Es ist immer nur ein Augenblick. Ein kurzer Augenblick, in dem die Konzentration nachlässt, in dem das Werkstück aus der Hand rutscht oder in dem eine Sicherheitssperre nicht funktioniert. Bei dem 53-jährigen Vasile Neagu aus St. Andreasberg waren es nur ein paar Sekunden Unachtsamkeit – und die Kreissäge trennte ihm am Abend des 16. April 2009 beim Holzsägen die linke Hand ab. Der in Gütersloh tätige Pole Pawel Dymski wiederum wollte im September 2008 nach der Zubereitung von Hackfleisch nur schnell den Fleischwolf von innen reinigen, als die Maschine wieder anfuhr und ihm die linke Hand ausriß. Beide Männer haben jedoch Glück im Unglück gehabt, weil sie schnell genug in die Spezialklinik für Handchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geflogen wurden.
Dort steht 24 Stunden täglich ein achtköpfiges Replantationsteam der Klinik für plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Bereitschaft. Die Spezialisten können dank moderner Mikrochirurgie abgetrennte Arme, Beine oder Hände wieder annähen. In der Regel ist die erfolgreiche Replantation auch Voraussetzung für eine Wiedereingliederung der meist jungen Verletzungsopfer in das Berufsleben. Zudem ist das Wiederansetzen der eigenen Körperteile ästhetisch einer Prothese überlegen. So schwere Verletzungen wie bei Vasile Neagu oder Pawel Dymski behandeln die MHH-Experten etwa zwei- bis dreimal pro Jahr. „In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Verletzungen von Heimwerkern“, erklärt Klinikdirektor Prof. Peter Vogt. „Von 70 Handverletzungen in 2008 waren 49 die Folge eines Unfalls beim Heimwerken.“
Bei der Reimplantation spielt vor allem der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Vasile Neagu etwa hatte sich unmittelbar nach seinem Unfall von einem Nachbarn in das nächstgelegene Krankenhaus fahren lassen, wo er notversorgt und dann mit dem Hubschrauber in die MHH geflogen wurde. Dort bereitete Oberarzt Max Meyer-Marcotty bereits die amputierte Hand zur Replantation vor, während der Patient noch geröngt wurde. Ganz entscheidend sei auch die richtige Lagerung der abgetrennten Hand, betont Vogt. „Am besten ist das Amputat in einem wasserdichten Beutel aufgehoben, der wiederum in einem Beutel mit vier Grad kaltem Wasser schwimmt. Eis oder Desinfektionsmittel dagegen zerstören wichtige Gewebestrukturen.“
Bei Neagus abgetrennter Hand stimmten die Voraussetzungen. Um neun Uhr am nächsten Morgen konnten die MHH-Experten die Operation erfolgreich beenden. Meyer-Marcotty hatte die Handknochen mit einem Drahtgeflecht verbunden und unter dem Mikroskop Sehnen, Venen, Arterien und Nerven zusammengenäht. Genauso gut wie vorher wird der Elektroingenieur aus dem Harz die Hand zwar nicht mehr benutzen können. Meyer-Marcotty hofft jedoch, dass sein Patient wieder kleine Gegenstände greifen sowie Temperaturen und Oberflächenstrukturen erfühlen kann.
Noch komplizierter war die zwölfstündige Operation bei Pawel Dymski. Denn die Hand des 25-Jährigen wurde bei dem Fleischwolf-Unfall regelrecht abgerissen. Dadurch wurden Gefäße und einige Handwurzelknochen zerstört. Ebenso wie bei Neagu haben die Chirurgen bei dem Polen zunächst die Knochen miteinander verbunden. Dabei mussten sie allerdings einen Teil der Handwurzelknochen entfernen, sodass der Arm des Patienten nun etwas kürzer ist. „Es gibt zwei Reihen von Handwurzelknochen“, erklärt Vogt dazu. „Eine ist für die Beweglichkeit entbehrlich.“ Anschließend verbanden die Ärzte Sehnen, Venen, Arterien und Nerven unter dem Operationsmikroskop miteinander, wobei eine Arterie durch eine Beinvene ersetzt werden musste.
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