Einnmal richtig herzhaft in einen knackigen Apfel zu beißen - das hat sich Sophie Wendt aus Wunstorf jahrelang gewünscht. Die 20-Jährige leidet unter ektodermaler Dysplasie (ED). Das ist ein Defekt, der Fehlbildungen an den Haaren, den Nägeln, den Zähnen und der Haut hervorrufen kann. Er kommt in Deutschland nur bei 0,07 Prozent der Neugeborenen pro Jahr vor. Bei Wendt hat die Erbkrankheit dazu geführt, dass genetisch keine bleibenden Zähne in ihrem Gebiss angelegt waren. „Ich habe bis vor zwei Jahren mit meinen Milchzähnen gelebt“, sagt sie.
Wenn sie heute spricht, kommen perfekt geformte, weiße Zahnreihen zum Vorschein. Es sind Implantate: Keins steht schief, jedes schließt maßgenau an den Nachbarn an. Dass sie heute gerne lacht, hat Wendt dem Team der Zahnklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und ihrer jahrelangen Geduld zu verdanken. „Wenn man Implantate einsetzt, der Kiefer aber noch nicht ausgewachsen ist, entwickelt er sich unter Umständen nicht weiter“, erläutert Prof. Meike Stiesch, Direktorin der Klinik für Zahnärztliche Prothetik. Wendt durfte die Implantate daher erst nach ihrem 18. Geburtstag einsetzen lassen.
Ihr Erbdefekt war in der MHH bereits festgestellt worden, als sie noch nicht einmal in den Kindergarten ging. „Im Schulalter fielen dann einige meiner Milchzähne aus, der Rest blieb. Sie waren jedoch nicht vollständig ausgebildet und sahen sehr spitz aus - als hätte ich Vampirzähne“, erzählt Wendt. 15 Jahre lang fand sie sich regelmäßig in Hannovers renommierter Klinik ein, und die Ärzte schafften mit Zahnklammern, Brackets und dem Rundschleifen der spitzen Zähne ein wenig Abhilfe. „Es sah einfach ziemlich unschön aus. Ich wurde in der Schule oft gehänselt“, sagt die Wunstorferin. Kein Foto gebe es aus dieser Zeit, auf dem sie sich nicht das Lächeln verkniffen und ihre Zähne versteckt habe. „Darauf machte ich immer einen unmöglichen Eindruck.“
Heute ist die zierliche junge Frau eine selbstbewusste Person, die Mode liebt, gerne Accessoires kauft und hohe Schuhe anzieht. Sie absolvierte die Realschule in Wunstorf und später in Neustadt das Abitur. Hartnäckig kämpfte sie um den Zuschuss der Krankenkasse, die nun fast die gesamten Kosten für die Implantate übernommen hat. „Mindestens 60 000 Euro waren für die Operationen zu zahlen“, schätzt Wendt. Sie hat eine duale Ausbildung in einem Fitnessstudio angefangen, wo sie als Trainerin arbeitet und nebenbei Sportökonomie studiert.
Früh hat Wendt gelernt, ihr Leben zwischen nahezu unbrauchbaren Zähnen und Arztterminen zu organisieren. Als sie noch nicht erwachsen war, benötigte sie etwa einmal im Monat einen Termin in der MHH. „Dann fingen die Operationen an, und ich fuhr zwei- bis dreimal pro Woche in die Klinik“, erzählt sie. Ihre Geduld und Ausdauer haben sich gelohnt, denn inzwischen verfügten die Ärzte über viel bessere Möglichkeiten, Implantate einzusetzen als noch zu Wendts Geburt. „Wir können mittlerweile computergestützt auf der Basis dreidimensionaler Bildgebung planen“, erläutert Prof. Stiesch. Ihr zufolge wird zunächst eine Prothese angefertigt und dem Patienten eingesetzt, um die spätere Zahnposition zu simulieren. Mithilfe eines dreidimensionalen Röntgenbildes können die Zahnexperten in das Innere der Mundhöhle sehen und die Knochenstruktur des Patienten beurteilen. Denn schließlich soll das Implantat im Knochen befestigt werden und dort auch halten. Im nächsten Schritt legen die Ärzte dann fest, wo das Implantat genau sitzen soll und welche Maße es haben muss.
Sophie Wendt weiß heute nicht mehr, wie viele mehrstündige Operationen nötig waren, um ihre alten Zähne zu entfernen und die künstlichen Zähne einzusetzen. Fest steht: „Diese Implantate sind darauf angelegt, ein Leben lang zu halten“, sagt Stiesch. Ihre Patientin muss nur noch zu Kontrollen kommen - und kann sich danach einen leckeren Apfel genehmigen.
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