Dieses größte Gelenk des Körpers verbindet den Oberschenkelknochen beweglich mit Schienbein und Wadenbein. Als klassisches Scharniergelenk erlaubt das Knie zwar eine Beugung in der Längsachse, aber nur sehr wenig seitliche Bewegungen. Kreuzbänder und Seitenbänder sorgen dabei für Stabilität, damit die Knochen nicht ausscheren. Dort, wo sich die abgerundeten Enden der Oberschenkel- und Unterschenkelknochen berühren, sind diese mit glattem, elastischem Knorpel überzogen, der ein müheloses Gleiten ermöglicht. Der Spalt zwischen beiden Knorpelflächen wird zudem immer wieder mit Gelenkflüssigkeit „eingefettet“. Darüber hinaus sorgen die beiden halbmondförmigen Bindegewebs-Menisken beim Gehen für eine gleichmäßige Druckverteilung.
In unserer modernen Gesellschaft allerdings rostet das auf regelmäßige Bewegung eingerichtete Gelenk gern mal ein – oder es wird überlastet. Das passiert beispielsweise bei Menschen, die im Alltag viel sitzen und es dann auf einmal mit der sportlichen Aktivität übertreiben. Aber auch bei trainierten Sportlern, die sich bei einem Unfall eine Verletzung zuziehen. Und schließlich nagt der Zahn der Zeit an den Gelenken. Unsere Vorfahren wurden kaum halb so alt wie wir, heute müssen die Gelenke also deutlich länger halten. Aber das klappt nicht immer: In Deutschland findet man inzwischen bei jedem zweiten Menschen zwischen 30 und 50 Jahren abgenutzte Knie, von den über 70-Jährigen hat sogar fast jeder eine sogenannte Arthrose. Meist ist es der Knorpel, der im Laufe der Zeit löcherig wird und den Knochen nicht mehr schützt. Oder die Bänder sind ausgeleiert und lassen für das Knie schädliche Bewegungen zu. Bei jüngeren Menschen hat oft auch ein Unfall den Knorpel beschädigt.
Für die Betroffenen ist eine fortgeschrittene Arthrose meist sehr schmerzhaft und macht viele Bewegungen unmöglich. Auch Schmerzmittel und Bewegungstherapie können die Krankheit nur aufhalten. Oft bleibt daher nur der Austausch des Gelenks, um die Mobilität zurückzubringen.
In Deutschland ist das Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks inzwischen zur Routine geworden. Auch die Prothesen haben sich immer weiter verbessert. „Inzwischen funktionieren 98 Prozent der Knieprothesen auch nach zehn Jahren noch einwandfrei“, sagt Prof. Frank Gossé, Direktor der Orthopädischen Klinik III im Annastift. „Wichtig ist, dass man nicht zu früh mit den Knieprothesen anfängt, weil man diese sonst eher austauschen muss“, erklärt Gossé. „Wartet man zu lange, drohen den Betroffenen allerdings steife Knie.“ Als Richtwert operieren Gossé und seine Kollegen im Annastift ab dem 60. Lebensjahr.
Für die meisten Patienten ist dann die sogenannte Schlittenprothese die erste Wahl. Diese Teilprothese ersetzt nur noch die Oberfläche der Knochenenden im Gelenk. Zwischen den metallenen Kappen, die mit Zement auf den Knochen geklebt werden, ist ein Meniskus aus Kunststoff als Puffer eingebaut. Stabilisiert wird die Schlittenprothese, die eine sehr weite Beugung des Knies erlaubt, von den eigenen Bändern des Patienten. Das vordere Kreuzband muss für die Prothese allerdings entfernt werden. „Die Ausbalancierung der Weichteile ist ein entscheidender Punkt bei der Operation“, sagt Gossé. „Die Bandspannung muss überall gleich sein, sonst wird das Kunstgelenk einseitig belastet.“ Und das hält nicht einmal der beste, abriebfeste Kunststoff aus. Um eine optimale Bandspannung zu erreichen, nutzen die Operateure heute moderne Geräte, mit denen sie die Bandspannung bereits während des Eingriffs messen können.
