Fast jeder kennt diese Tage, an denen buchstäblich Sand im Getriebe ist: Der Wecker klingelt und man möchte am liebsten die Decke über den Kopf ziehen. Man schleppt sich freud- und lustlos zur Arbeit, kommt partout nicht in Gang. Das sind jene Tage, an denen man sprichwörtlich „mit dem falschen Fuß“ aufgestanden ist. Zumeist verschwinden derartige Verstimmungen ebenso plötzlich, wie sie gekommen sind, spätestens am nächsten Tag ist man – eine andere geläufige Redensart – „wieder ganz der Alte“.
Was aber, wenn die Niedergeschlagenheit tiefer sitzt? In krisenhaften Lebenssituationen, etwa dem Verlust eines geliebten Menschen oder des Arbeitsplatzes, sind ein eingeschränktes Leistungsvermögen und länger andauernde Missempfindungen wie Trauer, Resignation, Wut, Enttäuschung und Angst durchaus natürlich. Durch die Auseinandersetzung mit der Verlust sowie den Trost von Freunden und Angehörigen gelingt es den meisten Menschen jedoch, die Krise zu überwinden und neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Weicht die gedrückte Stimmung dennoch nicht, ist es wahrscheinlich, dass eine behandlungsbedürftige Depression vorliegt.
Doch woran genau merkt der Betroffene, dass er ärztliche Hilfe braucht, dass er zu den rund vier Millionen Deutschen gehört, die an einer klinisch relevanten Depression leiden? „Von einer Depression mit Krankheitswert spricht man, wenn psychosozial belastende Symptome über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen nachweisbar sind.“, sagt Dr. Kai Kahl, Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Psychosozial belastend bedeutet, dass der Betroffene seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann, dass er sich selbst im Freundes- und Familienkreis überfordert fühlt, an Schlafstörungen, Einbußen der Konzentrationsfähigkeit oder anderen schweren Beeinträchtigungen leidet. Auch eine innere Taubheit, ein „Gefühl der Gefühllosigkeit“ und permanentes Grübeln, ein quälendes „Widerkäuen“ zumeist unangenehmer, oft von Todeswünschen, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen durchsetzter Gedanken, gehört zu den Erkennungszeichen einer akuten Depression.
Hinzu kommt, das es vielen Betroffenen nicht mehr gelingt, die einfachsten Anforderungen des Alltags, etwa Einkäufe oder die Hausarbeit, zu bewerkstelligen. Sie schildern, dass sie selbst anspruchslosen Unterhaltungssendungen im Fernsehen nicht mehr folgen können oder bei der Lektüre der Tageszeitung nach wenigen Zeilen vergessen haben, was sie zuvor gelesen haben. Manche Betroffene fürchten gar, an einer Demenz erkrankt zu sein.
Auch körperlich kann eine Depression Spuren hinterlassen. So gerät bei einem Großteil der Betroffenen der Schlafrhythmus aus dem Takt. Menschen mit Depressionen berichten über Ein- und Durchschlafschwierigkeiten über frühmorgendliches Erwachen oder übermäßiges Schlafen, das jedoch keine Erholung bringt. Zudem ist in vielen Fällen der Appetit gestört, Gewichtsverluste, gelegentlich auch -zunahmen, können mit einer Depression einhergehen. Darüber hinaus klagen die Patienten über Verdauungsstörungen, fehlendes Interesse an Sexualität, über Kopf- oder Rückenschmerzen, einen beklemmenden Druck auf der Brust oder ein „Kloß-im-Hals-Gefühl“. Mitunter treten Depression gemeinsam mit anderen, oftmals verwandten Erkrankungen auf, in solchen Fällen sprechen die Ärzte von einer Komorbidität. Viele depressive Patienten leiden zugleich an einer Angststörung, an Zwängen oder an einer Suchterkrankung.
Äußert sich eine Depression vor allem in körperlichen Beschwerden, ist von einer larvierten, also einer verkappten Depression die Rede. Geht die Erkrankung nicht mit einer Antriebshemmung, sondern mit einem Gefühl der Rastlosigkeit einher, liegt eine sogenannte agitierte Depression vor. Die Betroffenen verfügen scheinbar über einen Energieüberschuss, der allerdings ohne Ziel und Ergebnis verpufft - ähnlich eines Motors, den man im Standgas auf Hochtouren bringt.
