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Schrittmacher

Wenn das Herz aus dem Takt gerät

Von Juliane Kaune

Es gab mehrere Warnungen seines Körpers. Doch Edmund J. konnte sie nicht deuten. Einmal passierte es im Urlaub in Köln, dann beim Spaziergang mit seiner Frau im Heimatort Wunstorf: Dem pensionierten Diplomingenieur wurde schwarz vor Augen.
Gunnar Klein, Oberarzt in der Kardiologie der MHH

Gunnar Klein, Oberarzt in der Kardiologie der MHH: „Ein großer Teil der Patienten, die einen Schrittmacher benötigen, leiden unter Schwindelanfällen oder wiederkehrendem Bewusstseinsverlust.“

© Martin Steiner

Er stürzte, und als er wieder zu sich kam, war ihm rätselhaft, was ihn plötzlich so umgehauen hatte. „Ich habe gedacht, das gibt sich wieder“, erinnert er sich. Doch so war es nicht. Als er im November vergangenen Jahres ein drittes Mal ohnmächtig wurde, verletzte er sich so schwer am Kopf, dass er in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) eingeliefert werden musste. Und dort stellten die Ärzte schließlich die Diagnose: Herzrhythmusstörungen. Edmund J. brauchte einen Herzschrittmacher.

Der Fall des 66-Jährigen ist ein typisches Beispiel. „Ein großer Teil der Patienten, die einen Schrittmacher benötigen, leiden unter Schwindelanfällen oder wiederkehrendem Bewusstseinsverlust“, sagt Gunnar Klein, Oberarzt in der Kardiologie der MHH. Bei ihnen schlägt das Herz in der Regel zu langsam – mit der Folge, dass zu wenig Blut in den Kopf gelangt und das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Auch Atemnot, ein Druckgefühl in der Brust oder Schweißausbrüche können auf Herzrhythmusstörungen hindeuten.

„Man kann sich das Herz vorstellen wie eine Autobatterie“, erklärt Klein. Der Rhythmus der Schläge wird über körpereigene elektrische Impulse erzeugt. Diese stammen von einem speziellen Taktgeber, dem Sinusknoten in der oberen rechten Herzkammer (Vorhof). Seine Befehle werden über ein ausgeklügeltes Leitungssystem weitergegeben. Der zwischen beiden Herzkammern gelegene sogenannte AV-Knoten überträgt die Impulse in alle Bereiche des Organs. Die Kammermuskulatur gerät in Bewegung – das Herz schlägt. Bei gesunden Menschen leistet es ganze Arbeit: Mit rund 100 000 Kontraktionen am Tag pumpt es das Blut durch den gesamten Organismus. Zwischen 60 und 70 Schläge in der Minute sind normal – über den Puls kann man das fühlen.
Wie in einer Autobatterie kann die körpereigene „Stromleitung“ aber an irgendeiner Stelle defekt sein, und der gleichmäßige Takt gerät ins Stottern. Ursachen solcher „Fehlzündungen“ können ein Herzklappenfehler oder eine Herzmuskelentzündung sein, aber auch Gefäßverkalkung oder Schilddrüsenprobleme gelten als mögliche Auslöser. Nicht immer müssen sie behandelt werden. Doch wenn die Beschwerden zunehmen und Medikamente nicht mehr helfen, muss die „Batterie“ des Herzens neu aufgeladen werden: Ein Schrittmacher hilft dem Organ dann wieder auf die Sprünge. Betroffene sind meist Patienten, die 70 Jahre und älter sind – bei manchen von ihnen bringt es das Herz vor der Implantation eines künstlichen Taktgebers nur noch auf etwa 40 Schläge pro Minute.
Das Einsetzen eines Schrittmachers zähle heute zu den Routineeingriffen, sagt Professor Andreas Franke, Leiter der Kardiologie im Krankenhaus Siloah des Klinikums Region Hannover. In dem etwa streichholzschachtelgroßen Gerät verbirgt sich ein Minicomputer mit intelligenter Software, der fehlende Impulse des Sinusknotens ausgleicht. Mehr als 66 000 Frauen und Männer in Deutschland erhielten im Jahr 2006 einen Herzschrittmacher, davon rund 6100 in Niedersachsen. In der Region Hannover gehörten im Vergleichsjahr das Siloah-Krankenhaus mit 157 Erstimplantationen eines Schrittmachers und die MHH mit 145 entsprechenden Operationen zu den Kliniken, die die meisten dieser Eingriffe vornahmen.
Mit einem Langzeit-Elektrokardiogramm (EKG), das 24 Stunden oder über einen noch längeren Zeitraum die Herzfrequenz misst und aufzeichnet, lassen sich die Rhythmusstörungen in der Regel gut diagnostizieren. Allerdings funktioniere das nicht immer, betont MHH-Oberarzt Klein. Denn die Aussetzer kommen nicht auf Bestellung. Mitunter schlägt das Herz gerade dann ganz normal, wenn das EKG läuft.
Diese Erfahrung musste auch Edmund J. machen. Erst an der MHH konnten seine Herzrhythmusstörungen zweifelsfrei nachgewiesen werden. „Ich war so froh, dass ich endlich wusste, was bei mir nicht stimmt“, sagt er. Denn als er nach seinen beiden ersten Ohnmachtsanfällen in zwei anderen Kliniken war, konnten die Ärzte dort nichts feststellen – weil sein Herz im gewohnten Takt schlug.

