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Brustkrebs ist heilbar – prinzipiell
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Verbesserte Therapien Brustkrebs ist heilbar – prinzipiell

Fast jede Minute bekommt in Deutschland ein Patient die Diagnose Krebs gestellt. Die häufigste Krebserkrankung ist Brustkrebs; etwa 57.000 Frauen erkranken daran jedes Jahr neu.

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„Schaffe ich das? Ich schaffe es“

Brustkrebs (medizinisch Mammakarzinom) ist ein bösartiger Tumor im Brustgewebe. Bösartige Tumoren entziehen sich der normalen Wachstumskontrolle des Organismus. Die „entarteten“ Zellen vermehren sich ungebremst und zerstören das umliegende Gewebe.

Quelle: medicalpicture

„Brustkrebs ist prinzipiell heilbar“, sagt Joachim Pape, Chefarzt am Vinzenzkrankenhaus.

Das Bett ist bereits abgezogen. Die Tasche ist gepackt. Abholbereit wie Marianne Hartmann*, die an einem kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers sitzt. Draußen hinter der Fensterfront badet der Park satt-grün im Sonnenlicht. „Seit Montag gibt es dieses herrliche Wetter“, sagt sie. Montag – das war der dritte Tag nach der Operation. Zwei Stunden brauchten die Ärzte im Vinzenzkrankenhaus, um ihr einen Tumor zu entfernen. Brustkrebs – das Wort versetzt ihr noch immer einen Stich. „Mammakarzinom hört sich erträglicher an.“ Gerade einmal sechs Wochen ist es her, als für die 55-Jährige die Welt aus den Fugen geriet. Ein „Klärungsgespräch“ sei erforderlich, hieß es in einem Schreiben der zentralen Mammographie-Screeningstelle. „Ich wusste sofort, was jetzt kommt.“

Der erste Besuch lag gut eine Woche zurück. Erstmals hatte Marianne Hartmann die Einladung zur Mammografie-Reihenuntersuchung nicht in den Papierkorb geworfen. Das Früherkennungsprogramm, zu dem in England bereits seit 20 Jahren, in Deutschland erst seit zwei Jahren regelmäßig eingeladen wird, ist das einzige, dem selbst Kritiker den Erfolgsnachweis nicht absprechen. Die Mammografie, ausgewertet von einem Spezialistenteam, lässt wie im Fall von Marianne Hartmann bereits frühe, nicht tastbare Formen eines bösartigen Tumors erkennen.

Fast jede Minute bekommt in Deutschland ein Patient die Diagnose Krebs gestellt. Die häufigste Krebserkrankung ist Brustkrebs; etwa 57 000 Frauen erkranken daran jedes Jahr neu. Etwa jede zehnte Frau ist betroffen. „Brustkrebs ist prinzipiell heilbar“, sagt Joachim Pape, Chefarzt am Vinzenzkrankenhaus. Zwei Drittel der Frauen überleben. Ist der Tumor nicht größer als einen Zentimeter und die Lymphknoten frei von Krebszellen, liegt die Heilungschance sogar bei über 90 Prozent. Unterschieden werden hochspezialisierte Tumorzellen von einfachen, die – anders als man gemeinhin denkt – am gefährlichsten sind.

Für Marianne Hartmann endete das „Klärungsgespräch“ mit dem Befund, den sie befürchtet hatte. Weitere Mammografie- und Ultraschallaufnahmen und eine Biopsie, bei der eine Gewebeprobe entnommen wird, bestätigten den Krebsverdacht. Weitere fünf Tage musste sie warten, bis schließlich klar war, dass der Tumor nicht zu den aggressiven zählt. Doch welcher Klinik sollte sie sich anvertrauen? Nach einem Besuch der Brustsprechstunde des Vinzenzkrankenhauses entschied sie sich für einen OP-Termin in diesem Haus, einem von vier zertifizierten Brustzentren in der Region Hannover.

2003 vereinbarten die Deutsche Krebsgesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Senologie erstmals Leitlinien für die Zertifizierung von Brustzentren. Wer dazugehört, muss strenge Auflagen erfüllen – jährliche Kontrolle inbegriffen. Mindestens 150 Ersterkrankungen muss ein Zentrum jährlich behandeln; ein Team aus Experten verschiedener Fachrichtungen ist ebenso Pflicht wie die Teilnahme an Forschungsstudien und eine wöchentliche Tumorkonferenz, in der über jede Patientin gesprochen wird.

Das Nordstadtkrankenhaus war das erste Krankenhaus in der Region, das sich vor drei Jahren der Zertifizierung stellte. Das Gehrdener Krankenhaus lässt sich derzeit als kooperativer „kleiner Bruder“ zertifizieren. Das Netz, das man mit niedergelassenen Ärzten, Strahlentherapeuten und Psychologen aufgebaut hat, umfasst 70 Partner. Seit Anfang Mai gehört dazu auch eine sogenannte Breast-Care Nurse, eine Fachschwester, die die Patientin von der Diagnose bis zur Nachbehandlung begleitet und berät.
„Das Wichtigste ist, dass der Patientin eine schnelle Behandlung angeboten wird“, sagt Alexander Moser, Leitender Oberarzt der Frauenklinik am Nordstadtkrankenhaus. Der Verdacht wird binnen eines Tages abgeklärt; einen OP-Termin bietet das Zentrum innerhalb der nächsten drei Tage an. Aus medizinischen Gründen gebe es keinen Zeitdruck. „Aber es geht um die psychische Belastung der Frau.“ Alle vier Zentren bieten psychologische Betreuung an. Vor Jahren war dies noch kein Thema.

