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Patientengeschichte

„Ich wollte, dass der Arzt was findet“

Von Heike Manssen

Sebastian K., 22 Jahre alt, ist ein sportlicher Typ, offen, mitteilsam und hat dabei immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Erzählt er aber von den vergangenen vier Jahren seines Lebens, ist es vorbei mit den Sprüchen. Sebastian wird ernst, sucht manchmal nach Worten, um auszudrücken, wie er sich damals gefühlt hat und oft auch heute noch fühlt.
Therapiesituation: Patient links mit seiner Therapeutin rechts, beide lachen

Wichtige Unterstützung: Sebastian K. mit seiner Therapeutin Lucienne Hoffmann.

© Martin Steiner

Angefangen hat die Leidensgeschichte um seinen 18. Geburtstag herum. Der junge Mann aus der Nähe von Celle macht den Führerschein, beendet die Schule und sucht einen Ausbildungsplatz zum Einzelhandelskaufmann. Alless, was er sich vorgenommen hat, klappt – und doch gerät sein Leben immer mehr aus den Fugen. Sebastian geht es körperlich schlecht. Auch dann noch, als der Stress vorüber ist. Er bekommt Kopfschmerzen, immer häufiger, immer stärker. Er fühlt sich schlapp, sein Körper wird mal heiß, mal kalt, dazu immer dieses Unwohlsein und Schwindelgefühl. „Irgendwann kippte ich in der Berufsschule einfach um“, erinnert er sich. Im Krankenhaus erzählt man ihm, dass er mehr trinken soll. Doch das Schwindelgefühl bleibt, und die Angst wächst.

Sebastians Odyssee durch die Wartezimmer verschiedener Ärzte beginnt. Sein Kopf wird durchleuchtet, der Magen gespiegelt, die Schilddrüse und die Ohren untersucht. Hinzu kommen die Kontrolluntersuchungen des Kardiologen, weil Sebastian mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen ist. Doch dem Herzen geht es gut. Der Hausarzt schreibt weiter Überweisungen, aber kein Facharzt kann eine Diagnose stellen. „Vor jedem Arztbesuch habe ich mir gewünscht, dass man eine Krankheit findet. Fast schon egal, welche“, sagt er. Sebastian gibt das Fußballspielen auf, verlässt selten das Haus und muss 2006 seine Ausbildung abbrechen.

„Ich war den ganzen Tag angespannt, unkonzentriert und konnte nicht mehr richtig schlafen“, beschreibt er. Die Tage scheinen endlos. Ständig beobachtet der junge Mann seinen Körper und wartet, was ihm wohl als Nächstes wehtun könnte. Ganz allmählich gehen auch die sozialen Kontakte verloren. „Ich hatte das Gefühl, alle in meinem Alter ziehen an mir vorbei.“ Lebenswert sei sein Leben nicht mehr gewesen, sagt Sebastian.

2007 geht der mittlerweile 22-Jährige zur Routineuntersuchung in die MHH. Der Kardiologe rät ihm, sich an die psychosomatische Abteilung zu wenden. „Erst war ich skeptisch“, sagt er. Noch am Aufnahmetag zur stationären Behandlung will Sebastian am liebsten wieder nach Hause fahren. Doch er bleibt, „und das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er heute, knapp zwei Monate nach seiner Entlassung.

„Auf der Station war ich überrascht, wie vielen es ebenso geht wie mir“, sagt Sebastian. Fünf Wochen lang hat er nun einen durchstrukturierten Tag mit Gruppengesprächen, Entspannungs- und Gestaltungstherapien und immer wieder Einzelgesprächen mit seiner Ärztin Lucienne Hoffmann. Fast täglich absolviert Sebastian sein persönliches Angsttraining. Mal fährt er mit der Bahn in die Herrenhäuser Gärten, dann bummelt er allein durch die Innenstadt. Dinge, die er sich schon lange nicht mehr zugetraut hat – zu groß war die Angst, vom Schwindel übermannt zu werden. „Das Training war oft hart, aber danach war ich stolz, dass ich es geschafft habe“. Sebastians Problem ist die Angst. Die trägt er schon lange mit sich herum. Bedingt durch seinen Herzfehler musste er als Kind immer vorsichtiger als andere sein – besonders beim Sport. „In der Therapie habe ich gelernt, dass ich meinem Körper wieder vertrauen muss.“

Nach fünf Wochen endet die stationäre Behandlung. „Die ersten zwei Wochen danach zu Hause waren eine Katastrophe“, erzählt der 22-Jährige. Er verfällt wieder in den gleichen Trott, bekommt erneut Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. „Das hat mich wütend gemacht“, sagt er. Irgendwann habe er es geschafft, sich aufzuraffen – seinen Tag zu planen, wieder etwas Fußball zu spielen oder Freunde zu treffen. Mittlerweile arbeitet Sebastian stundenweise in einer Kantine, im August will er seine Ausbildung fortsetzen. Noch hat er keinen geeigneten Therapeuten gefunden – so lange fährt er regelmäßig in die MHH.

„Es geht mir nicht immer gut, aber viel besser als vorher“, sagt Sebastian. Im Januar will er sich noch einmal in Behandlung auf die psychosomatische Station in der MHH begeben. Er weiß, dass er noch einen langen Weg vor sich hat, bis er wieder ein normales Leben führen kann – doch die ersten Schritte hat er bereits gemacht.

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