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Gallenprobleme

Die Last der Steine

Von Veronika Thomas

Simon Bieker litt seit drei Jahren unter starken Schmerzen in der Magengegend, die kamen und gingen. Eine Untersuchung ergab keinen konkreten Befund.
grafische Darstellung der Galle

Die Gallenblase dient als Reservoir für die Gallensäure, die unter anderem zur Fettverdauung benötigt wird. Bei Veränderungen des Stoffwechsels können sich Gallensteine bilden.

© medicalpicture

Bis zu jener Sonnabendnacht, in der er mit starken Koliken im rechten Oberbauch aufschreckte. Zuerst versuchte er noch, die Schmerzen wegzuatmen. Ohne Erfolg. Das starke Schmerzmittel in Verbindung mit einem krampflösenden Medikament, das sonst immer geholfen hatte, erbrach der 31-Jährige gleich wieder. „Das wollte ich nicht noch einmal erleben“, erzählt der Betriebswirt aus Hannover. Als Notfall wurde er ins Henriettenstift eingeliefert. Schon am nächsten Tag hatten die Ärzte den Grund für die Schmerzen entfernt – seine Gallenblase.

„Wer einmal Beschwerden hatte, bekommt sie immer wieder. Deshalb entfernen wir die Gallenblase sofort, wenn Gallensteine der Grund für die Beschwerden sind“, sagt Prof. Joachim Jähne, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Bauchchirurgie im Henriettenstift. „Das Entfernen ist heutzutage ein Routineeingriff“, sagt Jähne. An deutschen Kliniken werden pro Jahr rund 167 000 solcher Eingriffe durchgeführt, etwa 16 000 sind es in Niedersachsen, davon 800 in der Region Hannover.

Ursache für die Beschwerden sind Steine, die sich in der Gallenblase bilden, einem birnenförmigen, kinderfaustgroßen Organ, das sich in einer kleinen Grube auf der Rückseite der Leber befindet. Diese produziert täglich etwa einen Liter des zähflüssigen Gallensafts, der unter anderem der Fettverdauung im Darm dient. Speicher dieses Gallensafts ist die Gallenblase, über deren Gallengang der Verdauungssaft in den Zwölffingerdarm abgegeben wird, sobald Fett in unseren Darm gelangt.
Die Bildung von Gallensteinen ist zu einem Teil hormonell bedingt, etwa 70 Prozent aller Betroffenen sind Frauen jenseits der 40 mit einem Kind oder mehreren Kindern. „Oft treten Gallenbeschwerden auch während der Schwangerschaft auf“, sagt Andreas Kuthe, Chefarzt im Clementinenhaus. Weitere Faktoren, Gallensteine zu bekommen, sind Übergewicht und eine helle Hautfarbe. Warum, das ist noch nicht erforscht. Bei Männern sind die Ursachen häufig genetisch bedingt wie bei Simon Bieker, bei dessen Vater und Großmutter die Galle ebenfalls in jungen Jahren entfernt werden musste.

Steine bilden sich, wenn der Gallensaft zu stark eindickt und die drei Hauptbestandteile der Gallenflüssigkeit – Gallensalze, Lezithin und Cholesterin – aus dem Gleichgewicht geraten. Häufig ist es das Cholesterin, das sich verfestigt, wenn es im Übermaß vorhanden ist. Die Folge sind Gallensteine – vom kleinen Kristall bis hin zum hühnereigroßen Stein. Als Risikofaktoren für Gallensteine gelten eine fett- und cholesterinreiche sowie ballaststoffarme Ernährung.

Stören Gallensteine den Abfluss des Gallensafts, kann es zu einer Überfüllung der Gallenblase kommen. Die Folge ist eine Gallenblasenentzündung, die mit heftigen Schmerzen im rechten Oberbauch einhergeht, die Schmerzen strahlen häufig noch in Schulter und Rücken aus. Begleitend kommen Brechreiz, Übelkeit und Schweißausbrüche hinzu. Bereits in diesem Stadium sollte die Galle entfernt werden, denn es können sich auch Gallensteine aus dem Organ lösen und den Gallengang verstopfen – eine Gelbsucht oder eine lebensgefährliche Bauchspeicheldrüsenentzündung wären mögliche Folgen.