Viel hat sich verändert. Bis in die neunziger Jahre wurde die erkrankte Brust in der Regel entfernt. Heute bleibt in sieben von zehn Fällen der Frau eine Brustamputation erspart. In einigen wenigen Fällen gelingt dies durch spezielle Techniken der Plastischen Chirurgie, durch Einsatz von Implantaten aus Silikon oder durch die Transplantation von Eigengewebe. Haut- und Fettgewebe vom Rücken oder dem Bauch werden dabei an die Brustwand transplantiert und dort zu einer Brust geformt.

Bis in die neunziger Jahre wurden zudem alle rund 30 Lymphknoten bis in den Achselbereich rigoros entfernt, wobei es häufig zu Lymphödemen kam, bei denen der Arm aufgrund des unterbrochenen Lymphabflusses anschwillt. Mehr als jeder dritten Brustkrebspatientin bleibt dies heute erspart – dank der sogenannten Wächterlymphknoten-Methode, die heute bei 70 Prozent der Fälle angewandt werden kann.

Der Wächterlymphknoten ist der erste im Lymphabfluss nach dem Tumor, der wie ein „Filter“ die Krebszellen abfängt. Dieser Lymphknoten „wacht“ über die anderen Lymphknoten. Er wird von einem Nuklearmediziner ausfindig gemacht, gekennzeichnet, bei der Operation entfernt und anschließend vom Pathologen auf Krebszellen untersucht. Ist der „Wächter“ frei von Metastasen, kann auf die Entfernung des Lymphgewebes verzichtet werden.

Auch die Behandlung nach der Operation folgt festen Standards. Die Chemotherapie gilt in bestimmten Fällen nach wie vor als unersetzbar – „sie ist wenig elegant, aber von hoher Wirksamkeit“, sagt Chefarzt Pape. Das Problem ist, dass die Medikamente, sogenannte Zytostatika, zwar die Tumorzellen „vergiften“, aber auch gesundes Gewebe schädigen und damit zu Nebenwirkungen wie Haarausfall und Übelkeit führen. Die Strahlentherapie, die jeder brusterhaltenden Operation folgt, hat das Ziel, das lokale Wiederauftreten des Tumors zu vermeiden.

Eine junge Therapie ist die Behandlung mit Antihormonen nach der Operation. Da die Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron das Wachstum von Tumoren fördern können, wird dabei die Hormonproduktion gestoppt. Dies ist nur sinnvoll, wenn das Tumorgewebe spezielle Bindungsstellen (Rezeptoren) für Hormone aufweist.

Die größten Hoffnungen setzt die Forschung aber auf die Entwicklung neuer Medikamente, sogenannter Antikörper, die gezielt („targeted“) auf bestimmte Zellstrukturen des Tumors einwirken. Der Vorzug einer Antikörpertherapie sei die bessere Verträglichkeit, sagt Brustzentrum-Leiter Alexander Moser. Der Fortschritt hat seinen Preis: Während eine Brustkrebs-Operation mit etwa 3000 Euro abgerechnet wird, kostet eine Behandlung mit den neuen Präparaten im Jahr 40 000 bis 100 000 Euro.

Und wer erkrankt? Die Medizin spricht von Risikofaktoren. Seit 2003 ist bekannt, dass die Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden mit Hormonen ein gering erhöhtes Brustkrebsrisiko birgt. Größere Gefahren werden durch Übergewicht und Rauchen verursacht. Eine frühe Regelblutung, ein später Beginn der Wechseljahre, Kinderlosigkeit oder eine späte erste Geburt gelten ebenfalls als Risikofaktoren.

Bei einer kleinen Gruppe von Patientinnen (fünf bis acht Prozent) ist die Erkrankung vererbt. Zwei Genmutationen sind mittlerweile entschlüsselt. „In 80 Prozent dieser Fälle muss mit einem Mammakarzinom gerechnet werden“, sagt MHH-Professor Peter Hillemanns. Die Fahndung nach den „Brustkrebsgenen“ im Blut ist sehr aufwendig und dauert bis zu einem halben Jahr. Das zertifizierte Brustkrebszentrum der MHH ist eine von bundesweit zwölf Einrichtungen, die sich auf vererbten Brustkrebs spezialisiert haben.
Marianne Hartmann blinzelt in die Sonne. Sie wolle noch einmal „durchstarten“, sagt sie. Den Beruf will sie nicht aufgeben, aber künftig soll mehr Zeit bleiben – für sich und ihren Mann, der ihr in diesen Tagen sehr geholfen hat, indem er schwieg, als sie schweigen wollte, und zuhörte, als sie über ihre Ängste redete. „Man beginnt, das eigene Leben noch einmal aufzuarbeiten.“ In den nächsten Tagen wird sie an die See fahren. Sie hofft. „Der Wind wird die schweren Gedanken schon wegblasen.“

* Name geändert

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