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Interview

Thomas Lenarz: Hilfe für das Innenohr


Wer schlecht oder gar nicht hören kann, fühlt sich leicht ausgeschlossen, weil soziale Kontakte auf Gesprächen basieren. Prof. Thomas Lenarz, Direktor im Hörzentrum Hannover, kann Schwerhörigen helfen.
Prof. Thomas Lenarz, Direktor im Hörzentrum Hannover

Prof. Thomas Lenarz hilft Schwerhörigen durch den Einsatz entsprechender Hilfsmittel zum besseren Hören.

© MHH

Wie viele Menschen kämpfen in Deutschland mit mangelndem Hörvermögen?

Nach unseren Informationen sind etwa 15 Millionen Deutsche schwerhörig. Davon leiden etwa drei Millionen unter Mittelohrschwerhörigkeit. Sie haben Probleme mit dem Trommelfell oder den Gehörknöchelchen. Bei zwölf Millionen Deutschen liegt der Defekt tiefer, nämlich im Innenohr, wo die Gehörschnecke mit den Haarzellen sitzt. Weltweit rechnen wir mit einem Anteil der Schwerhörigen von sieben Prozent. Nehmen wir nur die europäische Bevölkerung, beträgt der Anteil 20 Prozent.

Inwieweit wurden die Hörgeräte in den vergangenen Jahren verbessert?

Sie sind kleiner, intelligenter und komfortabler geworden. Es gibt Hörgeräte in allen möglichen Farben. Neben den kosmetischen Verbesserungen und der Verwendung allergiefreier Materialien liegt der Fortschritt vor allem in der Verkleinerung der Systeme – man kann sie kaum noch sehen, und das ist natürlich der Wunsch vieler Patienten. Gleichzeitig wurden die Geräte auch technisch deutlich verbessert. Mittlerweile können Hörsysteme auch teilimplantiert werden. Das führt nicht nur zu mehr Akzeptanz auf Seiten der Patienten sondern auch zu einer verbesserten Hörfähigkeit bei Störschall – wenn etwa Nebengeräusche eine Unterhaltung stören. Die Kassen bezahlen diese Implantate komplett. Konventionelle Hörgeräte werden hingegen mit bis zu 500 Euro bezuschusst.

Haben Sie auch ein Mittel gegen Taubheit?

Wenn der Hörnerv noch funktioniert und die zentralen Hörareale im Gehirn intakt sind, können wir ein „Cochlea Implantat“, kurz CI, einsetzen. In der Behandlung von CI-Patienten haben wir an der MHH einen international führenden Ruf. Das CI wird operativ in die Gehörschnecke eingebettet. Anders als Hörgeräte, die den Schall verstärken, wandelt das CI ihn in elektrische Reize um, die den Hörnerv stimulieren. Um die Geräusche der Umwelt überhaupt erst einmal aufzunehmen, trägt der Patient außen am Kopf entsprechende Hilfsmittel. Genau wie Hörgeräteträger haben leider auch CI-Patienten größere Probleme, Sprache im Störschall scharf genug zu verstehen. Das wird anschaulich „Cocktailparty-Effekt“ genannt. Eine Möglichkeit zur Lösung des Problems ist die beidseitige Versorgung mit Cochlea Implantaten, das bilaterale CI. Auch bei Hörgeräteträgern wurde die beidseitige Versorgung umgesetzt.

Was passiert, wenn ein gesunder Mensch zu viel Lärm ausgesetzt ist?

Das ist nicht zu unterschätzen. Bereits ein vergleichsweise leises Geräusch wie ein Radio im Hintergrund führt zu Konzentrationsstörungen. Ein Lastwagen oder eine Motorsäge mit 80 Dezibel verursachen bei Dauerlärm einen Gehörschaden. Dauerhafter Lärm kann auch allgemein gesundheitsgefährdend sein. Und neben einem Presslufthammer oder in der Disko bei 100 Dezibel ist die Schmerzgrenze erreicht. Man tut sich keinen Gefallen, wenn man dort keinen Gehörschutz benutzt. Summieren sich die Lärmattacken, ist eine spätere Schwerhörigkeit wahrscheinlich.

Was taugen Ihrer Meinung nach Hörtests?

Prinzipiell bilden die meisten davon das Hören nur in Ruhe ab. Das entspricht aber nicht der Alltagssituation. Wir arbeiten daher an Tests, die auch im Störschall messen können. Das Forschungsprojekt „Audiologie-Initiative Niedersachsen“, eine Kooperation zwischen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universität Oldenburg, hat unter anderem das Ziel, Hörtests detaillierter zu gestalten.

Interview: Julia Beatrice Fruhner

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