Mal ehrlich: Was wäre der französische Mime Gérard Depardieu ohne seine imposante Nase? Oder die Herren Thomas Gottschalk und Mike Krüger, die ihren Riesenschnüfflern Anfang der achtziger Jahre mit dem Blödelstreifen „Die Supernasen“ zu Filmehren verhalfen? Keine Frage: Eine markante Nase verleiht ihrem Besitzer das gewisse Etwas, erst der richtige Riecher macht den Charakterkopf. Wohl deshalb hat die Natur für unser Riechorgan einen ungeheuren Formenreichtum ersonnen. Doch ganz gleich, wie die Nase von außen aussieht, ob aristokratische Adlernase, verwegener Höcker, zackiger Zinken oder niedliches Stupsnäschen: ihr innerer Aufbau und ihre Funktionen sind stets dieselben.
Durch die Pforten unserer Nase, die Nasenlöcher, geht es in den Nasenvorhof, in dem borstige Haare wachsen. Sie funktionieren wie ein Reisigbesen, der den gröbsten Dreck aus der Atemluft fegt. Die Feinfilterung der Luft findet dagegen in der darüber liegenden Nasenhöhle, einer Art Hochleistungsklimaanlage, statt. Sie ist vollständig mit einer Schleimhaut ausgekleidet, in der mikroskopisch kleine Flimmerhärchen, sogenannte Zilien, wurzeln. Diese leiten selbst die allerfeinsten Partikel mit rhythmischen Bewegungen in Richtung der Nasenlöcher. Zudem erwärmt ein dichtes Netz an Blutgefäßen den Luftstrom auf Körpertemperatur. Sekret bildendende Becherzellen überziehen die Schleimhaut mit einer Schutzschicht und sorgen außerdem für die Befeuchtung der Atemluft. Gesäubert, erwärmt und angefeuchtet ist die Luft bestens für den Gasaustausch in den hochempfindlichen Lungenbläschen vorbereitet. Dort wird dem Gasgemisch der Sauerstoff entzogen und ins Blut geleitet. Dieser komplexe Vorgang wiederholt sich mit jedem Atemzug, zwölf- bis 18-mal in der Minute, also mehr als 20 000-mal am Tag. Dabei werden mindestens 10 000 Liter Atemluft aufbereitet.
Das Innere unserer Nase gleicht einer Wohnung mit zahlreichen Zimmern und Nebenräumen, die durch ein komplexes Gängesystem miteinander verbunden sind: Die Nasenhöhle wird durch die Nasenscheidewand in eine rechte und eine linke Hälfte unterteilt. Wie Bootsstege ragen drei Nasenmuscheln von den seitlichen Nasenwänden in die Nasenhöhle. Zwischen den Nasenmuscheln verlaufen drei Nasengänge: Der oberste ist mit Riechschleimhaut überzogen und führt zum Riechnerv, dessen Fasern durch die fein gelöcherte Siebbeinplatte direkt in den Hirnschädel ragen. In den mittleren Nasengang münden (bis auf die Keilbeinhöhle) alle unsere Nasennebenhöhlen: die Kieferhöhle, die Stirnhöhle und die Siebbeinzellen. Bis auf Letztere sind die Nasennebenhöhlen bei der Geburt noch nicht angelegt. Die Stirnhöhlen entwickeln sich ab dem ersten Lebensjahr, die Kieferhöhlen erst nach dem Durchbruch der bleibenden Zähne. Ihre endgültige Größe erreichen die Nebenhöhlen mit Abschluss des Schädelwachstums zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr. Die Nebenhöhlen reduzieren das Gewicht unseres Kopfes und dienen, ähnlich dem Resonanzkörper von Zupf- und Streichinstrumenten, als Verstärker für unsere Stimme.
