Irina Helds Erkrankung kündigte sich mit Durchfällen und Blut im Stuhl an. Die Ärzte tippten auf Reizdarm oder Pilzbefall. Eine erste Darmbefund. Aber schon ein Jahr später diagnostizierte ein Arzt bei ihr die chronische Darmkrankheit Morbus Crohn. „Ich hatte Glück, denn im Gegensatz zu vielen anderen Leidensgenossen verläuft diese Erkrankung bei mir ziemlich harmlos“, erzählt die 33-jährige Gymnasiallehrerin. Medikamentös bekam sie ihre Erkrankung zunächst in den Griff. Aber ihr Arzt konnte sich die schlechten Leberwerte, die bei regelmäßigen Blutuntersuchungen auffielen, nicht erklären.
Erst eine Röntgenuntersuchung von Gallenwegen und Bauchspeicheldrüse brachte 2001 Klarheit: Die damalige Studentin litt unter einer primär sklerosierenden Cholangitis (PSC), einer chronischen Entzündung der Gallengänge in der Leber, die sich dadurch nach und nach zurückbilden. Folge dieser Autoimmunerkrankung ist eine Leberzirrhose. „Das habe ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht bemerkt“, erzählt Held. „Aber auf den Röntgenaufnahmen konnte man es erkennen. All die Ausbuchtungen und Verengungen der Gallengänge - wie eine Perlenkette.“
Endoskopisch versuchten die Mediziner zunächst, die Verengungen durch Stents freizubekommen, damit die Galle wieder fließen konnte. Parallel dazu wurde sie medikamentös behandelt. Wenig später eröffnete ihr der Arzt, dass sie eine Lebertransplantation braucht. „Mit der Diagnose PSC hatte Frau Held ein zehnfaches Risiko für Darmkrebs und ein 161-faches Risiko, an Leberkrebs zu erkranken“, sagt Prof. Christian Strassburg, leitender Oberarzt für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der MHH. 2003 wurde Held auf die Warteliste für Spenderorgane gesetzt. Nach und nach verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. Sie litt unter aufgeblähtem Bauch, durch die frei zirkulierenden Gallensäuren und den Gallenfarbstoff Bilirubin im Blut bekam sie Gelbsucht, begleitet von Hautjucken. „Ich konnte kaum noch schlafen.“
Im November 2005 absolvierte sie ihr zweites Staatsexamen und trat in Herzberg eine volle Stelle als Lehrerin an. „Die Arbeit hat mich abgelenkt“, sagt Held. „Aber vor allem waren es mein Partner und meine Familie, die mich in all den Jahren unterstützt haben, ohne die ich die Transplantation nicht so gut überstanden hätte.“ Am 15. Oktober 2006, in den Herbstferien, erreichte sie der entscheidende Anruf: „Wie schnell können Sie kommen? Wir haben ein Spenderorgan“, teilte ihr die MHH mit. Freunde fuhren sie nach Hannover, die Reisetasche war gepackt.
Am 16. Oktober gegen Mitternacht begann die knapp vierstündige Operation, die erfolgreich verlief. „Insgesamt geht es mir heute gut“, resümiert die Pädagogin, die neun Monate nach dem Eingriff wieder in den Beruf einsteigen konnte. Doch sie ist dünnhäutiger geworden, wie sie sagt. Da sind die Tabletten, die sie täglich schlucken muss, damit die neue Leber nicht abgestoßen wird. Anfangs waren es bis zu 60 Stück, heute sind es noch etwa 15. Alle drei Monate muss sich Irina Held in der MMH einer Kontrolluntersuchung unterziehen, alle drei bis vier Wochen ihr Blut vom Hausarzt untersuchen lassen. „Aber es bleibt die Angst vor Nebenwirkungen der Tabletten und vor allem vor Folgeerkrankungen“, sagt sie.
Weil sie anfälliger gegen Bakterien und Schimmelpilze geworden ist, verzichtet sie auf rohen Fisch und rohes Fleisch, Rohmilchprodukte oder Müsli. Baden im See ist ebenso tabu wie Alkohol. „Das Schlimmste aber ist, dass ich nicht weiß, was noch kommt.“ Prof. Strassburg ist mit seiner Patientin sehr zufrieden: „Sie macht das alles ganz fabelhaft, auch wenn es mal schlechte Tage gibt. Mit ihrem neuen Organ hat sie gute Chancen, alt zu werden.“„Sie macht das alles fabelhaft“: Prof. Christian Strassburg ist mit seiner Patientin Irina Held zufrieden.
HAZ.de Anmeldung