Für Chirurgen ist die Operationsetage im International Neuroscience Institute (INI) ein wahres Paradies. Wie in einer perfekt ausgestatteten Werkstatt sind dort alle Geräte vorhanden, die komplizierte Eingriffe sicherer und effektiver machen.
Das Herzstück ist der Operationssaal 1, die sogenannte Brain Suite, wo vor allem hirneigene Krebstumore (Gliome) und Tumore der Hirnanhangdrüse behandelt werden. Zusätzlich zu den vor der Operation aufgenommenen Kernspinbildern können die INI-Neurochirurgen dort mit einem hochauflösenden 1,5-Tesla-Kernspintomographen jederzeit während der Operation neue Aufnahmen vom Gehirn machen. So wissen sie immer exakt, wo sich empfindliche Gehirnstrukturen wie Nervenbahnen und Funktionszentren befinden.
„Das Problem ist, dass sich die Position dieser Gehirnstrukturen während der Operation ändert“, sagt Prof. Rudolf Fahlbusch, der im INI die Abteilung für endokrine Neurochirurgie leitet. Denn wenn die Chirurgen den Tumor entfernen, verlagern sich auch die Nervenbahnen wieder. „Wenn man nicht genau weiß, wohin, dann bleibt der Patient nach dem Eingriff womöglich gelähmt.“ Anhand von Röntgenaufnahmen zeigt Fahlbusch anschaulich, worum es geht: Auch der Laie sieht mit einem Blick, wie ein Hirntumor vor der Operation das umgebende Gewebe verdrängt und dieses nachher den freiwerdenden Raum wieder einnimmt.
In den vergangenen zehn Jahren hat das INI-Team daher sogenannte Wachoperationen durchgeführt, um die Hirnfunktionen bei komplizierten Eingriffen zu schützen. „Wir haben hier meist schwere Fälle, die keine andere Klinik mehr behandeln will“, betont Fahlbusch. Bei der Wachoperation ist der Patient zwar örtlich betäubt, aber ansprechbar, und der Chirurg kann im Dialog mit seinem Patienten prüfen, ob etwa das Sprachzentrum noch funktioniert oder ob bestimmte Muskelimpulse weitergeleitet werden.
„Die aufwendigen Wachoperationen konnten wir inzwischen aber aufgeben“, sagt Fahlbusch. Mit der intraoperativen Kernspintechnologie würden die Eingriffe noch einmal deutlich sicherer. „In der ,Brain Suite‘ können wir nahezu 100 Prozent der Tumore komplett entfernen – ohne wichtige Funktionen zu schädigen“, erklärt Fahlbusch. „Normalerweise klappt das nur in 60 bis 70 Prozent der Fälle.“ Für die Patienten ist das aber entscheidend: Denn wo Tumorreste vorhanden sind, besteht immer das Risiko, dass der Krebs wieder wächst.
Besonders groß sei die Gefahr an den Tumorrändern, sagt Fahlbusch. Die Neurochirurgen arbeiten daher daran, die Krebszellen auch in den Randzonen noch besser zu erkennen. „Bisher kann man das Tumorgewebe dort noch nicht genau erfassen“, erklärt der Hirnexperte. Gemeinsam mit der Universität Bremen will das INI eine neue Methode entwickeln, um möglichst jede Krebszelle aufzuspüren. Dabei verbinden die Forscher die sogenannte Gewebespektroskopie, die die unterschiedliche Lichtreflexion verschiedener Gewebearten nutzt, mit der exakten anatomischen Darstellung durch den intraoperativen Kernspintomographen.
Demnächst will das INI das Gerät in der „Brain Suite“ gegen einen Highend-3-Tesla-Tomographen mit noch höherer Auflösung austauschen. Doch die bisher erhältlichen Geräte auf dem Markt genügen den Ansprüchen des Neuroscience Instituts nicht. „Wenn man heute etwas Neues einführt, muss das schon einen deutlichen Sprung nach vorn bringen“, sagt Fahlbusch. „Andererseits muss die Sicherheit der Patienten gewährleistet sein.“
Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelt sich die Hirnchirurgie im INI ständig weiter. Und es werden zum Teil völlig neu entwickelte Technologien wie die interventionelle Neuroradiologie eingesetzt. Dabei bringen die Chirurgen beispielsweise bei Gefäßaussackungen (Aneurysmen) im Gehirn über einen Katheter kleine Kügelchen oder Metallringe in die defekten Blutgefäße, die diese mechanisch verschließen.
Für ihre Operationen nutzen die INI-Experten neben der „Brain Suite“ fünf weitere Operationssäle. Saal zwei etwa ist wie die „Brain Suite“ für sogenannte stereotaktische Operationen ausgerüstet, bei denen der Kopf des Patienten fest fixiert ist und die Chirurgen mit minimal-invasiven Instrumenten und höchster Genauigkeit auf bestimmte Gehirnstrukturen zugreifen können. Neben der Operation von Hirntumoren ist das beispielsweise beim Einsetzen von Sonden zur Tiefenhirnstimulation nötig. Diese Technik wird vor allem bei Parkinsonpatienten eingesetzt, um Krankheitssymptome wie Zittern oder Reglosigkeit mit einem gezielten Störstrom zu lindern.
Saal drei wiederum ist voll ausgerüstet für die Videoübertragung von schwierigen Eingriffen bei Konferenzen oder zu Lehrzwecken. Die Teilnehmer können im INI-Hörsaal oder auch in Kliniken anderer Länder per Internet „live“ dabei sein und sogar Fragen an den Operateur stellen. In Saal vier finden die Chirurgen die nötige Technik für eine optimale Behandlung von Gefäßmissbildungen, während Saal 5 und Saal 6 für neurochirurgische Operationen aller Art zur Verfügung stehen. Alle Operationssäle, betont Fahlbusch, „sind dabei mit den modernsten Geräten für die Mikroskopie und Navigation ausgerüstet.“
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