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Anlaufstation Hausarzt

Wie geht’s uns denn heute?


Hausärzte sind die erste Anlaufstelle für kranke Menschen. Mit fundiertem Wissen und reichem Erfahrungsschatz müssen sie über die bestmögliche Behandlung für ihre Patienten entscheiden.
Arzt im weißen Kittel mit Stethoskop um den Hals und Brille in der Hand

Weißer Kittel und Stethoskop: So kennen die meisten Menschen ihren Hausarzt.

© istock.com

Er ist der Allrounder der Medizin. Der Allgemeinmediziner soll – wie es der Name schon sagt – einen allgemeinen Überblick über das weite Feld der Medizin besitzen. Er hat den Menschen als Ganzes im Blick, muss Kinder- und Alterserkrankungen behandeln können, und darf bei Tausenden medizinischen Symptomen nicht den Überblick verlieren. Für seine Arbeit stehen dem Generalisten unter den Ärzten zumeist keine aufwendigen Gerätschaften zur Seite. „Häufig sind es die ganz einfachen Dinge, die für unsere Arbeit wichtig und hilfreich sind“, sagt Prof. Eva-Maria Hummers-Pradier, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Statt Röntgengerät oder Computertomographen setzt der Allgemeinmediziner vor allem seine Sinne und sein Wissen ein. Außerdem ist gutes Zuhören wichtig. Hausärztliche Methoden sind auf den ersten Blick unspektakulär. „Gleichwohl genügen in 90 Prozent der Fälle ein Gespräch und eine ‚Fünf-Sinne-Diagnostik“, um eine Diagnose richtig zu stellen“, sagt die Medizinerin. Zunächst erfragt der Hausarzt in der sogenannten Anamnese die Krankengeschichte, erkundigt sich nach Art, Beginn und Verlauf der Beschwerden, nach früheren Krankheiten, aber auch nach dem privaten und beruflichen Leben des Patienten.

In der Regel schließt sich eine körperliche Untersuchung an. „Das bedeutet, die Haut anzuschauen, die Atemwege mit dem Stethoskop abzuhorchen, den Puls zu messen, die Nervenreflexe zu testen, die Zunge und den Rachenraum zu betrachten, die Bauchorgane zu ertasten, den Lungenraum mit den Fingern abzuklopfen und das Trommelfell mit dem Ohrenspiegel zu untersuchen“, sagt Hummers-Pradier. „All das gehört zu den alltäglichen und bewährten Methoden, um Krankheiten festzustellen.“

Selbst die Nase eines Arztes ist gefragt. So entstehen bei bestimmten Stoffwechselstörungen typische Gerüche, etwa beim veränderten Zuckerstoffwechsel eines Diabetikers. Der Geruch von Alkohol oder Zigaretten kann auf den Missbrauch dieser Substanzen seitens des Patienten hinweisen. „Es ist wichtig, dass wir unsere Sinne immer wieder schulen“, sagt die Medizinerin.

Viel Muße bleibt dem Arzt im Praxisalltag oft nicht. Gerade einmal fünf Minuten stehen ihm im Durchschnitt zur Verfügung, um umfassende Erkenntnisse über seinen Patienten zu gewinnen. In dieser Zeit muss der Mediziner eine Entscheidung treffen: Ist etwas zu tun und wenn ja, was? „Wir müssen abwägen, ob ein Patient aufgrund einer Erkrankung akut gefährdet ist oder nicht“, sagt Hummers-Pradier. Kommt etwa ein Patient mit stark geröteten Augen zur Untersuchung, kann eine harmlose Bindehautentzündung die Ursache sein oder der gefährliche Grüne Star. Ein sandig-kratzendes Gefühl deutet auf eine Bindehautentzündung, starker Schmerz dagegen eher auf einen gefährlich erhöhten Augeninnendruck. „Das muss ein Arzt dann im Zweifelsfall möglichst rasch klären und den Patienten dann gegebenenfalls sofort zum Facharzt überweisen.“

Eine richtige Diagnose zu stellen, ist nicht immer einfach. „Unsere Methoden sind multiple Filter, die wir gegeneinander abwägen müssen“, erklärt die Medizinerin. „Keine einzelne Untersuchungsmethode ist so sicher, dass sie allein eine gezielte Diagnose erlaubt.“ Nicht in jedem Fall kann der Arzt feststellen, warum der Rücken schmerzt, die Haut juckt oder der Patient sich matt fühlt. Aber das ist nach Ansicht der MHH-Medizinerin auch gar nicht erforderlich. Sie plädiert für mehr Gelassenheit und ruhiges Abwarten. „Ist ein Patient nicht akut gefährdet, schadet allzu viel Aktionismus oft mehr als er hilft“, sagt sie. Denn nicht jede Erkältung, nicht jeder grippale Infekt sei gleich eine Lungenentzündung.

Noch drastischer formuliert es ihr Kollege Harald Kamps. Der Allgemeinmediziner praktizierte mehr als 20 Jahre in Norwegen und arbeitet mittlerweile als Hausarzt in Berlin. Aufgrund seiner Erfahrungen mit dem norwegischen Gesundheitswesen plädiert Kamps hierzulande für mehr Mut, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht bei jeder Bagatelle zum Arzt zu rennen. In unserem Gesundheitssystem fehle die fachliche Instanz, die gesunde Menschen vor den potenziell gefährlichen Nebenwirkungen des Gesundheitswesens bewahre, schrieb der Mediziner im Deutschen Ärzteblatt. Und setzte etwas provokant die Forderung hinzu, ,,nichts dem Arzt zu überlassen, was jede Oma besser weiß“. „Ich erlebe mich als Hausarzt oft als Zeuge wichtiger Lebensereignisse“, sagt Kamps. Das erfordere den Mut, auf medizinischen Aktionismus zu verzichten. „Manchmal ist eben weniger Gesundheitswesen das bessere Gesundheitswesen“, sagt der Mediziner.

Diese Haltung teilt Hummers-Pradier. Die Deutschen gingen bei jeder Gelegenheit zum Arzt und seien gewohnt, sofort einen Termin zu bekommen. In Großbritannien, wo ein Patient durchschnittlich 14 Tage auf einen Arzttermin warten müsse, erledige sich so manche Bagatellerkrankung von selbst. Viel wichtiger als die Behandlung vieler Alltagsbeschwerden ist ihrer Ansicht nach die Behandlung chronisch Kranker. „Hausärzte werden immer mehr zu Gesundheitsmanagern, die dem Patienten zeigen, wie er mit chronischen Erkrankungen leben und andere Krankheiten verhindern kann.“ Gerade bei den sogenannten multimorbiden Patienten, die unter mehreren schweren Erkrankungen gleichzeitig litten, sei der Hausarzt mehr gefragt denn je. „Er muss die Patienten begleiten, sie zu den Fachärzten überweisen, die unterschiedlichen Medikamente im Blick behalten und abwägen, welche davon unbedingt nötig sind“, sagt die Medizinerin. Für eine derart komplexe Aufgabe sei der Allgemeinarzt als Generalist schon heute sehr gut vorbereitet. „Das ist von jeher hausärztliches Denken.“

Für die Zukunft wünscht sich Hummers-Pradier allerdings, dass der ärztliche Nachwuchs frühzeitiger und umfassender als bisher in das Geschehen in hausärztlichen Praxen eingebunden wird. Zudem fehle eine gezielte Weiterbildung für Allgemeinmediziner in kinderärztlichen Praxen. „Gerade in ländlichen Regionen, wo speziell ausgebildete Kinderärzte oft fehlen, ist eine solche Qualifikation wichtig“.

von Kirsten Allée

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