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Aus der Natur - Alternative Medizin

Die Kraft der Selbstheilung

Von Juliane Kaune

Die gezielte Stimulation des Körpers stärkt Muskeln, Kreislauf und Immunsystem.
Wassertreten hilft bei Bluthochdruck.

Wassertreten hilft bei Bluthochdruck.

© Ralf Decker

Viele Patienten mit Bluthochdruck haben sich längst daran gewöhnt: Die tägliche Tabletteneinnahme ist für sie Pflicht, um die erhöhten Blutdruckwerte gezielt zu senken. Die Medikamentengabe sei für Betroffene eine unverzichtbare Behandlung und so wirksam, dass sie sich als Standardtherapie durchgesetzt habe, erklärt Prof. Christoph Gutenbrunner. Gleichwohl setzt der Direktor der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ergänzend auf alternative Methoden, um den Blutdruck auf natürlichem Wege zu regulieren: „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass regelmäßiges körperliches Ausdauertraining bei Blutdruckpatienten eine positive Wirkung erzielt.“

Dabei müsse zwischen einer Kurz- und einer Langzeitwirkung unterschieden werden, betont Gutenbrunner. So steigt der Blutdruck bei körperlicher Anstrengung grundsätzlich zunächst an, um für eine ausreichende Blutversorgung von Muskeln und Gewebe zu sorgen. Bei gesunden Personen geht er dann nach wenigen Minuten wieder auf den Ausgangswert zurück. Bei Blutdruckpatienten dagegen stellt sich ein Effekt erst nach längerem Zeitraum ein: Treiben sie kontinuierlich Ausdauersport, etwa auf dem Fahrradergometer, beim Schwimmen oder Joggen, beeinflusst das ihre Werte nachhaltig. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass ein erhöhter Ruheblutdruck binnen einiger Wochen absinkt. Bei Patienten mit Kreislauflabilität wiederum hat sich gezeigt, dass die Werte langfristig ansteigen“, erklärt der MHH-Professor.

In diesem Zusammenhang spricht er von einer „Reiz-Reaktionstherapie“. Grundlage einer solchen Behandlung, die der Mediziner auch als „natürliche Therapie“ bezeichnet, sind die körpereigenen Reaktionen, die sich bei bestimmten Reizen einstellen, zum Beispiel bei einer besonderen Belastung des Organismus. Ein ganz einfaches Beispiel dafür ist die Muskelkräftigung durch sportliche Betätigung. Anfangs führt diese zur Ermüdung und damit zu einer Schwächung der Muskulatur. Richtig dosiert und längerfristig betrieben, wird jedoch das Muskelwachstum angeregt und eine Kräftigung erzielt. Auch die Steigerung der Abwehrkräfte durch wiederholte Temperaturreize oder die erhöhte Leistung des Immunsystems durch Impfungen folgen letztlich diesem Prinzip.

Diese Phänomene verdeutlichten, dass es gelingen kann, durch eine gezielte Stimulation die natürlichen Regulationsmechanismen des Körpers zu aktivieren und damit eine nachhaltige Wirkung zu erzielen, erläutert Gutenbrunner. Auf diesen wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen baut die medizinische Behandlung auf: Durch ein systematisches Training leitet der Arzt den Patienten an, seinen Körper immer wieder auf bestimmte Weise „herauszufordern“ und ihn so schrittweise an zunächst ungewohnte Anforderungen anzupassen – bis sich der therapeutische Erfolg einstellt.

In diesem Sinne möchte Gutenbrunner den von ihm verwendeten Begriff der „natürlichen Therapie“ verstanden wissen. Leider gebe es eine verwirrende Vielzahl von Definitionen rund um das Thema „Naturheilverfahren“, die gerade für medizinische Laien überaus schwierig auseinanderzuhalten sind, sagt er. Von „Komplementärmedizin“ oder „alternativen Heilmethoden“ ist ebenfalls häufig die Rede. In der Öffentlichkeit würden diese Verfahren meist mit „sanfter Medizin“ gleichgesetzt, sagt der MHH-Professor. Die Wissenschaft stufe sie oft als „unseriös“ ein. Zudem gelte der gleiche Begriff für unterschiedlichste Verfahren – von der Hydrotherapie nach Kneipp über Bewegungs- und Ernährungstherapie bis zu traditioneller chinesischer Medizin, Ayurveda oder Bachblütentherapie. Die Wirkungsweise dieser verschiedenen Verfahren lasse sich pauschal nicht bewerten, erklärt der Leiter der MHH-Klinik für Rehabilitationsmedizin. Um eine Ordnung ins „Begriffschaos“ zu bringen, plädiert er daher für eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Therapieformen, die „von außen“ in körpereigene Prozesse eingreifen – etwa durch Medikamentengabe –, und jenen Behandlungsmethoden, die die körpereigenen Fähigkeiten anregen und so regulierend auf den Organismus einwirken.