Langwierige Entzündungen der Gallenblase können zu Gallenblasenkrebs führen, eine sehr seltene Erkrankung, die etwa rund ein Prozent aller Krebserkrankungen ausmacht. Eine weitere mögliche Folge von Gallensteinen sind entzündliche Abszesse oder das Platzen der Gallenblase in der Bauchhöhle. „Je kleiner die Steine, desto gefährlicher sind sie“, sagt Prof. Jähne. Denn sie können sich aus der Gallenblase lösen, während die großen Steine meistens beschwerdefrei an Ort und Stelle bleiben.Schätzungsweise zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung haben Gallensteine, doch nur bei jedem Vierten treten Beschwerden auf. Betroffene berichten meistens von unspezifischen Beschwerden wie Unverträglichkeiten gegen Kaffee, Sahnetorte und fette Speisen, begleitet von einem allgemeinen Unwohlsein. Durch Ultraschall- und Blutuntersuchungen lassen sich Gallenblasenentzündungen und -steine zweifelsfrei diagnostizieren.

Eine Gallenblase wird in mehr als 90 Prozent aller Fälle minimalinvasiv, also per Schlüssellochchirurgie, entfernt. Das ist nicht nur schonender und verkürzt den Klinikaufenthalt, sondern sei auch kosmetisch schöner, sagt Jähne. Nur wenn Komplikationen zu befürchten sind oder Patienten schon eine Bauchoperation hinter sich haben und Verwachsungen des Narbengewebes zu befürchten sind, wird „offen“ operiert.

Bei der sogenannten Laparoskopie (Bauchspiegelung) setzen die Chirurgen vier etwa drei bis zehn Millimeter große Schnitte in die Bauchdecke, durch die die Greif- und Schneideinstrumente und die Kamera in den Bauchraum eingeführt werden. Um Platz für die Instrumente zu schaffen, wird der Bauchraum mit dem Gas Kohlendioxid aufgepumpt. Diese Methode ist seit Mitte der neunziger Jahre Standard und verläuft in der Regel komplikationslos. Nach drei bis vier Tagen können die Patienten nach Hause entlassen werden, eine herkömmliche Operation mit Bauchschnitt dauert im Schnitt zwei Wochen.

Noch vor 40 Jahren wurde die Gallenblase häufig aufgeschnitten, um die Steine herauszuholen. Doch bei dieser Methode seien die Nähte häufig schlecht verheilt, erzählt Jähne. Eine weitere Methode war das Zertrümmern mittels Stoßwellentherapie. Doch nach einigen Jahren bildeten sich auch hier neue Gallensteine. Das komplette Entfernen sei das sicherste und schonendste Verfahren, um zu verhindern, dass sich neue Steine bilden.
Für eine Gallenblasenentfernung benötigen die Ärzte im Schnitt 30 bis 60 Minuten, in schwierigen Fällen können es auch zwei Stunden werden. Obgleich der Eingriff Standard ist, gehört viel Erfahrung dazu, damit beim Ablösen der Gallenblase von der Leber keine Nachbarorgane verletzt werden; dazu zählen neben der Leber auch der Dickdarm und die Bauchspeicheldrüse. Um unter anderem zu verhindern, dass Gallensekret in die Bauchhöhle austritt, wird die Gallenblase nach dem Ablösen in einen sogenannten Bergebeutel, eine Plastiktüte, gepackt und über den Bauchnabel herausgezogen. Die anschließende histologische Untersuchung auf Gallenblasenkrebs gehört zum Standardrepertoire einer jeden Gallenblasenentfernung.

Wenige Stunden nach dem Eingriff dürfen die Patienten, sofern sie es vertragen, schon wieder trinken und sogar etwas Leichtes essen. Zusätzliche Medikamente benötigen sie nicht. „Am Tag danach gibt es bei uns ein ganz normales Frühstück“, sagt Jähne. Schonkost sei nicht nötig. Die Funktion der Gallenblase übernimmt fortan die Leber, die das Gallensekret nun kontinuierlich an den Darm abgibt. Am zweiten Tag nach der Operation werden die Leber- und Blutwerte kontrolliert, am dritten oder vierten Tag werden die Patienten entlassen. „Die meisten sind nach 14 Tagen wieder arbeitsfähig“, sagt Jähne.

Es gibt allerdings Patienten, denen es nach einer Gallenblasenoperation nicht besser gehe, sagt Chefarzt Kuthe. In diesen Fällen hätten die Beschwerden – neben den diagnostizierten Gallensteinen – weitere Ursachen, etwa eine Erkrankung des Magens oder Darms.
Simon Bieker jedenfalls fühlt sich nach der Operation richtig gut. Jetzt will er schnell wieder fit werden – zum Arbeiten, Laufen und Mountainbiken.

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