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Patientengeschichte

Wenn der Schlag das Leben verändert

Von Vanessa Meyer

Für Norbert Raesch sind 65 Tage eine verdammt lange Zeit. Seit mehr als zwei Monaten wartet der 54-Jährige in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) auf ein neues Herz.
Anna Meyer, MHH am Bett eines Herz-Patienten

„Ich bin selbst schuld“, sagt Patient Norbert Raesch, als Anna Meyer seine Werte kontrolliert.

© Rainer Surrey

Früher hat der kräftige Mann Fußball als Leistungssport gespielt, jetzt wird ihm schon beim kleinen Gang über den Stationsflur die Luft knapp. Auf der Warteliste für Spenderherzen hat er die höchste Priorität – nach drei Bypässen wird Raeschs Leben momentan von einer Maschine gesichert; er trägt ein Kunstherz. „Man muss sich nichts vormachen“, sagt Raesch, „ich bin selbst an allem schuld.“

Vor drei Jahren fing es an. Damals traf der Schlag das Herz des Schweißers aus dem Osnabrücker Raum zum ersten Mal. Doch außer einem diffusen Unwohlsein hatte Raesch nicht viel gemerkt. „Mein Hausarzt meinte nur, ich hätte eine Grippe verschleppt“, erzählt er. Auch die zwei folgenden Infarkte blieben unentdeckt. Keine Seltenheit, wie Tobias Schilling, Geschäftsführer der Abteilung Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie an der MHH, erklärt: „Die Diagnostik, die ein Arzt außerhalb der Klinik zur Verfügung hat, ist neben Bluttests in erster Linie das EKG, und es gibt Infarktformen, die man im EKG gar nicht sieht.“

Erst der vierte Infarkt war unübersehbar. „Auf einem Familienfest bekam ich urplötzlich ein so starkes Stechen und Brennen in der Brust, dass ich keine zwei Meter mehr gehen konnte“, sagt Raesch. Es kam zur Notoperation mit drei Bypässen. Was war passiert? Im Versorgungssystem von Raeschs Herz, den Herzkranzgefäßen, waren gefährliche Störungen aufgetreten – viermal innerhalb eines halben Jahres. Dabei hatte sich jeweils eines der Gefäße vollständig verschlossen, wodurch die Sauerstoffzufuhr abgeschnitten wurde – Herzinfarkt. „Das nicht mehr durchblutete Gewebe stirbt innerhalb weniger Stunden ab und vernarbt“, erklärt Schilling. Gefährliche Rhythmusstörungen und eine Pumpschwäche sind die Folge. Um weitere Infarkte zu verhindern, wurden Norbert Raesch drei Bypässe gelegt. Dabei überbrückt der Herzchirurg Engstellen in der Blutversorgung etwa mit Venen aus dem Bein des Patienten.

Dass es so weit gekommen ist, dafür gibt sich Raesch selbst die Schuld: „Jahrelang zu viel gutes Essen und zu wenig Bewegung.“ Tatsächlich sind das Risikofaktoren für die häufigste Infarktursache Arteriosklerose, umgangssprachlich Arterienverkalkung. Dabei lagern sich Blutfette, vor allem Cholesterin, an der Innenwand der Blutgefäße ab. „Gefährlich wird es, wenn die Ablagerungen einreißen, etwa durch hohen Blutdruck“, erklärt Schilling. Das jetzt frei liegende fettige Material aktiviert das Gerinnungssystem des Blutes. Weiße Blutplättchen lagern sich an, und innerhalb von Minuten bildet dieses Gerinnsel einen Propf, der das Gefäß verschließt.

Bei Raesch war bald nach der Operation klar: Es sind so viele Herzmuskelzellen geschädigt, dass das Pumpen nicht mehr ausreichend funktioniert. Ein Spenderherz musste her. Doch da diese rar sind, entschieden sich die Ärzte zunächst für ein Kunstherz. Der leitende Oberarzt, Prof. Martin Strüber, setzte dem 54-Jährigen eine mechanische Pumpe in den Bauchraum ein, um die Herzfunktion zu unterstützen.

Eine Zeit lang ging es Raesch damit richtig gut, er stellte sein Leben komplett um – kein Alkohol und regelmäßig Sport. Doch ein Kunstherz ist keine Dauerlösung und hat Grenzen, die Raesch im Ostsee-Urlaub zu spüren bekam: Atemnot und ein Druck auf der Brust, „als ob sie gesprengt wird“ – und die erneute Einlieferung in die MHH.

Raeschs neues Herz wird nun täglich erwartet. Es wird die 26. Herztransplantation an der MHH in diesem Jahr. Der Patient kann es kaum erwarten und plant für die Zukunft: “ 2009, nach der Reha, will ich wieder im Geschäft sein.“ Schilling hält das trotz der Risiken für realistisch. „Klar, er muss lebenslang Medikamente gegen Abstoßungsreaktionen nehmen, und deren richtige Einstellung ist kompliziert“, sagt der Arzt. Aber Langzeitstudien zeigten, dass nach einer Transplantation oft ein langes, aktives Leben wartet.

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