In der griechischen Mythologie war es der Götterbote Hermes, der die Nachrichten überbrachte. Auch in unserem Körper gibt es ein Nachrichtensystem, bei dessen Namen der griechische Gott Pate gestanden hat: das Hormonsystem. Hormone sind Botenstoffe, die Stoffwechselreaktionen im Körper anregen oder hemmen. Ohne Hormone läuft im Menschen nichts, wie es soll. Wir bekämen kein Hungergefühl, könnten nicht gut schlafen und hätten keine Lust auf Sex. Denn die Botenstoffe sorgen für die richtige Funktion von Zellen und Organen.
Den Mechanismus dieses Kurierdienstes nennen Mediziner „Endokrinium“. Ebenso wie beim Nervensystem sind alle Organe über das Hormonsystem miteinander verbunden. Beide Steuerungssysteme sorgen somit dafür, dass sich Zellen und Organe miteinander unterhalten können. Während Nerven ihre Nachrichten in Form winziger Ströme in Bruchteilen von Sekunden übermitteln, benötigen Hormone dafür viele Minuten oder sogar Stunden. Ihre Botschaft ist in ihrer chemischen Zusammensetzung verborgen.
Hormone werden an den verschiedensten Stellen in unserem Körper in den Drüsenzellen bestimmter Organe produziert und ins Blut abgegeben oder als Gewebshormon direkt vom Gewebe zu den Zielzellen gebracht. Bereits geringste Mengen genügen, um eine außerordentliche Wirkung zu entfalten. Die Drüsen sind vom Kopf bis zu den Geschlechtsorganen über den ganzen Körper verteilt. Der Chef sitzt wie zumeist ganz oben: Die Schaltzentrale für den Hormonhaushalt, die etwa erbsengroße Hypophyse, befindet sich im Gehirn. Die Hirnanhangdrüse produziert nicht nur selbst Hormone, sie beeinflusst auch deren Produktion in den anderen Drüsen. Dabei hilft ihr der Hypothalamus, das Kontrollzentrum unserer Gefühle im unteren Abschnitt des Zwischenhirns. So erklärt sich der Zusammenhang zwischen Gefühlen und dem Hormonspiegel. Ändert sich dieser stark – etwa nach der Geburt eines Kindes – setzt die Hormonschwankung eine wahre Gefühlskaskade in Gang.
Die Produktion der Hormone findet in sogenannten endokrinen Drüsen statt. Jede Hormonfabrik hat dabei ihre eigene Produktpalette. Die Zirbeldrüse hinter den Augen arbeitet vor allem, wenn es dunkel wird. Dann schüttet sie Melatonin aus, das uns schläfrig macht. Die etwa walnussgroße, schmetterlingsförmige Schilddrüse liegt unterhalb des Kehlkopfes und regelt unseren Stoffwechsel. Sie regelt, wie schnell unser Herz schlägt, und bestimmt den Energieumsatz in fast allen Körperzellen. Funktioniert die Schilddrüse nicht, wachsen weder Muskeln noch Knochen und das Immunsystem versagt.
In den Nebennieren werden die Hormone Adrenalin und Kortisol hergestellt, die bei Gefahr oder Stress sofort den Körper in Alarmbereitschaft versetzen und alle Kräfte mobilisieren. Die Bauchspeicheldrüse reguliert mit dem Botenstoff Insulin den Blutzuckerspiegel. In den Hoden des Mannes und den Eierstöcken der Frau schließlich werden Geschlechtshormone produziert. Sie sorgen für die Bildung von Ei- und Samenzellen, steuern die Versorgung des Kindes im Mutterleib und sorgen für die Entwicklung der Milchdrüsen.
Jedes Hormon hat sein bestimmtes Zielorgan. Denn stehen die Botenstoffe vor der falschen Tür, wird ihre Nachricht nicht verstanden. Würde das in den Hoden gebildete Sexualhormon Testosteron etwa zu den Leberzellen wandern, könnten diese mit der Botschaft „Samenzellen produzieren“ wenig anfangen. Wie aber finden die chemischen Boten die richtige Adresse im Körper? Immerhin misst das Blutgefäßsystem im menschlichen Organismus von den größten Adern bis zu den hundertstel Millimeter dünnen Gefäßchen etwa 140 000 Kilometer.
Wenn wir Ausdauer- und Kraftsport betreiben oder uns in Stresssituationen befinden, melden unsere Muskeln einen erhöhten Energiebedarf an das Gehirn. Die Schaltzentrale im Kopf veranlasst wiederum die Nebennieren, mehr Adrenalin auszuschütten. Das Hormon wird von den endokrinen Drüsen zunächst in den sogenannten interstitiellen Raum zwischen den Körperzellen abgegeben. Dieser ist von feinsten Blutgefäßen durchzogen, den Kapillaren. Durch die Kapillaren wird der Botenstoff in den Blutstrom der Venen aufgenommen. Über den Blutkreislauf gelangt das Hormon zu den Fettzellen. Dort löst es die Speicherfette aus den Depots und aktiviert das Enzym Lipase, das Fett in freie Fettsäuren verwandeln kann. Aus diesen wiederum kann der Muskel die nötige Energie gewinnen, um zu arbeiten und zu wachsen.
Die Botschaft gelangt zu den Fettzellen, weil diese über ein ganz bestimmtes Erkennungszeichen verfügen, den Rezeptor. Dort lagert sich das Adrenalin an. Hormon und Rezeptor funktionieren nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Das Hormon schließt mit seinem Schlüssel das Rezeptorschloss auf und löst die gewünschten Stoffwechselvorgänge aus. Eine Rückmeldung zur Steuerzentrale im Kopf entscheidet darüber, ob die Hormone noch weiter produziert werden müssen oder nicht. Meist werden sie nach getaner Arbeit wieder abgebaut, damit keine Endlosreaktion stattfinden kann. Die Abbauprodukte verlassen den Körper über die Leber oder die Nieren. Daher kann der Arzt durch Urinuntersuchungen feststellen, wie es um den Hormonspiegel im Blut des Patienten bestellt ist.
Die Drüsen im Gehirn regeln auch die Konzentration der verschiedenen Botenstoffe. Denn um die gewünschte Wirkung zu entfalten, muss immer eine genau festgelegte Menge an Hormonen im Blut vorhanden sein. Schon geringste Abweichungen können große Folgen haben. Mithilfe künstlicher Hormone lässt sich der Stoffwechsel beeinflussen. Die Einnahme hängt dabei von der chemischen Struktur der Hormone ab. Sexualhormone, wie sie in der Verhütungspille enthalten sind, sind fettlöslich und überstehen daher die Magenpassage. Diabetiker dagegen müssen das wasserlösliche Insulin spritzen.
von Kirsten Allée
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