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Patientengschichte

„Eine fürchterliche, tiefe Leere“

Von Daniel Behrendt

Schwermütig war Monika I. schon seit ihrer Jugend - dass Depressionen der Grund sind, erkannte die Restaurantfachfrau beinahe zu spät.
Psychiater Kai Kahl im Gespräch mit seiner Patientin

Psychiater Kai Kahl im Gespräch mit seiner Patientin Monika I.

© Rainer Surrey

Immer, wenn Monika I. von sich erzählt, stockt ihren Zuhörern der Atem: tragischer, von mehr Niederlagen begleitet, kann man sich eine Lebensgeschichte eigentlich kaum vorstellen. Schon als Teenagerin, erzählt die zierliche 44-Jährige, habe sie diese Leere in sich gespürt. Eine tiefe Traurigkeit, die sie mit der Verlässlichkeit eines alten Bekannten immer wieder heimsuchte. Als 14-Jährige entdeckt I. die besänftigende Wirkung des Alkohols. Ein kräftiger Schluck aus der Flasche und die schwarzen Gedanken, das miese Grundgefühl sind für Momente wie weggeblasen. Der Alkohol – erst Wein und Bier, später auch härtere Spirituosen – werden zu einem treuen Begleiter, zu einer vermeintlichen Medizin, die sich I. immer dann verordnet, wenn sie die Traurigkeit nicht mehr ertragen kann. „Heute weiß ich, dass Depressionen der Grund für mein Trinken waren“, sagt I.. Hätte sie es früher gewusst, hätte sie sich womöglich schon eher Hilfe gesucht.

Stattdessen steckt I. mit tapfer zusammengebissen Zähnen die zahllosen Tiefschläge ein, die das Leben ihr versetzt. Mit 16 überwirft sich I. mit ihren Eltern, zieht zu ihrem ersten Freund, der sie misshandelt. Dann eine neue, ebenfalls glücklose Partnerschaft. I. wird schwanger, bekommt einen Sohn. „Kaum war das Kind da, ließ mein Mann uns sitzen“, sagt die zierliche Frau ohne den kleinsten Anflug von Bitternis. Der Sohn entpuppt sichals Problemkind: Er ist unkonzentriert, eigenbrötlerisch und neigt zu Wutanfällen. Die Ärzte diagnostizieren ADS, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. „Das Kind war kaum zu bändigen. Mir wuchs die Situation über den Kopf,“, sagt I., „also trank ich noch mehr.“

Dennoch meistert I. Ihren Alltag scheinbar ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Die gelernte Restaurantfachfrau geht weiter ihrer Arbeit in der Gastronomie nach, erscheint stets freundlich und fröhlich. „Das war freilich nur ein Fassade“, räumt I. ein, „die meiste Zeit sah es in mir trist aus. Ich war müde, hätte am liebsten nur noch geschlafen.“ Nur manchmal, erzählt sie, sei sie wie aus heiterem Himmel richtig gut drauf gewesen, habe sich topfit gefühlt, gefeiert, exzessiv eingekauft.

Heute weiß I., dass diese plötzlichen Höhenflüge das andere Gesicht ihrer Depressionen sind: als Hypomanie, also eine abgeschwächte Form der Manie, bezeichnen die Mediziner diesen Zustand, der sich in vielen Fällen mit depressiven Episoden abwechselt. Krankheitsbilder, die sowohl Niedergeschlagenheit, als auch Phasen mit überdurchschnittlich gesteigertem Antrieb umfassen, hießen einst manisch-depressive Störungen und werden heute Bipolare affektive Störungen genannt. An einer ebensolchen leidet Monika I., wie sie seit gut einem Jahr weiß.

