Die Neurochirurgie entwickelt sich sehr schnell. Was gibt es Neues?
Zum einen können wir uns heute dank moderner Bildgebungsverfahren immer genauer im Gehirn orientieren – auch während einer Operation. Zum zweiten hilft uns die sogenannte intraoperative Neurophysiologie, funktionelle Strukturen zu schonen.
Welche Bildgebungsverfahren setzen Sie in der Neurochirurgie ein?
Um den morphologischen Aufbau des Gehirns abzubilden, nutzen wir die Computertomographie (CT) und die Kernspintomographie (MRT). Häufig ist es aber nötig, auch die Funktion der Gewebe darzustellen. Das geht beispielsweise mit der Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Dabei bekommt der Patient mit radioaktiven Isotopen versetzte Moleküle wie Kohlenstoff, Sauerstoff oder Glukose, die vom Stoffwechsel eingebaut werden, und deren Verteilung sich dann verfolgen lässt. Dabei reichern sich die Isotope etwa in den besonders stoffwechselaktiven Krebszellen an. Auch die funktionelle Kernspintomographie (fMRT) beruht auf Unterschieden in der Stoffwechselaktivität. So ist bei aktivierten Teilen der Gehirnrinde der Blutfluss erhöht. Inzwischen können wir mit der Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI), die die Diffusionsbewegung von Wassermolekülen im Körpergewebe misst, auch die großen Nervenbahnen darstellen.
Was bringen diese Methoden für die Behandlung?
Beispielsweise bilden wir nicht mehr nur das Gehirn ab, sondern scannen auch das Gesicht des Patienten mittels Kernspintomographie oder CT. Beide Daten fließen in die Neuronavigation während der Operation ein, so dass wir uns ständig anhand der Bilder im Gehirn orientieren können. Dort werden auch funktionelle Daten aus PET, fMRT oder DTI eingespeist. Dadurch können wir den zu entfernenden Tumor noch besser herausarbeiten und funktionelle Strukturen wie die Hörbahn oder das motorische Zentrum schonen.
Und wie funktioniert die intraoperative Neurophysiologie?
Mit dieser Methode können wir die Motorik des Patienten während der Operation überprüfen. Das ist bei Wachoperationen sinnvoll, bei denen der Patient örtlich betäubt, aber bei Bewusstsein ist. Wir reizen die Hirnnerven und können so beispielsweise sehen, ob eine Elektrode zur tiefen Hirnstimulation optimal platziert ist.
Was wird die Zukunft bringen?
Eine Entwicklung, die in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit bekommen wird, sind sogenannte Brain-Machine-Interfaces – also Neuroprothesen, die bestimmte Nervenfunktionen durch Computerchips ersetzen. So könnten Patienten mit schweren Lähmungen über die Kraft ihrer Gehirnströme einen Computer bedienen. Besonders interessant für uns ist der Grenzbereich zwischen den Prothesen und dem Gehirn. Man kann sich beispielsweise vorstellen, dass man Zellen in die Elektroden hineinwachsen lässt. Da gibt es schon die ersten Schritte, und da steckt einiges an Potenzial drin. Ein anderes Thema ist die Neuromodulation oder tiefe Hirnstimulation. Sie hilft unter anderem Patienten mit Parkinson. Inzwischen ist diese Methode durch wissenschaftliche Studien abgesichert. Dadurch wird die Tür geöffnet für neue Indikationen, wie das Tourette-Syndrom. Zu dieser durch „Tics“ gekennzeichneten neurologischen Erkrankung planen wir an der MHH eine Studie.
Interview: Nicola Zellmer
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