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Interview

Christoph Gutenbrunner: Kaltreize für den Kreislauf


Schon Kneipp wusste um die Wirkung des Wassers. Warum die Medizin die Hydrotherapie heute wiederentdeckt hat, erklärt Prof. Christoph Gutenbrunner, Direktor der Klinik für Rehabilitationsmedizin an der Medizinischen Hochschule.
Prof. Gutenbrunner, MHH

Prof. Christoph Gutenbrunner von der MHH

© Handout

Auf welchen grundlegenden 
Erkenntnissen basiert die Hydrotherapie?

Die Hydrotherapie ist aufgrund der Erfahrungen von Laien und Ärzten entwickelt worden. Wurzeln finden sich in der römischen und arabischen Medizin, aber auch in Mitteleuropa, etwa bei Kneipp. Erst in den vergangenen 20 Jahren wurde in systematischen wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt, dass durch kaltes Wasser gesetzte Reize umfassende Umstellungen im Körper bewirken können: primär die Kalt-warm-Regulation, sekundär auch vom autonomen Nervensystem gesteuerte Funktionen wie die Schlaf-Wach-Regulation, Wachheit und Aufmerksamkeit oder Kreislaufregulationen

Welche Anwendungsformen gibt es?

Das am häufigsten angewandte Verfahren sind die von Kneipp beschriebenen Güsse. In den meisten Ländern wird auch die Bewegungstherapie im Wasser zur Hydrotherapie gezählt. Weitere Anwendungsformen sind Wickel, Bäder, Duschen und Dampfbäder.

Wie wirkt kaltes Wasser auf den Organismus? Wann kommt es zum Einsatz?

Kaltes Wasser führt auf der Körperoberfläche zunächst zu einem Zusammenziehen der Hautgefäße mit Drosselung der Hautdurchblutung. Nach Ende der Anwendung wird die Hautdurchblutung in der Regel überschießend gesteigert, sichtbar an der Hautrötung. Wenn diese Form der Kaltanwendung über längere Zeit regelmäßig durchgeführt wird, kommt es zu einer Umstellung der Kalt-warm-Regulation mit einer Verminderung der Kälteempfindlichkeit. Da das regulierende Nervensystem gleichzeitig auch andere Funktionen – wie den Blutdruck – steuert, können auch da stabilisierende Effekte erzielt werden. Es konnte sogar nachgewiesen werden, dass in die vegetativen Umstellungen auch das Immunsystem oder die Atemfunktionen eingebunden sind. Wirksam ist eine solche Therapie bei vegetativen Beschwerden wie chronische Müdigkeit und Erschöpfung, Kreislaufregulationsstörungen und Muskelverspannungen.

Welche Effekte hat warmes Wasser?

Warmes Wasser wirkt umgekehrt zunächst über eine Weitstellung der Gefäße. Durch Reflexe der Haut kann es aber auch muskelentspannende Wirkungen haben. Die langfristigen Wirkungen von warmem Wasser sind allerdings geringer als die von kaltem, da der Körper auf Kaltreize stärker mit Anpassungsreaktionen reagiert.

Was sollte man beachten?

Um Langzeiteffekte zu erzielen, müssen die Anwendungen in angepasster Dosis und wiederholt durchgeführt werden. Am günstigsten sind tägliche Anwendungen mit einer entsprechenden Ruhephase. Diese Therapien sollten drei bis sechs Wochen lang konsequent weitergeführt werden. Wenn die Beschwerden durch die Behandlung zurückgehen, sollte diese etwa jedes halbe Jahr wiederholt werden.

Welche Risiken gibt es?

Bei richtiger Anwendung, also Dosierung, hat die Hydrotherapie nur wenig Risiken. Sie sollte nicht durchgeführt werden bei offenen Hautwunden und anderen schweren Hauterkrankungen sowie akuten fieberhaften Erkrankungen (Ausnahme sind dann fiebersenkende Wickel).

Interview: Juliane Kaune

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