Über die Nahrung wird unser Körper mit allem versorgt, was er braucht. Die Milch beispielsweise liefert das Kalzium für Knochen und Zähne, Brot und Bananen sind als Kohlehydrat- und Fruchtzuckerlieferanten wichtig für die Energieversorgung, und die Schilddrüse braucht Jod aus Seefisch, um lebenswichtige Hormone bilden zu können. Unser Verdauungsapparat ist ein komplexes System, das die Nahrung – Eiweiß, Fett, Kohlehydrate, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente – von der Mundschleimhaut über den Magen bis in den Darm in winzige Bausteine aufspaltet, damit diese ins Blut und schließlich in unsere Körperzellen gelangen können.
Mit dem ersten Bissen, den wir in den Mund nehmen, wird unser Verdauungssystem hochgefahren: Der Magen dehnt sich, die Bauchspeicheldrüse beginnt mit der Produktion von Verdauungsenzymen und Insulin, und die in der Leber produzierte Galle wartet in der Gallenblase auf Fette, damit sie Sahnetorte oder Schweinshaxe in verwertbare Portionen aufspalten kann.
Nach der Nahrungsaufnahme im Mund sorgen die Zähne dafür, dass Kartoffeln und Fisch, Brot und Nüsse zerkleinert werden. Dann gelangt die Nahrung über die Speiseröhre in den Magen. Hauptaufgabe des faustgroßen, dehnbaren Muskelsacks ist es, den Speisebrei zu zersetzen. Dabei helfen etwa fünf Millionen Drüsen in der Magenwand, die täglich bis zu drei Liter Magensäure herstellen. Dieser Saft hat es in sich: Mit einem pH-Wert von 1,5 bis 2 kann Magensäure Löcher in einen Teppich ätzen. Wäre die Magenwand nicht mit einer schützenden Schleimhaut ausgekleidet, würde die Säure sogar den Magen verdauen.
Jahrzehntelang glaubte man, dass in diesem Milieu kein Lebewesen existieren könnte – bis die australischen Forscher Barry Marshall und John Robin Warren 1983 in den Mägen einiger Patienten ein Bakterium feststellten, dem die Magensäure nichts anhaben konnte. Sie vermuteten, dass das Bakterium namens Helicobacter pylori die Ursache für Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüre sei. Jahrelang wurden die Ärzte von der Fachwelt verspottet, ehe der Nachweis des Bakteriums zweifelsfrei gelang. 2005 erhielten Marshall und Warren für ihre Entdeckung den Medizin-Nobelpreis.
„Die Entdeckung von Helicobacter pylori hat die Behandlung von Magenerkrankungen revolutioniert“, sagt Prof. Michael Manns, Direktor der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Aus dem klassischen Magengeschwür, das auch zum Magenkrebs führen kann, ist eine Infektionskrankheit geworden, die innerhalb von sieben Tagen mittels Säureblockern und Antibiotika kuriert werden kann. Seitdem ist Magenkrebs stark auf dem Rückzug, dafür steigt die Häufigkeit von Speiseröhrenkrebs.
Wenn unsere Nahrung ausreichend zerkleinert den Magen über den „Magenpförtner“ in den Dünndarm, genauer in den Zwölffingerdarm als dessen erstes Teilstück, verlässt, beginnt die Feinarbeit der Nahrungsaufnahme. In den Zwölffingerdarm schicken Bauchspeicheldrüse und Galle ihre Verdauungssäfte. Denn der Darm ist das zentrale Organ der Verdauung. Mit seinen sieben bis acht Metern Länge befördert er den Darminhalt mit kaum spürbaren, rhythmischen Bewegungen durch den Bauch, während Nahrungsbestandteile in den Blutkreislauf aufgenommen werden. „Ist es nicht ein Wunder, dass man diesen Organismus im Normalfall, bis auf ein gelegentliches Rumpeln, kaum spürt?“, sagt Manns.
Der Darm ist ein Organ der Rekorde: Er beheimatet einen großen Teil des Immunsystems unseres Körpers. Im Dickdarm leben mehr Bakterien, als unser Körper Zellen hat. Und Millionen sogenannter Zotten, winzige Fingerchen, vergrößern die etwa sechs Meter lange Dünndarmschleimhaut auf eine Fläche von 400 bis 500 Quadratmeter. Die nur einen Millimeter großen, blutgefüllten Zotten nehmen die in ihre kleinsten Bestandteile zerlegte Nahrung durch Muskelkontraktion auf, und pumpen das nährstoffreiche Blut in die zur Leber führende Pfortader.
Was im Dünndarm nicht verwertet werden kann, landet im Dickdarm. Dort siedeln massenhaft Bakterien, die Darmflora, welche die noch unverdauten Speisereste vergärt. Dem flüssigen Darminhalt wird das Wasser mitsamt Salzen, Mineralstoffen und Vitaminen entzogen, und der übrig bleibende Rest wandert in den nur 20 Zentimeter langen Mast- oder Enddarm und wird auf dem stillen Örtchen ausgeschieden.
Ein fabelhaftes System, dem unser Wohlstand mit all seinen ungesunden Gewohnheiten aber arg zusetzen kann. Zu wenig Bewegung und Ballaststoffe machen den Darm träge, psychische Belastungen wie Ärger und Stress können ein Reizdarmsyndrom verursachen. Nach Lungenkrebs bei Männern und Brustkrebs bei Frauen ist Darmkrebs in Europa die zweithäufigste Krebsart – könnte aber verhindert werden, wenn die Betroffenen regelmäßig die kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen würden. Denn in 90 Prozent der Fälle tritt Dickdarmkrebs erst im Alter auf. Die Ärzte nehmen an, dass Übergewicht, Bewegungsmangel und eine ballaststoffarme Ernährung mit vielen tierischen Fetten die Entstehung von Darmkrebs begünstigen.
Etwa zehn Prozent aller Darmkrebspatienten sind jünger als 40 Jahre. Bei ihnen ist der Krebs erblich bedingt. Liegt so eine familiäre Darmkrebsveranlagung vor, raten die Arzte frühzeitig zur Vorsorge. Mittlerweile haben MHH-Forscher mittels Genuntersuchungen herausgefunden, warum bestimmte Krebs- und HIV-Medikamente bei einigen Patienten schwere Nebenwirkungen hervorrufen – und bei anderen nicht. Die Methodik könnte in ein paar Jahren so weit fortgeschritten sein, dass man möglicherweise auch über Bluttests feststellen kann, warum manche Menschen an (Darm-)Krebs erkranken und andere nicht.
Weiterhin ungeklärt sind aber immer noch die Ursachen chronisch entzündlicher Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, beides schwere Erkrankungen, die vor allem Menschen in jungen Jahren quälen. Davon betroffen sind rund 100 Menschen pro 100 000 Einwohner
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