Die Operation ist unkompliziert. „Das ist eine Sache von maximal einer Stunde“, sagt Klein. In aller Regel erhalten die Patienten eine örtliche Betäubung, selten eine Vollnarkose. Der Chirurg setzt knapp zehn Zentimeter unter dem linken Schlüsselbein einen Schnitt. Um den Schrittmacher zu implantieren, formt er aus der Unterhaut eine kleine Tasche, in die er das Aggregat steckt. Dann führt er die millimeterdünnen Elektroden, auch Sonden genannt, durch eine große Vene zum Herzen. „Wir nutzen die vorhandenen Verbindungen im Körper“, erklärt Klein. Unter Röntgenstrahlen und mit elektronischen Messgeräten prüft der Chirurg während der Operation die Position der Elektroden. Er verbindet diese mit dem Aggregat und näht sie auf dem darunter liegenden Muskelgewebe fest. In der Regel wird eine Sonde in den rechten Herzvorhof eingeführt, die zweite endet in der sich anschließenden Kammer.
Der Eingriff sei sehr sicher, es komme kaum zu Komplikationen, erklären die Experten von MHH und Siloah übereinstimmend. „Die Patienten brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen“, betont Achim Flake. Der Oberarzt aus der Siloah-Kardiologie hat binnen zehn Jahren bereits mehr als 1000 solcher Operationen vorgenommen. In sehr seltenen Fällen könne es passieren, dass Blutgefäße verletzt würden oder sich die Elektroden verschieben. Wie bei jeder Operation bestehe in Ausnahmefällen auch die Gefahr einer Infektion.
Haben die Patienten die OP hinter sich, müssen sie meist nicht länger als ein bis zwei Tage in der Klinik bleiben. Vier bis sechs Wochen nach dem Eingriff steht ein Kontrollbesuch an. Ist alles in Ordnung, reichen Nachsorgetermine im Halbjahresturnus in einer kardiologischen Praxis. Mit dem Fremdkörper in der Brust könnten die Patienten wieder ein ganz normales Leben ohne größere Einschränkungen führen, sagt MHH-Oberarzt Klein. Vorsicht sei allerdings bei starken Magnetfeldern geboten wie sie etwa in modernen Induktionsherden oder in Kernspintomographen vorkommen. Manche Ärzte raten auch dazu, das Handy auf einem Sicherheitsabstand von etwa 20 Zentimetern zu halten und der Rückseite einer Mikrowelle nicht zu nahe zu kommen.

Grundsätzlich ist auf den Minicomputer langfristig Verlass: Er ist mit Batterien ausgestattet, die bis zu zehn Jahre halten. „Wir haben sogar einen Patienten, dessen Schrittmacher 17 Jahre lief – das ist Rekord“, sagt Flake. Für das Austauschen des Aggregats ist wiederum ein kleiner Eingriff nötig, der sogar ambulant erfolgen kann. Die Sonden dagegen bleiben fast immer dauerhaft im Körper.

Edmund J. hat sich nach einem guten halben Jahr längst an den Apparat gewöhnt – obwohl er ihn fühlen kann. „Ich habe eben zu wenig Fleisch auf den Rippen“, meint er mit einem Schmunzeln. „Ob Gymnastik oder Gartenarbeit – ich mache alles, was ich früher auch gemacht habe.“ Den Ärzten der MHH hat er einen langen Dankesbrief geschrieben. Denn der Schrittmacher, sagt er, gebe ihm Sicherheit. Die Sicherheit, dass sein Herz nicht wieder aus dem Takt gerät.

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