Beide Prinzipien hätten ihre Berechtigung, und beide ergänzten sich, betont der MHH-Professor. Akute und schwere chronische Erkrankungen könnten ohne Arzneien natürlich nicht beherrscht werden. Natürliche Therapien wiederum hätten sich unter anderem in der Prävention bewährt, etwa wenn es darum geht, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Stoffwechselerkrankungen vorzubeugen. Auch bei Beschwerden, bei denen die Regulationsfunktionen des Körpers auf leichtere Weise gestört sind, sei es ratsam, die eigenen „Steuerungskräfte“ des Organismus gezielt zu aktivieren.

Als typisches Beispiel für eine solche Störung nennt Gutenbrunner die chronische Müdigkeit oder Erschöpfung. Sie kann durch anhaltende psychische Belastungen ausgelöst werden und geht oft mit Hitze- und Kälteempfindlichkeit oder Muskelverspannungen einher. Auch als Begleiterscheinung bei Krebserkrankungen können ähnliche Symptome auftreten. Bei diesen Beschwerden spiele in der „natürlichen Therapie“ wiederum das körperliche Training eine entscheidende Rolle, erklärt der Professor. So konnte in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen werden, dass sich die Symptome bei Krebspatienten durch Ausdauerübungen deutlich mildern lassen. Auch bei der Behandlung chronischer Schmerzen hat sich ein regelmäßiges Trainingsprogramm als wirksame Strategie erwiesen.

Bei anhaltenden Schlafstörungen sowie Atem- und Verdauungsbeschwerden ist wissenschaftlich belegt, dass eine Therapie mit wiederholten gezielten Kaltreizen – etwa durch Wasseranwendungen – die Beschwerden nachhaltig bessern kann. Auch hier muss zwischen der unmittelbaren und einer sich später einstellenden Wirkung unterschieden werden. Zur Kälteabwehr ziehen sich die Blutgefäße der Haut zunächst zusammen. Ohne den Kaltreiz nimmt die Hautdurchblutung dagegen wieder zu und kann sich sogar deutlich steigern. Praktiziere man dieses Wechselspiel kontinuierlich über mehrere Wochen, werde das körpereigene System der Wärme-Kälte-Regulation auf besondere Weise angeregt und „trainiert“, erklärt Gutenbrunner. Da dieses wiederum durch Hormone und Nerven gesteuert wird, ließen sich auch andere Körperfunktionen beeinflussen.

In der MHH-Klinik für Rehabilitationsmedizin steht das körperliche Training häufig im Zentrum der Anwendungen. Meist wird eine Kombination verschiedener Therapien angeboten. Dazu zählen Massagepraktiken, Bäder, Akupunktur oder auch die Hydrotherapie nach Kneipp. Verordnet würden diese Verfahren immer dann, wenn schwerwiegende andere Erkrankungen ausgeschlossen wurden oder bereits begleitend behandelt werden, sagt Gutenbrunner. Er betont: „Die Verordnung natürlicher Therapien gehört zwingend in die Hand des Arztes.“

Der Rehabilitationsmediziner kritisiert, dass eine Anwendung dieser Verfahren durch gesetzliche Vorschriften streng reglementiert sei. Die sogenannte Heilmittelrichtlinie schränke die Verordnungsmöglichkeiten für Kassenpatienten stark ein. Viele Therapien könnten darum nur noch angeboten werden, wenn die Patienten sie selbst bezahlen. Und das, sagt der Professor, stehe leider in krassem Widerspruch zu der nachgewiesenen Wirksamkeit der natürlichen Therapien.

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