Der untere Nasengang schließlich führt über den Rachenraum zu den unteren Atemwegen. Überdies ist er über den Rachen mit der sogenannten Eustachischen Röhre (auch bekannt als Ohrtrompete) verbunden, die für die Belüftung des Mittelohres zuständig ist. Wenn wir erkältet sind, schwellen die Nasenschleimhäute an und verengen die Nasengänge. Außerdem produzieren die Becherzellen verstärkt Sekret, um Krankheitserreger zu binden und abzutransportieren. Mitunter führt die Verquickung von Schwellungen und verstärktem Schleimfluss zu einem Sekretstau in den Nasennebenhöhlen. Die Folge: Die Krankheitserreger vermehren sich, und es kommt zu einer Entzündung. Wird diese nicht rechtzeitig behandelt, kann sich der Infekt auf das Mittelohr oder die Bronchien ausweiten. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass sich nicht austherapierte Nebenhöhlenentzündungen chronifizieren und zur Bildung von Nasenpolypen führen. Diese meist gutartigen Wucherungen der Schleimhäute können die Nasenatmung derart einschränken, dass die Betroffenen fast ausschließlich durch den Mund Luft holen und so noch anfälliger für Atemwegsinfekte werden, da der Luftstrom die reinigenden Filter der Nase umgeht.
Eine Dauerverstopfung der Nase ist jedoch nicht nur gesundheitsschädlich, sondern schmälert überdies auch unser Riechvermögen – und damit unseren Geschmackssinn. Dass die Nahrungsaufnahme nicht nur Geschmacks-, sondern auch Riechsache ist, merken Sie etwa, wenn Sie Ihren Morgenkaffee einmal mit zugehaltener Nase trinken – reichlich fade, oder?
Das Aroma frisch gebrühten Kaffees, den Duft eines Parfüms, einer schweißigen Socke oder den brenzligen Geruch eines herannahenden Feuers erleben wir dank unseres Geruchssinns. Seit der Antike zählte man das Riechen neben dem Tasten und Schmecken geringschätzig zu den „niederen Sinnen“. Heute weiß man jedoch, dass unser Geruchssinn der komplexeste unserer Sinne ist. Wissenschaftler vermuten, das bis zu 1000 unserer insgesamt rund 25 000 Gene dem Riechen vorbehalten sind – zum Sehen benötigen wir dagegen gerade mal drei Gene für die Wahrnehmung Tausender Farbnuancen und ein weiteres Gen für das Hell-dunkel-Sehen.
Folgendes passiert, wenn ein Duft unsere Nase streift: Die Duftmoleküle treffen über den oberen Nasengang auf die drei bis fünf Millionen Geruchsrezeptoren in unserer fünf Quadratzentimeter kleinen Riechschleimhaut. Dort gibt es rund 350 verschiedene Rezeptortypen, jeder davon ist auf eine bestimmte Duftnote programmiert. Fast alles, was wir erschnüffeln, setzt sich also aus verschiedenen Geruchsnuancen zusammen. Unser Morgenkaffee beispielsweise aktiviert gleichzeitig rund ein Dutzend Rezeptortypen. Hat ein Duftmolekül an den passenden Rezeptor angedockt, löst dies eine Kaskade biochemischer Reaktionen aus. Der chemische Reiz wird in ein elektrisches Signal übersetzt und über den Riechnerv in den Riechkolben des Gehirns weitergeleitet. Dort werden die Signale aller beteiligten Rezeptoren zu einem Geruchsmuster verknüpft und in andere Hirnareale weitergeleitet, etwa in das limbische System, dem Sitz der Emotionen, oder zum Hippocampus, wo unsere Erinnerungen archiviert werden. Der Kaffeeduft ist dabei nur eins von rund 10 000 Duftmustern, die unsere „Festplatte“ speichern kann.
Das Riechen ist übrigens auch der älteste all unserer Sinne. Schon unsere Urahnen, die Einzeller, reagierten mittels Duftrezeptoren auf chemische Signale. Und auch das Spermium Ihres Vaters fand seinen Weg zur mütterlichen Eizelle nur dank eines maiglöckchenartigen Duftes, den diese aussandte. Also: Tausend Dank an den schmählich unterschätzten Geruchssinnn – schließlich verdanken wir ihm unsere Existenz!
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