Über die Ursache der in ihren Erscheinungsbildern und Verlaufsformen ausgesprochen vielgestaltigen Krankheit konnten sich die Depressionsforscher trotz intensiver Forschungsbemühungen bislang noch kein abschließendes Bild machen. Als gesichert gilt, dass eine Reihe ganz unterschiedlicher Aspekte für die Entstehung von Depressionen verantwortlich ist. Diese lassen sich vereinfacht in neurobiologische und psychosoziale Faktoren unterteilen. Zu ersteren gehören Störungen im Hirnstoffwechsel und im Hormonhaushalt, die unter anderem dazu führen, dass Reize nicht mehr adäquat verarbeitet werden können und die Fähigkeit, Stress zu verarbeiten, erheblich sinkt. Auch eine erbliche Komponente gilt als wahrscheinlich: Untersuchungen ergaben, dass Depressionen bei eineiigen Zwillingen in 50 Prozent der Fälle stets beide Geschwister betreffen. Zu den psychosozialen Komponenten zählen unbewältigte Konflikte, belastende Lebensumstände und eine zunehmende Entwurzelung, wie sie sich aus den wachsenden Anforderungen der Arbeitswelt an Mobilität und Fexibilität ergibt.
Eine so komplexe Erkrankung wie Depressionen erfordert ein vielschichtiges Behandlungskonzept. „In den meisten Fällen ist es sinnvoll, eine Psychotherapie und eine Behandlung mit heutzutage allgemein gut verträglichen Antidepressiva Hand in Hand gehen zu lassen“, sagt Psychiater Kai Kahl. Studien hätten erwiesen, dass die Kombination beider Ansätze zu einem signifikanten Anstieg der Heilungschancen führe. Zusätzlich können Maßnahmen wie Sport, eine Mal- oder Musiktherapie die Genesung unterstützen. Sie stärken das Körpergefühl der Patienten und ermöglichen es ihnen, ihre kreativen Kräfte wiederzuentdecken. Obwohl es inzwischen gute, den Patienten in seiner Ganzheit würdigende Therapieansätze gibt, warnt Kahl vor zu großem Optimismus: „Die Heilungschancen von Depressionen werden rasant überschätzt. Nur 60 Prozent aller Patienten sind nach der Therapie frei von Depressionen. Ein Viertel aller Patienten erleidet hingegen nach nur einem Jahr einen Rückfall.“
Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Leben eine depressive Episode zu erleiden, ist hoch: Unter den häufigsten Erkrankungen in den Industrieländern rangieren Depressionen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen an zweiter Stelle, einige Gesundheitsexperten befürchten, dass Depressionen in wenigen Jahren sogar die Spitzenposition einnehmen könnten. Eine 2002 veröffentlichte US-Studie an mehr als 9000 Erwachsenen aus allen sozialen Schichten kam zu dem Ergebnis, dass 16 Prozent aller Menschen irgendwann in ihrem Leben an dem Gemütsleiden erkranken - Frauen doppelt so oft wie Männer. Die Folgen sind erschreckend: Allein in Deutschland sterben jährlich rund 10000 Menschen durch Suizid, die meisten davon aufgrund einer nicht diagnostizierten oder nur unzulänglich behandelten Depression. Im Vergleich zu Durchschnittsbevölkerung haben depressiv Erkrankte ein 20- bis 30-fach gesteigertes Selbsttötungsrisiko.
Derart alarmierenden Zahlen fordern die öffentliche Auseinandersetzung mit der Volkskrankheit Depressionen, mit ihren Ursachen, ihren Gefahren und den inzwischen recht weit fortgeschrittenen Behandlungsmöglichkeiten geradezu heraus. Doch MHH-Oberarzt Kai Kahl verweist auf die noch immer weit verbreiteten Berührungsängste mit einer Krankheit, die jeden von uns treffen könnte: „Leider sind Depressionen nach wie vor ein Tabuthema und die Erkrankten werden stigmatisiert. Frei heraus gesprochen: Ich werde es wohl nicht mehr erleben, dass ein depressiver Mensch genauso selbstbewusst zu seiner Erkrankung stehen kann wie ein Herzinfarkt-Patient.“
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