Warum haben wir überhaupt Angst ?
Angst ist eine natürliche Reaktion auf Gefahren, ein Warnmechanismus, der unsere Wahrnehmung auf gefahrenrelevante Reize fokussiert und uns blitzschnell reagieren lässt – etwa mit Flucht oder Angriff. Ein Blick auf das Leben unserer Vorfahren macht verständlich, wozu Angst gut ist: Sie sicherte dem Menschen evolutionäre Vorteile in der direkten Auseinandersetzung mit einer gefahrvollen Natur.
Wo verläuft die Grenze zwischen „normaler“ und „krankhafter“ Angst?
Beim Vorliegen von starkem Vermeidungsverhalten mit entsprechenden psychosozialen Funktionseinbußen ist Angst krankhaft. Vermeidungsverhalten kann dazu führen, dass Betroffene Termine nicht einhalten, Klausuren verpassen oder sich nicht einmal mehr trauen, ihr Haus zu verlassen. Bei Angststörungen sind die Angstreaktionen meist unangemessen stark – selbst in Situationen, die objektiv keine wirkliche Gefahr darstellen.
Welche Angststörungen gibt es?
Vereinfacht gesagt, lassen sich objekt- und situationsbezogene Ängste von Ängsten ohne konkreten Bezug unterscheiden. Zur ersten Gruppe zählen soziale Phobien, die durch unangemessene Furcht vor zwischenmenschlichen Kontakten gekennzeichnet sind. Auch posttraumatische Belastungsstörungen, Tierphobien und die sogenannte Agoraphobie, Angst vor Situationen wie Autofahren, Menschenmengen oder Flugreisen, gehören in diese Kategorie. Zu den unspezifischen Ängsten rechnen wir Panikstörungen, also Ängste, die scheinbar „aus heiterem Himmel“ kommen sowie die generalisierte Angststörung, bei der sich eine diffuse Furcht über mehrere Lebensbereiche erstreckt.
Wie häufig treten Angststörungen auf?
Sehr häufig: Bei 28 Prozent der Bevölkerung lässt sich eine Angststörung nachweisen, davon sind ein bis zwei Drittel der Fälle aufgrund des Schweregrads behandlungsbedürftig. Wo liegen die Ursachen der Angststörung? Wir kennen verschiedene Faktoren: So spielen unter anderem eine genetische Vorbelastung und traumatische Lebensereignisse wie schwere Unfälle, Gewalterfahrungen oder der plötzliche Tod einer wichtigen Bezugsperson eine Rolle bei der Entstehung von Angststörungen.
Kann Angst körperlich krank machen?
Ja. Bei Angstpatienten lässt sich eine Häufung des metabolischen Syndroms feststellen. Dieses gilt als entscheidender Risikofaktor für koronare Herzkrankheiten und geht einher mit vielfältigen Störungen des Stoffwechsels, etwa Typ-2-Diabetes.
Welche Therapien gibt es?
Drei Säulen haben sich im Kampf gegen Angststörungen bewährt: Neben Medikamenten und einer Sport- und Bewegungstherapie trägt vor allem die Verhaltenstherapie mit Expositionstraining zur Heilung oder Linderung der Symptome bei. Dabei setzt sich der Patient mit therapeutischer Begleitung einer angstauslösenden Situation aus. Dabei lernt er, dass Angst eine natürliche und sich selbst limitierende Reaktion des Körpers ist, und dass seine oftmals katastrophisierenden Befürchtungen nicht zutreffen. Durch beständiges Wiederholen der Übung wird die Angst oft gemildert oder sogar ganz überwunden.
Wie groß sind die Heilerfolge?
Recht gut. Rund zwei Drittel aller Patienten können entweder geheilt werden oder zeigen eine deutliche Symptomreduktion. In vielen Fällen ist es Patienten erst nach einer Angsttherapie wieder möglich, ihr Leben unbeschwert zu genießen.
Interview: Daniel Behrendt
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