Es kann aber auch Angst sein, die eine solche körperliche Reaktion auslöst. In vielen Redewendungen des Alltags wird das Zusammenspiel von Psyche und Körper ganz einfach hergestellt: Da liegt etwas schwer im Magen, eine Sache geht an die Nieren, oder der Schreck fährt in die Glieder. Dass seelische Belastungen ebenso wie erfreuliche Ereignisse Faktoren darstellen, die auch körperlich fühlbar sind, ist innerhalb der Medizin lange Zeit nicht erkannt worden. Das ist mittlerweile anders, auch wenn es über die Gewichtung psychischer und körperlicher Faktoren bei Krankheiten immer wieder unterschiedliche Meinungen unter den Ärzten gibt. Doch dass Körper und Seele auch im medizinischen Sinne untrennbar sind, darüber herrscht Konsens.
Insbesondere Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, ihre Emotionen bewusst wahrzunehmen, oder solche, die längere Zeit überlastet oder voller negativer Gefühle sind, können in Krisenzeiten mit Beschwerden wie Magenschmerzen, Muskelverspannungen oder wiederkehrenden Schmerzen reagieren. Auf Dauer können sich daraus sogar chronische Störungen entwickeln. „In so einem Fall eignen sich individuell abgestimmte, psycho- und körpertherapeutische Verfahren, um diese sich manchmal zunächst nur körperlich zeigenden Emotionen wie Trauer, Enttäuschung oder Wut bewusst spürbar werden zu lassen“, sagt Prof. Harald Gündel, Direktor der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).
Allein das bewusste Erleben eines negativen Gefühls, etwa eines zwischenmenschlichen Konflikts, das den körperlichen Bescherden zugrundeliegt, kann im günstigsten Fall die innere Anspannung lösen und die Symptome lindern. Als Psychosomatik wird also die medizinische Disziplin benannt, die sich mit den Wechselbeziehungen zwischen seelischen, körperlichen und sozialen Vorgängen befasst. Dabei sind Auslöser und Verlauf einer Krankheit sehr unterschiedlich und individuell. Bei knapp einem Fünftel aller Patienten mit Hauterkrankungen beispielsweise nehmen Experten einen psychischen Hintergrund an. Nicht umsonst nennt man die Haut auch den „Spiegel der Seele“.
Psychosomatische Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen können jedoch auch alle anderen Organsysteme betreffen. Häufig sind Störungen des Verdauungssystems, der Nahrungsaufnahme, des Herz-Kreislauf-Systems, des Muskel- und Gelenkapparates, der Haut, der gynäkologischen Funktionen und des sensorischen Apparats (Hörstörungen, Tinnitus, Sehstörungen). Daneben können verschiedene, rein seelisch verursachte Erkrankungen körperlich beeinträchtigende Folgen haben.
So wie im Fall von posttraumatischen Belastungsstörungen. Dabei löst ein Ereignis wie ein Verkehrsunfall, ein Verbrechen oder ein Unglücksfall Krankheitssymptome aus. Bei all diesen Geschehnissen wird der Betroffene überschwemmt von Affekten, Sinneseindrücken und Gedanken. Normale Stressverarbeitungsmechanismen funktionieren nicht mehr, es bleibt ein tiefes Gefühl von Ohnmacht, Angst und Erschrecken. Ein Opfer eines Verbrechens erlebt die Tat in seinen Träumen immer und immer wieder.
Auch Essstörungen können Folge eines traumatischen Erlebnisses sein. Zumindest hat ein „unnormales“ Essverhalten immer auch eine tiefere Ursache. Bei der Magersucht, der Anorexie, wird ein oftmals lebensgefährliches Untergewicht durch Fasten, exzessiven Sport oder Tabletteneinnahme erreicht. Anorektische Patienten empfinden sich meist trotz Untergewicht noch als zu dick und versuchen, weiter abzunehmen. Bei der Bulimie, der Ess-Brech-Sucht, übergeben sich die in der Regel normalgewichtigen Betroffenen nach Essanfällen absichtlich, um kein Gewicht zuzulegen. Menschen mit einer sogenannten Binge Eating Störung dagegen essen völlig ungehemmt und sind oft übergewichtig.
Bei der Adipositas, dem krankhaften Übergewicht, handelt es sich nicht unbedingt um eine Essstörung, da genetische Faktoren und in der Kindheit früh erworbene Verhaltensweisen einen großen Anteil an der Entstehung und dem Verlauf der Krankheit haben können. Es gibt aber eine Untergruppe von Patienten, die das übermäßige Essen zur seelischen Stabilisierung benutzen. Auch für diese Patienten ist eine psychotherapeutische Behandlung ratsam.
Wenn bei einem Patienten körperlichen Beschwerden auftreten, der Arzt dafür aber keine medizinische Ursache findet, spricht man von Somatisierungsstörungen, auch somatoforme Störungen genannt. Neben allgemeinen Beschwerden wie Müdigkeit und Erschöpfung stehen Symptome wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Magen- und Darmbeschwerden sowie Herz- und Kreislaufprobleme an erster Stelle. Auslösende Faktoren sind in der Regel akute Konflikte – ob im Beruf oder in der Partnerschaft –, die im Wechselspiel mit längerfristigen psychosozialen Schwierigkeiten, aber auch genetischen Dispositionen stehen. Bei einer Behandlung sollen zum einen die Beschwerden gelindert werden, zum anderen soll der Patient lernen, wie er sich im Alltag, insbesondere in Konfliktsituationen, die bei ihm Schmerzen auslösen, verhalten kann.
Und manchmal können auch körperliche Krankheiten seelische Konflikte auslösen. So entwickeln etwa 40 bis 50 Prozent aller Krebspatienten psychische Störungen – meist sind dies Angststörungen oder Depressionen.
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