Seit fünf Jahren gibt es Disease-Management-Programme (DMP). Was ist das?
Die DMP oder auch Chronikerprogramme tragen der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland Rechnung. Weil die Menschen immer älter werden, gibt es auch immer mehr chronisch Kranke. Strukturierte Behandlungsprogramme sind nötig, um solche Patienten medizinisch besser zu versorgen. Denn im Gegensatz zur Akutversorgung ist bei uns die Betreuung chronisch Kranker im internationalen Vergleich nicht so gut organisiert. Deshalb hat das Bundesgesundheitsministerium eine neue Versorgungsform gefordert.
Welche Effekte sollen die DMP erzielen?
Vor allem soll der Patient eine qualitativ bessere Betreuung über den gesamten Zeitraum der Behandlung erhalten. Durch aufeinander abgestimmte und kontinuierliche Betreuung sollen chronisch Kranke mehr Lebensqualität erlangen und vor den Spätfolgen ihrer Erkrankung bewahrt werden. Die Teilnahme an einem DMP ist für Ärzte und Patienten freiwillig. Angebote gibt es für Betroffene mit Diabetes mellitus Typ 1 und 2, koronaren Herzerkrankungen, Brustkrebs, Asthma bronchiale und bestimmten chronischen Lungenerkrankungen.
Und wer behandelt?
In der Regel ist es der Hausarzt, der nun alle Untersuchungs- und Behandlungsschritte steuert und die Fäden in der Hand hält. Den Gang zum Spezialisten beispielsweise muss der Patient nun nicht mehr selbst organisieren. Diese Lotsenfunktion des behandelnden Arztes ist nicht nur bequem und effektiv, sie spart auch Kosten. Denn so entfallen unnötige Doppeluntersuchungen wie etwa beim Röntgen oder bei Bluttests. Auch die Krankenversicherungen profitieren. Zuvor waren Kassen benachteiligt, die einen hohen Anteil chronisch Kranker unter ihren Versicherten hatten und somit hohe Behandlungskosten zahlen mussten. Jetzt erhalten sie mehr Geld, wenn ihre Versicherten an den DMP teilnehmen. Dadurch ist der Wettbewerbsnachteil ausgeglichen.
Gleichwohl stehen die Chronikerprogramme auch in der Kritik. Warum?
Der behandelnde Arzt muss über Therapie und Fortschritte des Patienten genau Buch führen, damit die Daten vergleichbar sind und sich die Qualität der Versorgung tatsächlich verbessern kann. Das bedeutet natürlich mehr Bürokratie in den Praxen. Die Dokumentation der Daten geht auf Kosten der Zeit, die der Arzt ansonsten für seine Patienten hätte.
Sie waren ursprünglich eine DMP-Gegnerin. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Mittlerweile sehe ich, dass die Chronikerprogramme dafür sorgen, dass Patienten wieder regelmäßig kommen und somit besser versorgt werden können. Da künftig immer mehr chronisch Kranke von immer weniger Hausärzten betreut werden müssen, führt eine strukturierte und für alle verbindliche Versorgung auch zu mehr Planungssicherheit für die behandelnden Ärzte.
Interview: Kirsten Allée
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