Muss die Schlittenprothese dann irgendwann doch einmal ausgetauscht werden, weil sie nicht mehr richtig hält, oder gibt es womöglich Komplikationen, steht den Operateuren heute ein ganzes Arsenal spezieller Prothesentypen zur Verfügung. Allergiker beispielsweise erhalten Titanprothesen ohne Nickelanteil. Für Patienten mit instabilen Bändern gibt es Prothesen, deren beide Teile fest verbunden sind. Und bei einer späteren Wechseloperation nutzen die Ärzte statt der Oberflächenprothese ein künstliches Gelenk, das mit langen Schäften fest in Oberschenkel-und Unterschenkelknochen verankert wird. „Diese Wechseloperationen machen im Tagesgeschäft inzwischen bis zu 20 Prozent der Eingriffe aus, weil es viele ältere Knieprothesen gibt“, sagt Prof. Reinhard Fremerey, der die Orthopädie im Krankenhaus Lehrte des Klinikums der Region Hannover leitet.
Als Besonderheit operieren die Lehrter übrigens, ohne während des Eingriffs den Blutfluss im Bein zu unterbrechen. „Eine Blutsperre machen wir nur zum Zementieren der Prothese“, erklärt Fremerey. „Die Patienten haben auf diese Weise weniger Schmerzen und können sehr schnell aufstehen.“
Anderswo werden die frisch Operierten so schnell es geht wieder bewegt. Im Annastift etwa dürfen sie schon am Tag nach der Operation wieder kurzzeitig aufstehen, und eine Spezialschiene mit Motor bewegt das Knie passiv, während sie liegen, um die Heilung zu fördern. Im Schnitt verbringen die Patienten beim Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks etwa zehn Tage in der Klinik. Danach sollte dann möglichst bald die sogenannte Anschlussheilbehandlung in der Reha-Klinik folgen, wo besonders Krankengymnastik auf dem Programm steht.
Die Komplikationsrate bei der Standardoperation am Knie ist inzwischen insgesamt gering. Im Bundesdurchschnitt muss nur in zwei Prozent der Fälle ein zweites Mal operiert werden. „Die Hauptkomplikationen beim künstlichen Knie sind eine Wundinfektion oder eine Lockerung der Prothese“, sagen Gossé und Fremerey übereinstimmend.
Ingrid Sorge beispielsweise hat Pech gehabt. In Baden-Württemberg wurde der 68-Jährigen wegen ihrer Arthrose ein künstliches, rechtes Knie eingesetzt. Doch schon kurz nach der Operation wurde das Bein dick, und sie konnte sich kaum noch bewegen – die Prothese hatte sich gelockert. „Damals hatte ich monatelang Schmerzen und musste mein Bein wie ein Holzbein hinter mir herziehen“, erzählt Ingrid Sorge. „Ich habe gelitten, das kann man gar nicht beschreiben.“
Im Krankenhaus Lehrte bekam die Rentnerin dann schließlich eine neue Prothese: keinen Oberflächenersatz mehr, sondern ein sogenanntes Revisionsknie, das speziell für derartige Fälle entwickelt wurde. „Vor dieser zweiten Operation hatte ich wirklich Panik“, sagt die Patientin. „Aber schon zwei Tage danach habe ich gemerkt, dass nun alles gut geht.“ Inzwischen wohnt die 68-Jährige wieder zu Hause und geht regelmäßig zur ambulanten Krankengymnastik in Hannover. Dabei kann sie es kaum erwarten, dass ihr neues Knie wieder längere Spaziergänge zulässt. „Ich möchte doch endlich wieder mit meinen Löwen-Hunden laufen gehen“, sagt Ingrid Sorge.
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