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Interview

Harald Gündel: „Sport kann dazu beitragen, sich glücklich zu fühlen.“


Sport kann Glücksgefühle verursachen, sagt Prof. Harald Gündel, Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover.
Prof. Harald Gündel, MHH

Prof. Harald Gündel, MHH

© privat

Sport soll angeblich glücklich machen. 
Was ist dran an diesem Satz?

Sport kann dazu beitragen, sich glücklich zu fühlen. Es gibt funktionell-bildgebende Untersuchungen an Halbmarathonläufern mit dem Ergebnis, dass nach 20 Kilometern die Opiatrezeptoren im Gehirn besonders aktiv waren und der Körper verstärkt eigene Opiate (Endorphine) ausschüttete.

Was passiert noch beim Sport?

Wir wissen seit Langem, dass unser allgemeines Lebensgefühl, aber auch sonstige aktuelle Emotionen nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Körper entstehen. Von dort gibt es Rückmeldungen an eine bestimmte Hirnregion, die „Insel“, einer der zentralen Schaltstellen bei der Entstehung und Wahrnehmung von Gefühlen, die bei Kernspintomographien gut sichtbar ist. Körperliches Wohlbefinden und eine positive Körperwahrnehmung können so dieses Lebensgefühl positiv beeinflussen. Es spürt doch fast jeder Mensch, wenn sein Körper im guten Zustand ist!

Wenn Endorphine mein Gefühl beeinflussen, kann ich doch Schokolade essen ...

Das ist nicht vergleichbar. Wenn man eine Tafel Schokolade gegessen hat, fühlt man sich anders als nach einer Stunde Ausdauersport. Außerdem geht es beim Sport nicht nur um eine kurzfristige Ausschüttung von Endorphinen, wie es beim Genuss von Schokolade auch der Fall sein mag. Sport wirkt sich auf viele verschiedene Körperfunktionen aus, die sich wieder gegenseitig beeinflussen können. Das heißt zum Beispiel, dass Laufen nicht nur Einfluss auf die beteiligten Muskeln, sondern auch auf inneren Schwung, Stimmung und Konzentrationsfähigkeit haben kann.

Eignet sich jeder Sport zum Stressabbau?

Grundsätzlich gehört Sport zu den Möglichkeiten des einzelnen Menschen, Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Dabei hat für mich Vorrang, was der Patient selbst als förderlich und „kraftgebend“ empfindet. Da sollte man nicht auf ein Studienergebnis pochen, sondern lieber eine Sportart finden, die dem einzelnen Menschen liegt. Dem einen hilft Golf, dem anderen eine Entspannungstechnik, andere Patienten konzentrieren sich auf Ausdauersport. Es sollte guttun, darf aber nicht überzogen, das heißt selbstschädigend, sein.

Empfehlen Sie Sport bei Depressionen?

Anleitung zu regelmäßiger körperlicher Aktivität ist Teil unserer Therapie: Wenn es Menschen seelisch und/oder körperlich nicht gut geht, ist regelmäßige Bewegung hilfreich. Davon können viele berichten: Bei Konflikten am Arbeitsplatz oder einer Krise in der Familie kann es auch helfen, laufen zu gehen – doch Bewegung ist in solchen Fällen natürlich nicht alles. Das belegt das Beispiel von einigen Extremsportlern: Manche gehen aus psychosomatischer Sicht wohl auch körperlich an Grenzen, um negative Gefühle in einer Krise nicht spüren zu müssen. Dabei blenden sie manchmal alles andere aus, was auf Dauer viele negative Folgen hat. Sport ersetzt deshalb keine Psychotherapie: Eine seelische Erkrankung muss gezielt und spezifisch behandelt werden. Wir wollen in unserer Mehrebenen-Therapie aufzeigen, dass körperliche Aktivitäten zusätzliche Selbstheilungskräfte aktivieren können, bei seelischen wie bei chronischen körperlichen Erkrankungen. Aber man muss respektieren, dass nicht jeder Mensch Sport mag.

Interview: Tatjana Riegler

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