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Helfer für alle Fälle


Gar nicht so einfach, Medikamente zu entwickeln, die wirken, aber wenig Nebenwirkungen haben. Klinische Studien sollen mögliche Risiken minimieren und Sicherheit bieten.
bunte Pillen, Tabletten, Dragees auf einem Haufen

Welches Mittel aus der bunten Vielfalt der Medikamente das richtige ist, sollte ein Arzt individuell entscheiden.

© ddp

Arzneimittel sind allgegenwärtig: Es gibt wohl kaum jemanden, der in seinem Leben noch keinen Kontakt mit Medikamenten hatte. Bestseller in den Apotheken sind die Schmerzmittel. Kein Wunder – mehr als jeder zweite Deutsche gibt an, regelmäßig von Kopfschmerzen geplagt zu sein. Die meisten versorgen sich rezeptfrei mit helfenden Präparaten. Aber viele Patienten ärgern sich dabei über ein leeres Portemonnaie, wenn sie aus der Apotheke kommen. Warum sind Medikamente eigentlich so teuer?

„Das liegt nicht an den Kosten für den Wirkstoff selber, sondern an den aufwendigen Studien im Vorfeld“, erläutert Prof. Dirk O. Stichtenoth, Facharzt für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Bis ein Medikament mit einem neuen Wirkstoff auf den Markt kommt, vergehen rund zehn bis zwölf Jahre. Die werden für teure Studien benötigt. Zunächst wird das Medikament in Labor- und Tierexperimenten getestet. Dann kommt die Erstanwendung am Menschen, zunächst an gesunden Probanden – die dafür bezahlt werden müssen, dass sie sich als Medikamententester betätigen. Im Anschluss beginnen kleine klinische Studien mit 100 bis 300 Patienten. An diesem Punkt kommen Stichtenoth und die Klinische Pharmakologie ins Spiel. „Wir sind dafür da, die Medikamente am Menschen zu erproben“, sagt er.

Schließlich werden große klinische Studien mit mehreren Tausend Patienten durchgeführt, bevor das Medikament zugelassen wird. Patienten erklären sich oft bereit, ein neues Medikament zu testen. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass es besser hilft als bisher eingenommene Arzneimittel. Die Wirksamkeit und Sicherheit des Medikaments muss getestet und nachgewiesen sein, bevor es auf den Markt kommt. Doch trotz der aufwendigen Studien rät Stichtenoth zur Vorsicht bei ganz neuen Medikamenten: „Es sind meistens noch nicht alle Nebenwirkungen bekannt; das können die Studien nicht leisten.“

Doch wie wirken Medikamente eigentlich? Warum beruhigt sich das rasende Herz, wenn Betablocker eingenommen werden, und weshalb verschwinden die Kopfschmerzen nach der Aspirin-Tablette? Es gibt drei „Hauptschalter“, die ein Medikament im Körper betätigen kann. Der Wirkstoff kann Andockstellen (Rezeptoren) aktivieren oder blockieren, Enzyme stimulieren oder hemmen und Transportmechanismen beeinflussen. Konkret heißt das etwa bei Betablockern, dass Rezeptoren des Herzens blockiert werden. Das Herz hat bestimmte Rezeptoren, an denen Adrenalin andocken kann. Das führt zu einer Steigerung der Herzfrequenz. Die Betablocker blockieren diese Rezeptoren und verhindern, dass Adrenalin ankommt. So wird das Herz in einen Schonzustand versetzt.

Ein klassisches Beispiel für die Hemmung von Enzymen ist der Wirkstoff Acetylsalicylsäure, der im Aspirin enthalten ist. Ein Enzym ist eine Art kleine Fabrik im Körper, die Moleküle umbaut. Durch bestimmte Ereignisse wie etwa Infektionen kann ein Enzym zu erhöhter Aktivität veranlasst werden, was dann Entzündungen, Schmerzen und Fieber hervorrufen kann. Das Aspirin hemmt das Enzym in seiner Aktivität und lindert so die Folgen von Infektionen.

Zusätzlich zu der tatsächlichen Wirkung im Stoffwechsel haben alle Medikamente einen Placeboeffekt. Das bedeutet, dass das Medikament alleine durch die Erwartungshaltung des Patienten wirkt, unabhängig davon, welcher Wirkstoff enthalten ist. Besonders eindrucksvoll hat eine Studie mit Schlafmitteln aus dem Jahr 2003 diesen Effekt gezeigt. Ein Placebopräparat ohne Wirkstoff ließ die Probanden mehrere Wochen lang gleich gut schlummern wie verschiedene Schlafmittel. Nach vier Wochen hatte sich der Effekt jedoch abgeschwächt. “Ärzte nutzen den Placeboeffekt ganz bewusst, und das muss auch so sein“, sagt Prof. Stichtenoth, „vielen Patienten geht es oft alleine dadurch besser, dass sie mit einem Arzt gesprochen und Tabletten verschrieben bekommen haben.“ In den Studien vor der Zulassung muss ein Medikament jedoch zweifelsfrei gezeigt haben, dass es besser wirkt als ein Placebo.

Bei allem Nutzen, den ein Medikament bringt, kann es jedoch auch zu unerwünschten Wirkungen kommen, zum Beispiel durch ein Zuviel der erwünschten Wirkung. Durch die Einnahme von Betablockern etwa kann es bei Herzpatienten zu Müdigkeit und einem zu langsamen Puls kommen. Nicht selten kommen auch allergische Reaktionen vor. „Kollateralschäden“ können zum Beispiel durch Medikamente entstehen, die die Enzymaktivität beeinflussen. Das Enzym Zyklooxygenase etwa, das Entzündungen, Schmerz und Fieber hervorruft, schützt gleichzeitig die Schleimhäute, sorgt für eine gute Nierenfunktion und reguliert den Blutfluss. Daher kann die übermäßige Einnahme von Aspirin die Niere schädigen und zu gefährlichen Blutungen führen.

Bei der Verschreibung von Medikamenten ist deshalb immer eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung nötig. „Es gibt kein gutes oder schlechtes Medikament, sondern der Einzelfall entscheidet“, sagt Stichtenoth. Krankheitstyp, -stadium und -prognose müssen genauso berücksichtigt werden wie Vor- und Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die eingenommen werden, sowie die persönlichen Wünsche und Bedürfnisse des Patienten. „Extreme Situationen entstehen bei so schweren Krankheiten wie Krebs“, erklärt Stichtenoth, „da kann die Gefahr bestehen, dass der Patient nicht an der Krankheit, sondern an der medikamentösen Behandlung stirbt.“

In jedem Fall empfiehlt der Pharmakologe, detaillierte Informationen beim Arzt einzufordern: „Ein Gespräch darüber, wie das verschriebene Medikament wirkt, wie lange es genommen werden muss, über Neben- und Wechselwirkungen muss drin sein.“

von Katrin Wernke

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