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Das Gebäude

Architektur eines Gehirns

Von Gunnar Menkens

Manche Träume brauchen eine lange Zeit, ehe sie wahr werden. Da macht es keinen Unterschied, ob jemand ein kleiner Angestellter ist oder als renommierter Gehirnchirurg arbeitet. Den Unterschied machen die Träume selbst.
Grundsteinlegung für das INI in Hannover

Grundsteinlegung für das INI in Hannover

© Rainer Dröse

Prof. Madjid Samii hat früh gewusst, was er später einmal erreichen wollte: sein eigenes neurowissenschaftliches Zentrum leiten. Und als solch ein Haus noch längst nicht in Aussicht stand, ließ er sich von seinem ersten Arbeitgeber in Hannover bereits schriftlich garantieren, dass er diese Klinik, die zugleich ein Forschungszentrum sein sollte, würde leiten dürfen. Im Rückblick sagt der 72-Jährige, Präsident des International Neuroscience Institute (INI): „Diese Vision war immer in meinem Kopf. Als ich 1977 als Direktor ans Nordstadtkrankenhaus nach Hannover berufen wurde, habe ich schon bei den Vertragsverhandlungen im Jahr zuvor darauf bestanden, dass Prof. Samii berechtigt ist, neben der Leitung der neurochirurgischen Klinik ein Institut für Neurowissenschaften zu führen.“

Es hat dann noch ein wenig gedauert, ehe das INI Wirklichkeit geworden ist. In Kontakt mit maßgeblichen Politikern stand Samii all die Jahre über. Hannovers Oberstadtdirektor Hinrich Lehmann-Grube, die Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und Gerhard Schröder, Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg – sie alle zählt der Iraner zu den Unterstützern seines ehrgeizigen Projekts. Sehr entscheidend sei das für ihn gewesen. Als die Landeshauptstadt den Zuschlag für die Expo 2000 erhielt, begann der Entschluss in ihm zu reifen, zu diesem Anlass in wenigen Jahren Heilung und Forschung in einem Haus zu bündeln.

Dass es baulich nicht irgendeine beliebige Klinik sein sollte, war zu Beginn keineswegs klar. Noch in den siebziger Jahren hatte der Mediziner keine Vorstellung davon, dass die Arbeit im Inneren des neurowissenschaftlichen Instituts ihre Entsprechung in seiner Hülle finden könnte. Wenn sich aber bereits ankündigte, dass die Expo etwas Einmaliges in der Geschichte der Stadt werden würde – Samii saß im Kuratorium der Weltausstellung – dann wollte der Mediziner nicht bloß einen weiteren rechteckigen Block in die Nähe der Medizinischen Hochschule Hannover stellen. „Die Überlegung war, dem Gebäude einen Sinn zu geben und den Leuten zur Expo etwas zu zeigen, das es auf der ganzen Welt noch nicht gegeben hat.“

Das war fünf Jahre vor Beginn der Weltausstellung. Der Iraner entwickelte die Idee, seine Profession architektonisch in Glas und Beton zu gießen: Das Institut sollte in abstrakter Form dem menschliche Gehirn nachempfunden sein. Und so kam es.

Dass Prof. Samii seine neurochirurgische Klinik und das Forschungszentrum in Hannover plante, hatte einen naheliegenden Grund: Er war damals seit zwei Jahrzehnten in der Landeshauptstadt tätig. Hilfreich war zudem, dass Ministerpräsident Schröder – Samii nennt ihn einen Freund und erinnert sich gerne an ein langes Gespräch über das INI-Projekt – bereit war, eine Landesbürgschaft über 42 Millionen Euro zu stellen. Sie ermöglichte Samii, Kredite von der Bank zu erhalten. Das war im Landtag umstritten, weil die Grünen es ablehnten, ein privates Institut mit öffentlichem Geld abzusichern.

Zum zehnjährigen Jubiläum im Jahr 2010 weist Präsident Madjid Samii mit Genugtuung in der Stimme daraufhin, dass er diese Bürgschaft nie in Anspruch habe nehmen müssen. Im Gegenteil: Sein Institut nütze Niedersachsen und der Landeshauptstadt auch finanziell. „Stadt und Land bekommen jedes Jahr mindestens zehn Millionen Euro in die Kasse, durch unsere 200 Mitarbeiter und Hunderte von Angehörigen der Patienten, die zum Beispiel in Hotels wohnen.“

Bei der Grundsteinlegung des 140 Millionen Mark teuren Baus Anfang Dezember 1998, es war minus drei Grad kalt, wurde eine Pinzette in der Erde vergraben. Danach ging es stetig aufwärts, bis das INI seine endgültige Höhe von 38 Metern erreichte. Die neun Etagen haben in der Breite unterschiedliche Ausdehnungen, die Flächen von insgesamt 19 000 Quadratmetern sind über gläserne Aufzüge im elliptischen und lichten Atrium des INIs zu erreichen. Von außen betrachtet ergeben bedruckte Glaselemente und farbige Gläser im Zusammenspiel mit transparenten und lichtundurchlässigen Gläsern „interessante Schattenspiele, Spiegelungen und Verfremdungseffekte“, schrieb der Generalunternehmer Philipp Holzmann damals über den komplizierten Bau.

Innerhalb von 18 Monaten musste das Institut fertiggestellt werden, zur Expo sollte es eröffnet werden – es gelang. Der Zeitdruck habe geholfen, sagt Samii. Zur Eröffnung im Juli 2000 erschienen 1800 Gäste, unter ihnen maßgebliche Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Park umgibt das Gebäude, nicht allein für Patienten und ihre Besucher – er soll garantieren, dass das INI freistehend bleibt und nicht von neuen Gebäuden verdeckt wird. Seine Architektur soll von allen Seiten betrachtet werden können. Seit 2000 behandeln der Neurochirurg und seine Kollegen Tumore des Gehirns sowie Erkrankungen von Rückenmark, Wirbelsäule, Skelettsystem und der Nerven. Für die Patienten stehen 100 Betten bereit, 16 Betten auf Intensivstationen, operiert wird in sechs Sälen.

Derzeit erwägt Prof. Samii Anbauten. Die Ambulanz müsste größer sein, auch der Hörsaal könnte an Kapazität zulegen, ebenso die Bibliothek. Entschieden aber ist noch nichts. Verwirklicht hat der 72-Jährige mit dem INI jedoch seine Überzeugung, dass es in der Wissenschaft beste Ergebnisse nur gibt, wenn Experten aller Disziplinen ihr Wissen nicht getrennt halten voneinander, sondern in direkter Nähe forschen. „Medizinischen Fortschritt und große Erfolge gibt es nur, wenn man mit geeigneten Fachleuten interdisziplinär zusammenarbeitet.“

Eine Erkenntnis für den Alltag: Um das Gehirn auf Trapp zu halten, empfiehlt Samii drei Hausmittel. Auf Blutdruck und Fettstoffwechsel achten; körperliche Bewegung; sein Gehirn mit komplexen Dingen beschäftigen, die Spaß machen. „Es ist Quatsch“, sagt der vielfach geehrte Professor, „sein Gedächtnis mit mathematischen Übungen zu quälen, wenn man Mathematik hasst.“

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