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Die Patienten

Alle Wege führen nach Hannover


Wenn die Reisekilometer ein Gradmesser für Qualität und Ruf einer Klinik sind, dann steht es ausgezeichnet um das INI. Für eine Operation scheuen viele Patienten keine Mühen - sie kommen aus Arabien, aus Südafrika, Russland und der Türkei.
INI, Hannover

Das INI ist international bekannt.

© Christian Behrens

Dieses Schwanken hatte er doch noch nie gespürt, wo kam das auf einmal her? Warum schien sich der Boden zu bewegen? Warum stand nichts mehr fest?

Mark Gill saß auf dem Fahrrad, als er zum ersten Mal merkte, dass etwas nicht stimmte. Er war ein guter Mountainbikefahrer, er fuhr sogar Rennen, in einigen Tagen wollte er beim „Sani2c“ mitmachen. Drei Tage lang, 250 Kilometer, von Underberg nach Scottburgh. Aber jetzt schien ihm selbst das Einfachste nicht mehr zu gelingen. Immer mehr Kraft kostete es ihn, nicht hinzufallen. Und auf einmal wurden auch andere Dinge schwierig. Die Stimmen am Telefon: Er verstand sie einfach nicht mehr.

Jetzt, zwei Monate später, sitzt der 40-jährige Südafrikaner aus Johannesburg auf dem Bett seines Zimmers im International Neuroscience Institute in Hannover. Über die Narbe hinter seinem linken Ohr wächst wieder ein Flaum noch kurzer Haare. Er steht auf, geht über den Flur, wieder zurück, alles anscheinend mühelos. „Das Gefühl kehrt zurück“, sagt er erleichtert.

Wenn die Entfernung, die Menschen für eine Behandlung auf sich nehmen, ein Gradmesser für Qualität und Ruf einer Klinik sind, dann steht es ausgezeichnet um das hannoversche INI. Fast die Hälfte der Patienten stammt aus dem Ausland. Etwa ein Drittel kommt laut Pflegedirektor Frank Repschläger aus dem arabischen Raum, aber auch Russland, die Türkei, überhaupt ganz Europa und auch fernere asiatische Länder sind hier vertreten: Es ist ein üppiger Atlas der Gebiete und Kulturen, die sich im INI versammeln. Die meisten Patienten werden von ihren Ärzten in ihrer Heimat direkt zu Prof. Madjid Samii nach Hannover empfohlen. In jeder Hinsicht ist der Südafrikaner Mark Gill also ein typischer Patient.

Gill hält die Aufnahmen hoch, die in Südafrika von seinem Kopf gemacht wurden, und zeigt auf den hellen runden Fleck in der Mitte. „Ein Tumor im Gehörnerv“, erklärt er, „so groß wie ein Golfball.“ Die Geschwulst war die Ursache für die Gleichgewichtsstörungen und die Hörprobleme, die Gill immer stärker plagten. Sie war nicht bösartig, aber wegen ihrer Größe inzwischen doch bedrohlich. Operation so bald wie möglich, sagte der Arzt. „Dieser Eingriff wird natürlich auch in Südafrika vorgenommen, aber relativ selten“, sagt der 40-Jährige. Der Rat seines Arztes war jedenfalls eindeutig: „Wenn Sie es sich leisten können, fahren Sie zum INI nach Hannover.“ Dort, fügte der Arzt hinzu, sei ihm die beste Behandlung sicher.

Gill hatte zuvor noch nie von einem „Akustikusneurinom“ gehört. Aber jetzt begann er, sich zu informieren. Sprach mit Menschen, die unter demselben Tumor gelitten hatten und die ebenfalls von Prof. Samii operiert worden waren. So besuchte er zum Beispiel Clive Rice, einen in Südafrika äußerst beliebten Kricketspieler, den Prof. Samii Ende der neunziger Jahre noch im hannoverschen Nordstadtkrankenhaus, an seiner früheren Wirkungsstätte, operiert hatte. Er telefonierte mit einer Südafrikanerin, die vor knapp zehn Jahren zu den ersten Patienten des INI gehört hatte. Von Gespräch zu Gespräch wurde er sich seines Entschlusses sicherer.

