Babys schreien, wenn die Milchzähne kommen, Kinder nörgeln übers Zähneputzen, und selbst vielen Erwachsenen graut vor dem Zahnarzttermin. Doch ein wenig Respekt vor unserem Kauapparat lohnt: „Mund und Zähne bilden ein perfektes System mit vielen Aufgaben“, sagt Prof. Meike Stiesch, Chefärztin an der Zahnklinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).
Ein gesunder Zahn ist ein kleines Meisterwerk - dafür gewappnet, innerhalb eines Menschenlebens Unmengen von unterschiedlich festen Nahrungsmitteln zu zerkleinern, Säuren standzuhalten und Attacken von Krankheitserregern abzuwehren. Ein Zahn im seitlichen Kieferbereich kann Kräfte bis 800 Newton aushalten. Das entspricht einem Gewicht von bis zu 80 Kilogramm. Einem Baby wachsen zunächst 20 Milchzähne. Zwischen dem sechsten und dem 13. Lebensjahr fallen diese aus und werden durch bleibende Zähne ersetzt. Erwachsene haben bis zu 32 Zähne. Die Hälfte verteilt sich jeweils auf den Ober- und den Unterkiefer. Bis zu vier davon können Weisheitszähne sein - in jedem Gebissquadranten wächst im Normalfall einer. Manchmal sind die „Achter“, wie Zahnärzte häufig sagen, jedoch nicht genetisch angelegt.
Jeder Zahn hat eine Spezialaufgabe. Die Schneidezähne vorne im Gebiss dienen mit ihren scharfen Kanten zum Abbeißen. Die spitzen Eckzähne halten einen Bissen besonders gut fest, sie haben extra lange, starke Wurzeln. Es folgen zwei kleine Backenzähne. Mit ihren charakteristischen Höckern helfen sie beim Abbeißen und Zerkleinern festerer Speisebrocken. Zwei große Backenzähne zermahlen das Essen. Sie sind dicker und haben wie auch Weisheitszähne zwei bis drei Wurzeln, im Gegensatz zu Frontzähnen mit nur einer Wurzel. Am Ende der Zahnreihen liegen normalerweise die Weisheitszähne - wenn sie nicht fehlen oder bereits gezogen wurden. Sie brechen meist erst nach dem 18. Lebensjahr durch. Herrscht Platzmangel im Kiefer, können sie Beschwerden verursachen, beispielsweise Entzündungen, wenn sie nicht durchbrechen können. Neben dem Zerkleinern der Nahrung sind die Zähne auch an der Lautbildung beteiligt. „Wenn die Zähne nicht wären, würde die Zunge beim Sprechen nicht mehr gegen sie stoßen. Das würde man zum Beispiel beim S-Laut hören“, erläutert Prof. Stiesch. Außerdem halten Zähne den Abstand von Ober- und Unterkiefer aufrecht.
Ein Zahn besteht aus mehreren Materialien. Im Innern liegt ein Hohlraum mit dem Zahnmark - lebendes Gewebe, das von Zahnärzten Pulpa und umgangssprachlich Nerv genannt wird. In Richtung Kieferknochen verengt sich der Hohlraum und heißt dann Wurzelkanal. In ihm befinden sich Nerven und Blutgefäße. Bei dem Wort Nerv denkt wohl jeder unwillkürlich an zuckende Schmerzen - etwa, wenn man das Vanilleeis nicht mit der Zunge erwischt, sondern mit den Zähnen. Das Zahnmark wird umhüllt vom Dentin, einer harten, knochenähnlichen Substanz, die von zahllosen, feinen Kanälchen durchzogen wird. Die Fortsätze des Zahnnervs reichen auf diese Weise bis in das Dentin. Daher spüren wir beim Bohren Schmerzen - auch wenn der Nerv selbst gar nicht getroffen ist.
Das Dentin wird im Bereich der Zahnkrone vom Zahnschmelz überzogen, der enormen mechanischen Belastungen standhalten kann. Der Schmelz wartet mit härtesten Substanzen auf, die der menschliche Körper zu bieten hat: die sogenannten Apatitkristalle. Sie bestehen vor allem aus Kalzium und Phosphor. Ein ganzes Kilogramm Kalzium ist im menschlichen Körper enthalten, und fast alles steckt in Knochen und Zähnen. Säuren schaden dem Schmelz, denn sie lösen die harten Substanzen wie Kalzium und Phosphor daraus, sodass die Karies vordringen kann. Es sei deshalb wichtig, nach dem Naschen immer gleich die Zähne zu putzen, sagt Stiesch.
Äußerlich unterteilt sich der Zahn in Zahnkrone, Zahnhals und Zahnwurzel. Die weiße Zahnkrone ist das, was wir sehen, wenn jemand redet, lacht oder in ein Butterbrot beißt. Die Zahnwurzel dagegen liegt vollständig innerhalb des Knochenfachs im Kieferknochen. Sie ist mithilfe von Bindegewebsfasern im Knochenfach befestigt. Zwischen Zahnkrone und Zahnwurzel wiederum liegt der sogenannte Zahnhals.
Aus vielen unterschiedlichen Gründen brauchen Patienten bisweilen Zahnersatz. „Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, deshalb sollte man sich vom Zahnarzt beraten lassen“, sagt Meike Stiesch, an der MHH die Expertin für Zahnersatz. Das Team der MHH kann diesen virtuell am Computer planen, sodass er perfekt sitzt. Bei einer Lücke über einen oder mehrere Zähne muss eine Entscheidung zwischen Implantat und Brücke fallen. Die Brücke überspannt die Lücke und wird dafür an „Pfeilern“ befestigt, den Nachbarzähnen rechts und links. Dabei müssen die Verankerungen fest auf den Pfeilerzähnen sitzen: „Gesunde Zähne müssen abgeschliffen und überkront werden. Dabei geht jede Menge kostbare Zahnsubstanz verloren“, sagt Stiesch. Diese Prozedur entfällt bei einem Implantat, also einer künstlichen Zahnwurzel, die starr im Kieferknochen verschraubt wird. Allerdings kann das Einsetzen eine schmerzhafte und das Anwachsen eine langwierige Prozedur sein - und wieder gilt: Man weiß etwas erst zu schätzen, wenn man es verloren hat.
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