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Patienten-Uni 2007 Superfilter im Dauereinsatz
Patienten-Uni 2007 Superfilter im Dauereinsatz
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17:28 29.05.2009
Von Juliane Kaune
Aus dem durch die Nierenarterie ankommenden Blut werden in den Nierenkörperchen überflüssige Stoffe herausgefiltert. Quelle: istock.com

Wenn Prof. Hermann Haller über die Nieren spricht, schwingt eine gewisse Hochachtung mit. „Das sind Organe, die Enormes leisten“, sagt der Direktor der Abteilung Nephrologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Als hocheffizientes „Klärwerk“ filtern sie rund um die Uhr Giftstoffe und Abbauprodukte des Stoffwechsels aus unserem Körper – und diese scheiden wir über die Blase mit dem Urin aus. Doch wohl kaum jemand macht sich bei den gewohnten Verrichtungen auf dem stillen Örtchen Gedanken darüber, welche Schwerstarbeit unsere Nieren täglich leisten. Das Ergebnis kennt jeder: Vier- bis sechsmal pro Tag meldet sich das menschliche Bedürfnis, und mit dem mehrfachen Gang auf die Toilette erleichtern wir uns um etwa 1,5 Liter Urin.

Die Nieren, faustgroß und maximal 160 Gramm schwer, arbeiten nicht nur als lebensrettendes Filtersystem. Sie können noch eine Menge mehr: Die Nieren sind die zentrale Kontrollstelle für den Flüssigkeits- und Salzhaushalt im Körper, eine Hormonfabrik für die Blutbildung und die Knochen, und obendrein regulieren sie auch noch den Blutdruck. Einige Zahlen verdeutlichen, was auf diese kleinen Wunderwerke einströmt: Etwa 1500 Liter Blut werden täglich durch die Nieren gepumpt, das sind 1,2 Liter pro Minute. Alle fünf Minuten fließt die gesamte Blutmenge des Körpers einmal durch die „Kläranlage“ und wird gereinigt.

Eine zentrale Rolle spielen dabei die Nierenkörperchen, die Nephronen an der Nierenrinde, von denen es rund eine Million gibt. Sozusagen im Vorwaschgang filtern sie pro Tag bis zu 180 Liter Flüssigkeit mit schädlichen und nicht mehr verwertbaren Stoffen aus dem Blut. Auch Wasser, Mineralstoffe, Zucker und kleine Eiweißmoleküle landen zunächst im sogenannten Primärharn.
Danach folgt der Hauptwaschgang in den Nierenkanälchen (Tubuli): Sie halten alle für den Körper wichtigen Bestandteile zurück. Bei den Mineralstoffen haben die Nieren einen besonders intelligenten Kontrollmechanismus entwickelt – lebenswichtige Salze wie Natrium, Kalium und Magnesium werden nur ausgespült, wenn im Körper gerade genug davon vorhanden sind. Am Ende fließen etwa 99 Prozent der zuvor gefilterten Flüssigkeit wieder zurück in den Blutkreislauf. Übrig bleiben besagte 1,5 Liter Urin.

„Um die Nieren optimal bei ihrer Arbeit zu unterstützen, sollte man mindestens zwei Liter pro Tag trinken“, betont Haller. Doch leider hielten sich die wenigsten Menschen daran. Eine Emnid-Umfrage ergab, dass jeder zweite Deutsche unter dem empfohlenen Level bleibt. Wie gut, dass die Nieren sich nicht allzu schnell aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Auf ausgeklügelte Weise sorgen sie dafür, dass der Wasserhaushalt im Körper stabil bleibt, auch wenn von außen nicht immer genug Flüssigkeit dazukommt.

In diesem Fall wird ein „Notfallsystem“ aktiviert: Die größeren Arterien melden dem Gehirn, dass das Wasser im Körper knapp und das Blut zu dick wird. Daraufhin produziert die Hirnanhangsdrüse das Hormon ADH, das wiederum die Nieren alarmiert. Diese mobilisieren sämtliche verfügbaren Wasserreserven in den Nierenkanälchen und scheiden entsprechend weniger Urin aus, der aber stärker konzentriert ist. Übrigens: Weil Koffein und Alkohol die Bildung von ADH hemmen, setzen sie die Wasserrückgewinnung außer Kraft, und die Flüssigkeit wird mit dem Urin ausgeschieden. Darum sollte man stets ein Glas Wasser zum Kaffee oder Wein trinken, um den Verlust auszugleichen.

Natürlich gibt es auch ein Warnsignal für Wassermangel, das wir alle kennen: Durst. Doch wer immer erst dann trinkt, wenn er durstig ist, helfe seinen Nieren nicht genug beim täglichen, umfangreichen „Spülprogramm“, sagt Nephrologe Haller. Die Leistungsfähigkeit in Kopf und Körper sinke bei Flüssigkeitsverlust schnell. Wer nur ein bis zwei Prozent seines Gewichts in Form von Wasser verliert, wird schwächer, müder und gereizter; die Muskeln verspannen sich, Rücken und Kopf schmerzen.

Die Nieren leisten aber auch auf einem anderen Gebiet ganze Arbeit. „Sie sind verantwortlich für die Produktion von lebenswichtigen Hormonen“, erklärt Haller. Die Hormone Renin und Angiotensin regulieren den Blutdruck. Für die Blutbildung sorgt das Hormon Erythropoetin: Es veranlasst, dass unsere 70 Billionen Körperzellen genügend Sauerstoff bekommen. Sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut, wird Erythropoetin ausgeschüttet und damit dem Knochenmark signalisiert, mehr rote Blutkörperchen zu produzieren.

Auch zwischen gesunden Nieren und starken Knochen gibt es einen direkten Zusammenhang. Die Niere produziert das Hormon Calcitriol (oder Vitamin D 3). Es sorgt dafür, dass der Darm mehr Kalzium aus der Nahrung ins Blut holt und auf diese Weise die Knochen aufbaut. Parallel dazu reguliert die Niere die Kalziumausscheidung. Nehmen wir mit der Nahrung zu wenig von dem Mineralstoff auf, gibt Calcitriol den Befehl, Kalzium stattdessen aus den Knochen abzubauen. Mit unerwünschten Folgen: Auf längere Sicht werden sie porös.

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