Die größte Gefahr der Operation bestand darin, dass Gills Gesichtsnerv beschädigt und er unter einer halbseitigen Lähmung der Gesichtsmuskeln leiden würde. Eine Horrorvision für ihn, den sportlichen 40-Jährigen, der gerade geschieden war und nun um seine Chancen auf einen Neuanfang fürchtete. Gill nahm in Kauf, dass seine südafrikanische Versicherung für den Eingriff in Deutschland nicht aufkommen würde. Als Fondsmanager verdient er nicht schlecht. Für die Operation musste er sich dennoch Geld leihen. Die Aussicht auf eine optimale Behandlung war es ihm wert. „Da musste ich keinen Moment überlegen.“

So geht es auch den anderen Patienten, die neben dem weiten Weg auch die Kosten auf sich nahmen. Bei Anastasija Ganzenko, einem 15-jährigen Mädchen aus Moskau, wurde vor sechs Wochen ein großer Hirntumor entdeckt. Befreundete Ärzte rieten wegen der Kompliziertheit des Falls zu der Operation in Hannover, die Spezialisten des Burdenko-Forschungsinstituts für Neurochirurgie stimmten zu. Die Mutter des Mädchens, Kosmetikerin von Beruf, zögerte nicht. Anastasija bekam als Notfall sofort einen Termin im INI. Nun, wenige Tage nach der Operation, fühlt sich die Mutter in ihrem Entschluss bestätigt. Laut den Ärzten sei die Operation gut verlaufen. „Und als sie aufwachte, hat sie mich gleich erkannt“, berichtet die Mutter erleichtert.

Ähnliche Gründe brachten auch den Juwelier Ahmed Hamdi Kücük aus Istanbul dazu, seinen Sohn, Mohammed Hüseyn, nach Hannover zu bringen. Zwei Monate ist es her, dass die Ärzte den Tumor im Kopf des 19-Jährigen entdeckten. Prof. Samii sei der Beste für diese Operation, hätten ihm die Behandler gesagt, berichtet der Vater. Einen Monat später fuhren sie zum ersten Mal in die Stadt, die sie, wie die meisten der anderen Patienten aus dem Ausland, bisher nur dem Namen nach kannten.

Nun, wenige Tage nach der siebenstündigen Operation, sitzt Hüseyn wieder aufrecht in seinem Bett, noch benommen, aber schon fast frei von Kopfschmerzen, wie er mit jenen deutschen Worten berichtet, die er zur Vorbereitung auf das geplante Architekturstudium in Wien gelernt hatte. Zum Winter will er damit beginnen. Seine Eltern, die ihn nach Hannover begleitet haben, nicken. „Es war eine Frage des Gefühls, der Intuition, unseren Sohn hier operieren zu lassen“, sagt Hamdi Kücük. Und dieses Gefühl habe sie, die Eltern, nicht getrogen.

Und Mark Gill, der Mann aus Johannesburg? Auf dem linken Ohr wird er nie wieder etwas hören – eine unvermeidliche Folge des Eingriffs. Seine linke Gesichtshälfte ist noch etwas taub, der Mundwinkel hängt ein wenig nach unten. „Ein Gefühl wie nach einer Betäubung beim Zahnarzt. Aber es ist schon viel besser geworden“, sagt der 40-Jährige. Und nun trainiert er, um auch die letzten Spuren der Operation in seinem Gesicht noch zu beseitigen. „Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, versichert Gill.

Den Rest der Fußball-Weltmeisterschaft wird der Fondsmanager bereits wieder in seiner Heimat verfolgen, zumindest am Fernsehgerät im Wohnzimmer. „Und im nächsten Jahr fahre ich auch wieder das Rennen mit – ganz sicher.“

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