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Patientengeschichte

Übervolle Eisenspeicher

Von Nicola Zellmer

Nur durch Zufall entdeckten die Ärzte, dass Gerald Meyer die Erbkrankheit Hämochromatose hat.
Prof. Stuhrmann-Spangenberg (links) mit einem Patienten im Gespräch.

Prof. Stuhrmann-Spangenberg (links) bespricht mit Gerald Meyer den Gentest.

© Martin Steiner

Wenn Gerald Meyer an das Jahr 2001 denkt, wird er immer noch wütend. Damals wurde bei dem heute 42-Jährigen zufällig eine erbliche Eisenstoffwechselerkrankung festgestellt, die Hämochromatose. „Bei meiner damaligen Einstellungsuntersuchung sahen die Ärzte nur, dass meine Leberwerte erhöht waren“, sagt Meyer, der an einer Förderschule unterrichtet. „Da wird man dann nach Alkohol und fernöstlichen Sexreisen gefragt. Das ist unverschämt.“ Später in der Klinik zeigte eine Leberpunktion, dass das Organ schon geschädigt war. „Die Diagnose Erbkrankheit bekam ich da einfach vorgeknallt“, sagt Meyer, der sich auf eigene Faust im Internet schlau machte. „Das ist wirklich ein Trauerspiel gewesen.“

Erst im Institut für Humangenetik an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurde der Lehrer von Prof. Manfred Stuhrmann-Spangenberg umfassend über seine Krankheit und die möglichen Konsequenzen beraten. „Bei vielen Ärzten ist das Wissen um die Hämochromatose leider immer noch denkbar gering“, bestätigt der Humangenetiker. „Für uns ist es daher wichtig, den Ratsuchenden genau zu erläutern, was für eine Krankheit sie haben und was das für ihr weiteres Leben bedeutet.“

Gerald Meyer hat Glück gehabt: Sein Leberschaden ließ sich wieder heilen, und die Krankheit hatte seinen Körper noch nicht weiter angegriffen. „Bei der Hämochromatose ist das HFE-Gen defekt, das eine wichtige Rolle beim Eisenstoffwechsel hat“, erklärt Stuhrmann-Spangenberg. „Die Betroffenen nehmen daher im Dünndarm mehr Eisen aus der Nahrung auf als nötig.“ So kann der Gesamteisengehalt im Körper von normalerweise drei bis fünf Gramm auf bis zu 80 Gramm steigen. „Gemerkt habe ich davon nichts“, sagt Meyer, der damals aktiv Tennis, Volleyball und Basketball spielte. „Das Tückische ist: Mit so viel Eisen im Körper fühlt man sich einfach gut.“

Erst nach Jahren nehmen die Organe durch die Eisenflut Schaden. „Die Symptome sind zunächst sehr unspezifisch“, erläutert Stuhrmann-Spangenberg. „Die Patienten sind abgeschlagen, bekommen Haarausfall, sie werden impotent, und es können Gelenkbeschwerden auftreten.“ Erst im Spätstadium wird die Hämochromatose durch den Bronze-Diabetes offensichtlich. Dann sind Organe wie Leber und Nebenniere aber bereits kaputt, und die Patienten haben Diabetes. Als äußeres Zeichen für den Leberschaden verfärbt sich die Haut bronzefarben.

Wird die Erkrankung dagegen rechtzeitig entdeckt wie bei Gerald Meyer, ist die Behandlung denkbar einfach. „Das meiste Eisen, das wir im Körper haben, steckt in den roten Blutkörperchen“, sagt Stuhrmann-Spangenberg. Um die Eisenspeicher in den Organen zu leeren, bitten die Ärzte Hämochromatose-Patienten daher regelmäßig zum Aderlass. Mit den Blutkörperchen geht dabei auch Eisen verloren, das aus den Eisenspeichern Leber & Co. ersetzt wird. So konnte auch Meyer seine Eisenwerte auf ein verträgliches Maß senken. Allerdings ist Alkohol für ihn tabu, und auch leberbelastende Medikamente sollte er nicht einnehmen. Zudem musste sich der Lehrer gegen Hepatitis impfen lassen: Eine Infektion würde seine Leber zu stark belasten.

Mit seiner Krankheit kann Meyer inzwischen gut leben. „Allerdings will ich demnächst meine Tochter untersuchen lassen“, sagt er. Sie möchte wissen, ob sie ebenfalls Anlageträgerin ist und vorsorglich behandelt werden sollte. „In einer Studie mit der KKH haben wir festgestellt, dass 90 Prozent der Getesteten froh waren, dass sie diesen Schritt unternommen hatten“, sagt Stuhrmann-Spangenberg. Damals hatte die Kasse ihren Mitgliedern befristet ein kostenloses Screening angeboten. In den Leistungskatalog sei diese vorsorgliche Untersuchung aber nicht eingegangen, berichtet der Humangenetiker. Nur wer bereits Träger des Hämochromatose-Gens in der Familie hat, bekommt den Gentest von der Kasse bezahlt.

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