Doch ehe die Ärzte ihr diese Diagnose stellen und endlich eine umfassende, auf nachhaltigen Erfolg ausgerichtete Therapie einleiten können, vergehen weitere zehn Leidensjahre. 1997 erleidet I. einen schweren Autounfall. Sie liegt drei Monate lang im Koma, und kommt nur langsam wieder auf die Beine. Dann, zwei Jahre später scheint es das Schicksal endlich gut mit der jungen Frau zu meinen: I. verliebt sich in ihren heutigen Mann, der Sohn wird eingeschult. Alles sieht danach aus, als würde ihr Leben endlich in ruhigeren, geordneteren Bahnen verlaufen. Doch das nächste Unglück lässt nicht lange auf sich warten: 2000 setzt I.'s Sohn beim Spielen mit Wunderkerzen die Wohnung in Brand, der Mann wird schwer verletzt, schwebt in Lebensgefahr. In den folgenden Jahren gerät der Sohn immer mehr auf die schiefe Bahn: er schwänzt die Schule, prügelt sich, begeht Diebstähle.

Irgendwann wird es selbst Monika I., die es immer als wichtig angesehen hatte, sich „im Griff zu haben“, zu viel. 2006 erleidet sie einen körperlich-seelischen Totalzusammenbruch. „Ich habe wegen der absurdesten Dinge angefangen zu weinen,“, sagt I., „selbst wenn die Mainzelmännchen im Fernsehen liefen.“ Die junge Frau wird überschwemmt von Emotionen, die ihr fremd sind, die nicht zu ihr zu gehören scheinen. I. ist unruhig, hat Schlafstörungen, klagt über Kopf- und Magenschmerzen – Symptome, die oft bei einer akuten Depression auftreten. „Und dann fühlte ich auf einmal gar nichts mehr, außer einer fürchterlichen, tiefe Leere.“ Alles, was I. zuvor Freude bereitet hatte, – vor allem sportliche Aktivitäten – ist nicht mehr von Interesse für die junge Frau, die trotz ihrer Alkoholprobleme stets auf ein makelloses Äußeres wert gelegt hatte. Auch die Arbeit wird zu einer nicht mehr zu bewältigenden Belastung. I. entschließt sich zu einer Entgiftung, um wenigstens ihre Sucht in den Griff zu bekommen, wird jedoch rückfällig.

Erst 2007 ringt sich I. dazu durch, psychatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zwei Behandlungen, darunter eine achtwöchige psychosomatische Kur, bringen nur vorrübergenden Erfolg. Die Depressionen kehren mit unverminderter Wucht zurück. Im Februar diesen Jahres versucht Monika I., sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen.

Inzwischen ist I. heilfroh, dass der Suizidversuch misslang. Seit Anfang März wird sie in der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) behandelt und spürt neuen Lebensmut in sich aufkeimen. Neben antidepressiv wirkenden Medikamenten und einer Gesprächsgruppe, in der I. ihr Alkoholproblem aufarbeiten kann, sollen verschiedene psychotherapeutische Maßnahmen, Sport und Entspannungstechniken die Patientin für ihre Bedürfnisse und die Grenzen ihrer Belastbarkeit sensibilisieren. In der MHH lernt I. Schritt für Schritt, die Mechanismen ihrer Krankheit zu verstehen. Heute weiß sie, dass ihre Krankheit unter anderem durch erbliche Vorbelastung – bereits die Mutter und Großmutter litten an Depressionen – und die zahllosen, mit erheblichem Stress einhergehenden Lebenskrisen begünstigt wurde.

In einer Verhaltenstherapie entwickelt I. nun Strategien, die ihr helfen sollen, ihr Leben wieder in Hand zu nehmen. Die Patientin lernt, ihren Tag zu strukturieren, Stress zu vermeiden und neuen Antrieb zu entwickeln. Und auch Freundschaften, die durch die Krankheit an Bedeutung verloren hatten, gewinnen für I. wieder an Bedeutung. In der Walkinggruppe hat sie bereits eine Freundin gefunden, die genauso sportvernarrt ist wie sie selbst. Nach der Therapie, das haben sich die beiden Frauen fest versprochen, wollen sie mindestens einmal in der Woche gemeinsam laufen. Es sind die ersten Schritte in ein neues, hoffentlich glückliches Leben.

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