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Patientengeschichte

„Man muss nicht alles erklären können“

Von Juliane Kaune

Eine Akupunkturbehandlung in der MHH befreite Martha Berger von Schlafstörungen und Schmerzen.
Erklärung der Akupunkturpunkte

MHH-Ärztin Silke Reimann erläutert, wie Akupunkturpunkte wirken.

© Jana Striewe

Nach ihrer Brustkrebsoperation war für Martha Berger (Name geändert) nichts mehr wie vorher. „Ich hatte das Gefühl, dass bei mir alles durcheinandergeraten war“, erinnert sich die 57-Jährige, die nach dem Eingriff Bestrahlungen bekam und Medikamente nehmen musste. Sie litt an Schlafstörungen, innerer Unruhe und unbestimmten Schmerzen. „Kopf, Nacken und Rücken – alles tat weh. Die Ärzte wussten gar nicht, was sie mit mir machen sollten.“ Durch Zufall bekam sie den Tipp, dass eine Akupunkturbehandlung helfen könnte. Und bei Martha Berger hatte die Therapie mit den feinen Nadeln Erfolg.

Insgesamt ein halbes Jahr – mit Unterbrechungen – ließ sie sich in der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) behandeln. Zunächst zweimal pro Woche, später in größeren Abständen. „Ich sah immer aus wie ein Nadelkissen“, scherzt sie. „Aber es hat sich gelohnt – heute geht es mir wieder richtig gut.“ Schon nach 14 Tagen hätten sich erste Verbesserungen der Symptome eingestellt. „Ich hatte das Gefühl, dass mein ganzer Körper nach und nach wieder neu sortiert wurde“, sagt die Patientin.

Eine durchaus passende Beschreibung: Das aus der traditionellen chinesischen Medizin übernommene ganzheitliche Konzept der Akupunktur beruht darauf, im Körper fließende Energieströme nach einer Störung oder Blockade wieder in Einklang zu bringen – und so das Gesamtbefinden zu verbessern. Die Nadelstiche werden dabei an definierten Hautpunkten, die bestimmten Organen und Körperpartien zugeordnet sind, als Reize eingesetzt. Auf diese Weise – so die chinesische Lehre – soll der Organismus dazu angeregt werden, seinen Energiefluss zu regulieren, um Beschwerden und Krankheiten zu überwinden.

Für die besonderen Eigenschaften und Funktionen der Akupunkturpunkte gebe es naturwissenschaftliche Erklärungen, betont Ärztin Silke Reimann aus der MHH-Rehabilitationsklinik, die eine Zusatzausbildung in Akupunktur abgeschlossen hat. Es sei erwiesen, dass das Gewebe an diesen Punkten besonders empfindlich ist. Untersuchungen zeigten zudem, dass die Akupunkturpunkte an Durchtrittsstellen von Nerven-, Gefäß- und Muskelendpunkten sitzen. Durch die gezielte Stimulation mit einem Nadelreiz ließen sich entsprechende Wirkungen auf Nervensystem, Muskulatur und den gesamten Organismus erzielen.

Vor allem in der Schmerztherapie sei dieser Mechanismus signifikant, sagt Reimann. Es gebe Studien, in denen das Wirkprinzip untersucht worden sei. So sei erwiesen, dass sich durch die Nadelreize die Schwelle des Schmerzempfindens verändert. Demnach werden Nervenbotenstoffe im Rückenmark gehemmt – und damit auch die Weiterleitung des Schmerzsignals an das Gehirn. Zusätzlich wirkt die Nervenreizung auf das Regulationszentrum des vegetativen Nervensystems, den Hypothalamus, und führt zur Ausschüttung von körpereigenen schmerzlindernden Hormonen. Ein durchblutungsfördernder Effekt und eine Muskelentspannung durch die Nadelung seien ebenfalls nachgewiesen.

Gleichwohl warnt Reimann davor, die Akupunktur losgelöst von der Schulmedizin zu betrachten: „Sie ist eine Ergänzung zu den konventionellen Behandlungsmethoden.“ In der Rehabilitationsklinik arbeiten die Akupunkteure daher eng mit Kollegen anderer Disziplinen zusammen – etwa der Psychosomatik.

Für Martha Berger war die Akupunktur die ergänzende Therapie der Wahl, um die anhaltenden Befindlichkeitsstörungen und chronischen Schmerzen in den Griff zu bekommen. „Ich habe gedacht, wenn mir das nicht hilft, dann hilft mir gar nichts mehr“, erinnert sich die 57-Jährige, die begleitend Massagen und Krankengymnastik erhielt. Wichtig sei auch, dass ein Patient offen für die Akupunktur sei und sich auf diese Form der Behandlung einlasse, sagt die MHH-Ärztin Reimann.

In der Fachwelt bleibt die Wirksamkeit der Akupunktur offenbar umstritten. Die bisher weltweit größte Akupunkturstudie „Gerac“, die drei Anwendungsbereiche genauer untersuchte, kam 2005 zu dem Ergebnis, dass Akupunktur grundsätzlich positive Effekte, aber nur eine „Placebo-Wirkung“ habe. „Das war leider ein Schlag ins Gesicht für alle Befürworter der Methode“, meint Reimann, die die Ergebnisse der Untersuchung für nicht überzeugend hält. Die gesetzlichen Krankenkassen haben in ihren Leistungskatalog ausschließlich Akupunkturbehandlungen bei chronischen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule oder in den Knien (Gonarthrose) aufgenommen.

Für Martha Berger zählt nur, dass sie durch die Akupunktur ihre Beschwerden losgeworden ist. „Man muss nicht alle Dinge zwischen Himmel und Erde erklären können“, meint sie.

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