Es war eine reine Routinekontrolle. Wegen ihres Gelenkrheumas musste Gerda Büttner alle vier Wochen ihre Blutwerte kontrollieren lassen. Weil sie zudem Kortison einnahm und übergewichtig war, überprüfte ihr Hausarzt auch den Blutzuckerwert. Im März 2006 diagnostizierte er dann tatsächlich Diabetes.
„Ich war darauf vorbereitet“, sagt die 59-Jährige. „Deshalb war ich eigentlich nicht so stark schockiert.“ Ihr Hausarzt überwies die Patientin zu seinem Kollegen Klas Mildenstein. Der Allgemeinmediziner aus Laatzen ist unter anderem Diabetologe und kümmert sich seit Jahren um Diabetespatienten. In seiner Praxis erhalten sie Gruppenschulungen und Ernährungsberatung durch seine Diät- und Diabetesassistentinnen. „Falls nötig, verstärke ich die Behandlung mit Medikamenten oder leite eine Insulinbehandlung ein“, sagt er. Nach einem halben Jahr überweist er die Betroffenen zur Langzeitbetreuung an den Hausarzt zurück.
Um ihre Zusammenarbeit weiter zu verbessern, haben sich Hausärzte, die Diabetologische Schwerpunktpraxis, Augen- und Nierenspezialisten, Krankenhausärzte, Apotheker, spezialisierte Fußpfleger, Herz- und Gefäßspezialisten und Wundmanager zusammengeschlossen. Das Projekt mit dem Namen MEDeinander dient der integrierten Versorgung von Diabetes-Patienten. Das Gesundheitsnetzwerk hat sich neben der Beratung vor allem die Vorbeugung auf die Fahnen geschrieben und engagiert sich in Schulen und Kindergärten. „Wir wollen nicht warten, bis sie als Patienten zu uns kommen.“
Bei Gerda Büttner war es für Prävention bereits zu spät. Sie leidet unter Diabetes mellitus Typ 2, dem sogenannten Altersdiabetes. Er betrifft etwa 95 Prozent der Fälle. Nur etwa fünf Prozent leiden unter dem Typ-1-Diabetes. „Mit der Bezeichnung Altersdiabetes bin ich nicht glücklich, weil sie verharmlosend wirkt“, sagt Mildenstein. Zwar trete Typ 2-Diabetes in der Regel nicht vor dem 40. Lebensjahr auf. Doch durch Übergewicht und Bewegungsmangel litten zunehmend Jüngere und sogar Kinder unter der Erkrankung
Wer nicht rechtzeitig gegen die Erkrankung ankämpft, auf den wartet ein hartes Schicksal. Denn so scheinbar harmlos der Diabetes beginnt, so plötzlich verursacht er gravierende Folgen. Als Folge ihres Typ-2-Diabetes erblinden jedes Jahr 8000 Menschen in Deutschland. Dazu kommen 40 000 Beinamputationen pro Jahr. 17 000 Diabetiker müssen regelmäßig zur Dialyse. Und es gibt ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
So weit will es Gerda Büttner nicht kommen lassen. Sie hat ihr Leben komplett umgestellt. In der Diabetesschulung lernte sie viel über gesundes Essen. „Ich esse jetzt kein Schweinefleisch mehr, sondern viel Geflügel und Gemüse aus unserem eigenen Garten“, erzählt sie. Außerdem bewegt sie sich mehr. „Ich gehe spazieren, fahre Rad und gehe zur Gymnastik“, sagt die 59-Jährige. 17 Kilogramm Gewicht hat sie schon verloren. Und sie genießt ihr gesünderes Leben. „Ich fühle mich viel aktiver und habe wieder Spaß am Leben und an der Bewegung“, sagt sie.
Auch für die Entwicklung ihrer Krankheit hat sich die Disziplin ausgezahlt. Die Kontrollen haben gezeigt, dass weder ihre Augen noch die Durchblütung in Beinen und Füßen geschädigt sind. Die Blutwerte waren sogar so gut, dass sie erstmals die Blutzucker senkende Tablette weglassen darf. „Bei mir wurde die Erkrankung so früh erkannt, dass die Bauchspeicheldrüse sich theoretisch erholen kann.“ Mit etwas Glück wird sie zu den Diabetikern gehören, die geheilt werden könnten.
von Kirsten Allée
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