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Zwangserkrankungen

Waschen, bis die Haut blutet

Von Daniel Behrendt

Keine Frage: Rituale prägen unser Leben. Sie strukturieren und vereinfachen den Tag, sie geben Halt und Orientierung – gerade in einer immer schneller und komplexer werdenden Welt.
ein Mann wäscht sich im Waschbecken die Hände

Waschzwang

© Dennis Börsch

Was aber, wenn Rituale den gesamten Tagesablauf bestimmen und sämtliche Spontanität zerstören? Es gibt Menschen, die täglich mehrere Stunden duschen – bis die Haut blutet–, die einen halben Tag und länger benötigen, um ihr Badezimmer nach einem genau festgelegten Muster zu putzen oder sämtliche elektrische Schalter in der Wohnung zu kontrollieren.

In solchen Fällen sprechen die Mediziner von einer Zwangsstörung, die sich nicht nur in sinnlosen, sich ständig wiederholenden Handlungen äußert, sondern oftmals auch mit Zwangsgedanken einhergeht. Diese werden von den Betroffenen zumeist als „aufdringlich“ und nicht kontrollierbar erlebt und kreisen zumeist um Schmutz und Kontamination („Das Gemüse ist verstrahlt“) oder um sozial unangepasstes Verhalten („Ich werde in der Öffentlichkeit etwas Obszönes tun“). Aber auch die Angst, anderen Menschen – etwa dem eigenen Kind – etwas anzutun, spukt vielen Erkrankten durch den Kopf. An Realitätsverlust leiden Menschen mit einer Zwangsstörung übrigens nicht: Sie wissen in der Regel sehr genau, dass ihre Gedanken abwegig und ihr Handeln sinnlos ist – freilich bleibt diese Einsicht ohne therapeutische Hilfe fast immer folgenlos.

Die Ursachen der Zwangskrankheit sind noch nicht exakt geklärt. Wie bei vielen psychischen Erkrankungen machen die Mediziner heute einen „Cocktail“ an Auslösern verantwortlich, etwa Vererbung oder auch Veränderungen im Hirnstoffwechsel. Auch erzieherische Faktoren wie überhöhte elterliche Ansprüche an Leistung, Sauberkeit und Moral stehen im Verdacht, Zwangsstörungen zu begünstigen.

Die Zwangskrankheit – allein in Deutschland sind rund eine Million Menschen davon betroffen – gilt als schwer therapierbar. Neben der Gabe von Psychopharmaka, die die Impulsübertragung im Gehirn regulieren sollen, wird zumeist eine Verhaltenstherapie angewandt. Dazu gehört das sogenannte Expositionstraining, bei dem sich die Patienten bewusst ihren Ängsten aussetzen, ohne auf ihre Zwangshandlungen zurückzugreifen.Indem sie lernen, dass die befürchtete Katastrophe auch ohne Zwangsrituale ausbleibt, gelingt es vielen Betroffenen, ihre Krankheit zu überwinden oder wenigstens etwas Freiheit – und damit ein Stück Lebensqualität – zurückzugewinnen.

Weitere Informationen für Patienten und Angehörige bietet die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen auf der Internetseite www.zwaenge.de.

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