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Schwangerschaft und Geburt

Das Wunder des Lebens und der erste Klaps

Von Gabi Stief

Eine Geburt kann eine komplizierte Angelegenheit sein – die Kliniken in der Region Hannover sind auch auf Problemfälle gut vorbereitet.
Modell eines Fötus im Mutterleib

Vollpension Mutter: Wenn ein Kind zur Welt kommt, soll das Geburtsrisiko so gering wie möglich sein.

© istock.com

Es sind die Tage, die unvergessen bleiben. Der Tag, an dem überraschend die Wehen einsetzten, aber die Autofahrt mit dem Vater in spe am Steuer bereits an der nächsten Ecke in einem eleganten Bogen an der Bordsteinkante endete, weil die Straßen an diesem Morgen im Winter 1987 noch unter einer tiefen Schnee-
decke lagen. Was schließlich – nach einer rasanten Fahrt mit dem Rettungswagen – im Kreißsaal geschah, lässt sich sogar nachlesen; 30 Jahre lang werden alle Daten des Geburtsvorgangs aufbewahrt. „Nichts ist so gut dokumentiert wie die Entbindung in einer Klinik“, sagt Werner Bader, Chefarzt der Frauenklinik Nordstadt. Jedes Detail wird festgehalten. Aus gutem Grund: „Wenn ein Neugeborenes nicht gesund ist, kommt sofort die Frage auf, was schiefgelaufen ist.“

891 Kinder bekamen in der Nordstadt im Jahr 2007 ihren ersten Klaps auf den Po. Hannovers größte Entbindungsstation liegt am anderen Ende der Stadt, in Kirchrode. Rund 1900 Kinder kommen in der Frauenklinik der Henriettenstiftung jedes Jahr zur Welt; im Schnitt fünf Kinder täglich. Die Klinik ist auch auf die schwierigsten Fälle vorbereitet. In Kooperation mit dem Kinderkrankenhaus auf der Bult wurde in Kirchrode 1997 Hannovers erstes „Perinatalzentrum“ gegründet, das kranke Früh- und Neugeborene in unmittelbarer Nähe ihrer Mütter versorgt. Zwei weitere Kliniken sind mittlerweile „assoziierte Partner“; seit 2003 das Vinzenzkrankenhaus, seit 2006 das Friederikenstift. Seit 2004 bietet auch die Medizinische Hochschule Hannover ein eigenes Zentrum für Risikogeburten an, das die strengen gesetzlichen Vorgaben erfüllt.

Nach wie vor ist eine Entbindung ohne Komplikationen der Normalfall. Aber die Zahl sogenannter Risikoschwangerschaften steigt; paradoxerweise auch dank der Medizin, die nachhilft, wenn sich der Kinderwunsch nicht erfüllt. „Viele Frauen, die früher nicht schwanger geworden wären, werden heute Mutter“, sagt Ralf L. Schild, Chefarzt der Frauenklinik der Henriettenstiftung. Künstliche Befruchtung, gesundheitliche Risiken wie Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht, aber auch Mehrlingsschwangerschaften können die Geburt komplizieren. Nicht zu vergessen das zunehmend höhere Alter werdender Mütter. Fast 17 Prozent der Mütter sind zum Zeitpunkt der Geburt ihres ersten Kindes heute älter als 35 Jahre. Ernüchternd, sagt Schild, sei zudem die Zahl der Frühgeburten, die trotz intensiver Vorsorge während der Schwangerschaft nicht sinkt. Etwa sieben bis zehn Prozent aller Kinder kommen vor dem Ende der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt.

Bei zwei Drittel der Entbindungen, die am Ende als Risikoschwangerschaft erfasst werden, wurde die Diagnose bereits vorab gestellt. Tauchen erst bei der Entbindung überraschend Probleme auf, muss alles sehr schnell gehen – notfalls per Kaiserschnitt. Von der Entscheidung zum Eingriff bis zur Entbindung dürfen höchstens 20 Minuten vergehen. Erfahrene Teams holen das Kind per Kaiserschnitt in der Hälfte der Zeit in die neue Welt.

Auch die Zahl der Kaiserschnitt-Geburten steigt seit Jahren rapide. Gerade einmal acht Prozent der Neugeborenen kamen in den achtziger Jahren auf diese Weise zur Welt. Heute betrifft dies 29 Prozent der Geburten – in den meisten Fällen ist der Eingriff geplant. „Viele Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt aus Angst vor den Schmerzen einer normalen Geburt“, sagt Professor Schild. Viele sorgen sich, weil die Kinder zunehmend kräftiger werden. Liegt kein medizinischer Anlass vor, rät Schild dennoch ab. Die Geburt werde zwar erleichtert, aber ein derartiger Eingriff bleibe – trotz neuer „sanfter“ Methoden – immer ein Risiko. Der Wundschmerz könnte das Stillen erschweren, die Infektionsgefahr ist größer. Bei einer zweiten Geburt könnte die alte Narbe eine Belastung sein.

Ohnehin haben sich die Kliniken in den vergangenen Jahren viel einfallen lassen, um werdenden Müttern (und Vätern) die Ängste vor dem freudigen Ereignis zu nehmen. Sterile Kreißsäle wurden zu wohnlich möblierten farbigen Geburtsräumen, Elternschulen informieren über Quarkwickel und das richtige Stillen.

Zunehmend erinnert man sich auch an das Wissen früherer Geburtshelfer und Hebammen. Die Frauenklinik Nordstadt bietet eine „Vierfüßlergeburt“ an, bei der sich die Frau während der Entbindung auf ihre Knie und Ellenbogen stützt. Homöopathie, Aromatherapie, Massagen und Akupunktur zur Geburtsvorbereitung und zur Schmerzlinderung sind mittlerweile in allen Kliniken Standard. Eine Unterwassergeburt in der Wanne wie in der Henriettenstiftung ist kein exotisches Angebot mehr.

Klassische Schmerzmittel sind nicht aussortiert. Im Gegenteil. Etwa 20 Prozent der Frauen, so wird geschätzt, gebären heute – zumeist auf eigenen Wunsch – mit Periduralanästhesie (PDA). Die Schwangeren werden durch eine Spritze in die Wirbelsäule so betäubt, dass sie vom Schmerz viel weniger mitbekommen. In den USA und in Frankreich gehört die PDA längst zum Standard bei ganz normalen Geburten.

Für eine Geburt zu Hause oder in einem Geburtshaus entscheidet sich eine kleine Minderheit. Chefarzt Bader rät davon ab. Ernsthafte Notfälle seien zwar selten, aber die Klinik biete die Sicherheit, dass jederzeit ein Arzt bereitstehe. Zudem sei auch eine normale Geburt Stress – für die Mutter und das Kind. Schließlich verlässt da ein neuer Erdenbürger „die Vollpension Mutter“ und muss plötzlich selbst atmen.

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