstuten und 400 Hengste dieser Rasse sind beim Verband eingetragen. Der hat seinen Sitz nicht in Hannover, sondern in Verden, ?wo auch jedes Jahr die wichtigsten Auktionen stattfinden. Als leistungsfähige Sportpferde sind Hannoveraner in aller Welt gefragt, Kunden kommen aus den USA, China und arabischen Ländern. Im Juni fand die zweite Auktion in Teheran statt – 600 Besucher kamen, um für 18 Dressur- und Springpferde zu bieten, der Durchschnittspreis pro Pferd lag bei 56.000 Euro. Rund 25 Millionen Euro werden mit Hannoveranern jedes Jahr auf den Auktionen allein in Niedersachsen umgesetzt.

Landgestüt

Das Landgestüt Celle ist ein Aushängeschild des Landes – das wieder etwas mehr poliert werden soll. Die eigentliche Aufgabe des Betriebs ist seit 1735 die Zucht guter Pferde. Doch bekannt ist das Gestüt vor allem für seine öffentlichen Auftritte, allen voran die Hengstparade. Die traditionsbeladene Veranstaltung soll modernisiert werden, um mehr Besucher zu locken und die Einnahmen zu erhöhen, denn der Kostendruck wird immer größer. Rund 100 Mitarbeiter und ein Dutzend Lehrlinge kümmern sich um die 120 „Landbeschäler“ und 30 Junghengste. Wer hier seine Stute decken lassen will, zahlt je nach Stammbaum des Hengstes bis zu 1000 Euro – hat allerdings auch die Garantie, dass es von diesem Tier nur eine bestimmte Zahl Nachkommen gibt.

Vereine

Wer eine Tochter hat, musste wahrscheinlich schon mal hin: Den Einstieg in die Reiterei finden die meisten über sonntägliches Schnupperreiten bei einem Verein. Wer nicht gerade die Weide vor der Tür hat, wird ihm auch mit eigenem Pferd treu bleiben. Hier wird zwar nicht auf Profit geschaut, aber als Kunden von Futterhändlern, Hufschmieden und Tierärzten bringen die Vereine einiges Geld in Umlauf. Nicht selten docken sich kleine Reitschulen und Einstellbetriebe an einen Verein an, was die Kundenfindung ebenso erleichtert wie die Versorgung der Pferde. Allerdings geht es den Reitvereinen wie den meisten anderen: Sie schrumpfen. Der Pferdesportverband Hannover, zu dem die vier Bezirke Hannover, Braunschweig, Lüneburg und Stade gehören, zählt rund 700 Vereine mit etwa 84.000 Mitgliedern.

Ausrüster

Rund ums Pferd leben ungezählte Dienstleister und Zulieferer, vom Hufschmied über den Futtermittellieferanten bis zum Sattler. Etwas Besonderes ist hier G. Passier & Sohn in Langenhagen, ansässig natürlich Am Pferdemarkt. Die 1867 gegründete Sattlerei gehört zu den ersten Adressen im Gewerbe, in fünfter Generation geführt von Georg D. Kannemeier. Schon seit den Dreißigerjahren ist das Familienunternehmen international aktiv. Rund zwei Dutzend namhafte Sportreiter nutzen Sättel und Zaumzeuge von Passier und tragen den Namen so weiter in die Welt. Produziert wird nach wie vor in Handarbeit in Langenhagen – mehrere Tage braucht ein Sattel, Maßarbeit ist möglich. Eine neue Halle mit 2400 Quadratmetern wurde erst in diesem Jahr fertiggestellt.

Events

Im Kalender stehen ungezählte Veranstaltungen für Pferdefreunde, die mit Tierschauen im klassischen Sinn nichts mehr zu tun haben – und damit den Hengstparaden des Landgestüts mächtig Konkurrenz machen. Das Landleben ist Lifestyle-Thema geworden. So wuchs etwa die jährliche Messe Pferd?&?Jagd auf 85?000 Besucher heran und darf sich mittlerweile „Europas größte Messe für Reiter, Jäger und Angler“ nennen. Wichtigen Anteil daran hat die „Nacht der Pferde“, die seit 1994 Reiterei als Show präsentiert. Während das Springturnier German Classics im vergangenen Jahr aufgegeben hat, gibt es auch im nächsten Februar wieder die international besetzten Löwen Classics in Braunschweig.

Touristik

33 Man muss nicht reiten, um sich mit Pferden zu erholen. Die Planwagenfahrten gehören zum festen Besuchsprogramm der Lüneburger Heide. Sie ist nach der Nordsee die zweitwichtigste Urlaubsregion im Land, mit 6,1 Millionen Übernachtungen im vergangenen Jahr. Detaillierte Zahlen zu Reiterurlauben gibt es nicht, aber als Pferdeland profiliert sich Niedersachsen auch in der Tourismuswerbung – mit Erfolg: Die Buchungszahlen liegen erneut über den Vorjahreswerten. Eine Studie der GfK-Marktforschung hat ergeben, dass 66 Prozent der Niedersachsen-Besucher den Aufenthalt in der Natur suchen, deutlich mehr als im Bundesschnitt. TourismusMarketing Niedersachsen stellt deshalb gezielt die Reiterangebote in der Vermarktung heraus.

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