Heute liest man viel über Palliativmedizin. Gerät die Schmerzmedizin darüber womöglich ins Hintertreffen?
Das kann man so sehen. Die Schmerzmedizin in Deutschland sieht sich mit dem Umstand konfrontiert, dass sich die aus ihren Wurzeln abgeleitete Palliativmedizin zunehmend von ihr abgrenzt. Grund ist die Finanzierungsstruktur: Die (universitäre) Palliativmedizin wird nicht hauptsächlich von der öffentlichen Hand getragen, sondern von der Deutschen Krebshilfe, die unter „palliativ“ ausschließlich Leidensminderung von Sterbenden versteht, die von einer Tumorerkrankung betroffen sind.
Können Patienten mit chronischen Schmerzen in Deutschland überhaupt ausreichend versorgt werden?
Nein. Sind die neurobiologischen Grundlagen für den chronifizierten Schmerz gelegt, ergeben sich oft sehr schwierige Behandlungsbedingungen, die multimodale und interdisziplinäre Behandlungsansätze erfordern. Solche Angebote sind zurzeit Mangelware. Den etwa eine Million chronisch Schmerzkranken steht ein Angebot von spezialisierten stationären Einrichtungen für maximal 80 000 Patienten gegenüber. Im ambulanten Bereich sieht es nicht besser aus. Man schätzt, dass die knapp 500 Algesiologen (Schmerzmediziner) nur knapp 20 Prozent der Schmerzkranken adäquat versorgen können.
Wie beurteilen Sie die Zukunft der Schmerztherapie?
Sie hängt vor allem von den politischen Rahmenbedingungen ab. Es ist paradox, dass Schmerzkranke nach durchschnittlich acht verschiedenen Ärzten und elf Therapieversuchen, die viel Geld kosten, endlich bei einem Schmerzspezialisten landen. Notwendig ist unter anderem die Anerkennung der Schmerzmedizin als eigenständiges Fachgebiet. Folgt man dem Modell in der Palliativmedizin, dann könnten Stiftungen diesem Mangel äußerst segensreich entgegentreten.
Woran forscht die MHH-Schmerzambulanz?
Zurzeit untersuchen wir, welche genetischen Faktoren und Umwelteinflüsse dazu beitragen können, dass das Fibromyalgiesyndrom (Faser-Muskel-Schmerz-Syndrom) oder eine chronische Schmerzstörung entstehen können. Um gültige Ergebnisse zu erzielen, müssen wir das Blut einer großen Zahl Betroffener und Gesunder untersuchen. Wer Interesse hat, uns dabei zu unterstützen, möge sich unter der Telefonnummer (01 76) 67 88 55 52 melden. Ab Herbst ist außerdem eine klinische Studie mit Patienten geplant, die unter chronischen Nervenschmerzen nach Gürtelrose leiden. Dabei soll ein neuartiges Medikament auf der Basis von Cannabis eingesetzt werden. Auch hierzu bitten wir Interessenten, sich unter Telefon (01 76) 67 85 37 05 registrieren zu lassen.
Warum warnen Ärzte vor dem exzessiven Gebrauch frei verkäuflicher Schmerzmittel?
Man schätzt, dass bei bis zu zehn Prozent aller Patienten, bei denen es zum Nierenversagen gekommen ist und die deshalb regelmäßig eine Dialysebehandlung oder eine Nierentransplantation benötigen, der zu hohe Schmerzmittelkonsum ursächlich dazu beigetragen hat. Werden diese Mittel gegen Kopfschmerzen eingesetzt, dann kann es bei zu häufiger Einnahme, insbesondere wenn sie an mehr als an zehn Tagen im Monat eingenommen wurden, zu einer Intensivierung der Kopfschmerzen oder sogar zu einem Dauerkopfschmerz kommen.
Interview: Veronika Thomas
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