Der Händedruck ist fest und der Blick offen. Christa Sawierski lacht gern und viel. Und sie hat jetzt wieder allen Grund, fröhlich zu sein. Vor sechs Wochen konnte sie weder jemandem die Hand schütteln, noch den kleinen Finger bewegen. Nun schenkt sie sich schon die dritte Tasse Kaffee ein und erzählt von den vergangenen Wochen in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), die sie wohl so schnell nicht wieder vergessen wird.
Wegen einer Augenoperation kam Sawierski Anfang März in die MHH. Der geplante Eingriff sollte nur ein wenige Tage im Krankenhaus nach sich ziehen. Doch schon in der Nacht vor der Operation spürte die 64-Jährige ein leichtes Taubheitsgefühl in ihren Füßen und Armen. Sie dachte sich jedoch zunächst nicht viel dabei. Erst als sie am nächsten Morgen Schwierigkeiten hatte zu gehen und ihre Zunge taub wurde, begann sie sich Sorgen zu machen. „Zum Glück war ich in diesem Moment schon auf dem Weg ins Krankenhaus“, sagt die 64-Jährige aus Haste. Denn was in den nächsten beiden Tagen mit der ehemaligen Bankangestellten passierte, ist schwer vorstellbar. Mit rasanter Geschwindigkeit entwickelte sich das Taubheitsgefühl in den Füßen zu einer Lähmung der Beine und setzte sich über den Rumpf bis zu den Armen fort. Drei Tage später lag Sawierski auf der Intensivstation und konnte nicht mal mehr ihren kleinen Finger bewegen. Auch Atmen und Schlucken bereiteten ihr Probleme.
„Als Christa Sawierski bei uns eingeliefert wurde, bestand relativ schnell der Verdacht auf das Guillain-Barré-Syndrom (GBS)“, sagt Jürgen Lambrecht, Assistenzarzt in der Neurophysiologie der MHH. Dieser Verdacht bestätigte sich. Die Patientin war von einer entzündlichen Erkrankung der zentralen Nervenwurzeln des Rückenmarks und der peripheren Nerven betroffen, an der jährlich nur etwa 1000 bis 1500 Menschen in Deutschland erkranken. Sawierski hätte innerhalb weniger Tage und bei vollem Bewusstsein ersticken können, wäre die Krankheit nicht rechtzeitig erkannt worden.
Die genaue Ursache des GBS ist bisher unbekannt. „Man vermutet jedoch, dass die Erkrankung durch einen immunpathologischen Mechanismus hervorgerufen wird, bei dem im Körper selbstständig Antikörper gebildet werden, die die Zellmembranen der Nervenzelle angreifen“, sagt Lambrecht. Das Immunsystem bekämpft sich also sozusagen selbst. Die Nervenstränge werden nach und nach zerstört und können die Informationen des Gehirns nicht mehr zu den ausführenden Organen leiten. Bei zwei Dritteln der erkrankten Menschen lässt sich eine vorausgegangene virale oder bakterielle Infektion nachweisen. Auch Sawierski hatte eine Woche zuvor eine Magen-Darm-Infektion.
Da das GBS bei Sawierski rechtzeitig erkannt wurde, konnte ihr durch eine intensive medizinische Behandlung geholfen werden. „Wir haben zunächst versucht, die Lähmung der Gliedmaßen und des Rumpfes durch eine Immuntherapie zu stoppen“, sagt Lambrecht. Die Patientin bekam intravenös Antikörper verabreicht, die ihr Immunsystem stabilisieren sollte. Diese Methode schlug jedoch nicht an, sodass eine Plasmapharese durchgeführt wurde. Dabei wird mittels eines Spezialgerätes das patienteneigene Blutplasma – samt den darin befindliche Antikörpern gegen körpereigene Strukturen – abgefiltert und durch eine Substitutionslösung ersetzt. „Das schlug bei Frau Sawierski an“, erklärt Lambrecht.
Nach neun Tagen auf der Intensivstation konnte Christa Sawierski ihre Arme wieder bewegen. Mittlerweile ist sie in der Rehabilitationsklinik in Hessisch Oldendorf angekommen. „Manchmal habe ich noch Nervenschmerzen, aber ich bin froh, dass es jeden Tag ein bisschen besser geht“, sagt die 64-Jährige. Täglich bekommt sie Krankengymnastik und Ergotherapie. „Wie lange die Krankheit dauert, ist ganz unterschiedlich. Sie kann sich über Monate hinziehen“, sagt Lambrecht. Die meisten Menschen erholen sich jedoch sehr gut wieder vom GBS. Christa Sarwierski ist jedenfalls zuversichtlich, dass sie in diesem Sommer eine Reise zum Nordkap unternehmen kann.
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