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Patientengeschichte

„Jetzt kann ich die Lehrer besser verstehen“

Von Julia Beatrice Fruhner

Mit einem System aus mehreren Hörhilfen gaben MHH-Experten einer tauben Schülerin das Gehör zurück.
Prof. Thomas Lenarz untersucht das Ohr einer jungen Patientin.

Funktioniert noch alles? Prof. Thomas Lenarz untersucht Claire Alfes.

© Rainer Surrey

Die elfjährige Claire Alfes aus Leverkusen und ihre Schwester Helen haben ein Ritual: Jeden Abend, bevor sie schlafen gehen, schalten sie ein Hörspiel ein und lauschen den Geschichten. Das klappt jedoch erst seit einem Jahr, denn Claire ist schwerhörig – so sehr, dass es fast an Taubheit grenzt. Nach vielen Arztbesuchen und einer Operation kann sie seit dem vergangenen Mai endlich gut hören – sogar, wenn am Essenstisch alle durcheinander reden oder ein lautes Nebengeräusch sie irritiert.

Als Claire ein Jahr alt war, teilten die Ärzte ihrer Mutter Angelika Alfes mit, dass ihr Baby extrem wenig hören kann. Ob Probleme während der Geburt die Ursache dafür waren, können die Mediziner bis heute nicht mit Bestimmtheit sagen. Trotzdem hat Claire Glück gehabt: Obwohl ihre Hörfähigkeit kaum ausgebildet ist, hat sie sehr gut Sprechen gelernt. Das lag auch an ihrer Zwillingsschwester. Beide Mädchen sehen sich so ähnlich, dass sogar ihre Mutter sie oft nur anhand von Claires Hörhilfe unterscheiden kann. „Helen hat Claire den ganzen Tag lang etwas zu erzählen. Da blieb ihr gar nichts anderes übrig als mitzuplappern“, sagt die Mutter. Claire sieht sie an und lächelt. Dabei sind ihre Grübchen deutlich zu sehen. „Ich muss mich noch bei Helen bedanken“, sagt sie ernsthaft.

Claires Cochlea Implantats (CI) ist durch die langen Haare zu sehen, die das dunkelblonde Mädchen oft zu einem Zopf zusammenfasst. Außen am Kopf sitzt die Sendespule des CIs, die mit einem Magneten über dem innen im Schädel eingepflanzten Implantat befestigt ist. Die akustische Information, die Claire nicht selbst hören kann, wird von einem hörgeräteähnlichen Mikrofon am Ohr aufgezeichnet und über die Sendespule an das eigentliche CI weitergegeben. Dieses wandelt die Informationen in elektrische Signale um und leitet diese an eine in der Gehörschnecke liegende Elektrode weiter, die damit direkt den Hörnerv stimuliert.
Die Ärzte im Hörzentrum Hannover (HZH) empfahlen Claire das CI Anfang 2007. Für das Team um Direktor Prof. Thomas Lenarz und Oberärztin Anke Lesinski-Schiedat war die junge Patientin ein spezieller Fall. Sie halfen ihrem Hörvermögen daher mit einer komplizierten Zusammenstellung von medizinischen Hilfen wieder auf die Sprünge: In jedem Ohr sitzt ein Hörgerät, das die tiefen Frequenzen für Claire verstärkt. Ein Cochlea Implantat fügt die hohen Töne hinzu und leitet diese in Richtung Hörnerv weiter.

Claires Modell wird „Hybrid“ genannt und funktioniert etwas anders als ein herkömmliches CI: „Die Elektrode, die in die Hörschnecke hineinragt, ist kürzer“, erläutert Mark Schüßler, Hybrid-Spezialist im Hörzentrum Hannover. Somit wirkt das CI nur in dem Bereich der Gehörschnecke, der für die hohen Frequenzen eines Geräusches zuständig ist.

Bis Claires Hörvermögen nach dem Befund in ihrem ersten Lebensjahr mit diesem ausgeklügelten System optimiert werden konnte, vergingen allerdings rund zehn Jahre. „Zuerst wurden wir von Ärzten in Köln und Essen betreut“, erzählt Angelika Alfes. Wenn die alleinerziehende Mutter beschreibt, wie viel Mühe es gekostet hat, bis die Krankenkassen bessere Hörgeräte für Claire bewilligten, wird sie heute noch ärgerlich. Als dann das Thema Cochlea Implantat auf den Tisch kam, hatte sie schlaflose Nächte: „Es setzt eben eine Operation voraus, und ich traf diese Entscheidung ja nicht für mich, sondern für Claire.“

Mittlerweile haben die Ärzte das CI ihrer Tochter perfekt angepasst, und die Elfjährige ist zufrieden. Sie kann das Implantat außer im Schwimmbad fast überall tragen, selbst auf dem Sportplatz, wo sie in einem Mädchenverein Fußball spielt. „In der Schule kann ich die Lehrer jetzt viel besser verstehen“, sagt sie. Aber manchmal braucht die Elfjährige auch ihre Ruhe, um sich besser konzentrieren zu können. Dann nimmt sie ihre Hörhilfen einfach ab.

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