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Glück im Alter

Den Lebensabend genießen

Von Juliane Kaune

In der Wissenschaft herrscht häufig eine Kluft zwischen Theorie und Praxis. Anders ist das bei Joachim Münch. Der emeritierte Pädagogikprofessor beweist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse sich bestens mit der Lebenspraxis verbinden lassen.
Glücksbringer: Vierblättriges Kleeblatt

Lernen macht glücklich, meint Pädagogikprofessor Joachim Münsch.

Jüngst hat er ein Buch mit dem Titel „Pädagogik des Glücks“ veröffentlicht, in dem er sich auch damit beschäftigt, wie lebenslanges Lernen dazu beiträgt, im Alter glücklich und zufrieden zu sein. Münch ist das beispielhaft gelungen: Mit 91 Jahren sitzt er noch immer täglich an seinem Schreibtisch in der Universität Kaiserslautern, um an seinen Veröffentlichungen zu arbeiten und den Kontakt zu seinen Kollegen zu halten. Und das, sagt er, sei durchaus eine Form des Glücks.

„Der liebe Gott war eben immer nett zu mir“, meint der agile Wissenschaftler scherzhaft im Hinblick auf sein Alter. Grundsätzlich seien heute aber immer mehr Menschen bis ins hohe Alter körperlich und geistig fit. In den vergangenen hundert Jahren habe sich die Lebenserwartung um mehr als 30 Jahre verlängert. Das stelle die Gesellschaft wie jeden Einzelnen vor neue Aufgaben: „Die klassische Formel vom wohlverdienten Ruhestand hat ausgedient.“

Noch gehörten die meisten Senioren jedoch dem „traditionalistischen Typus des Ruheständlers“ an, weiß der Professor. Ihr Alltag sei bestimmt durch einen hohen Fernsehkonsum, die Betreuung der Enkel, Spaziergänge, Tierhaltung oder Gartenpflege. „Damit bleiben die meisten Menschen unter ihren Möglichkeiten.“ Das liege unter anderem daran, dass ein großer Teil der Pensionäre nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben sprichwörtlich in ein „Loch“ falle. Die neu gewonnene Freiheit drohe zur Leere zu werden – und häufig wüssten die Betroffenen nicht, wie sie diese sinnvoll ausfüllen könnten.

Münch will allen älteren Menschen Mut machen, sich nicht damit abzufinden, sondern sich systematisch neue Ziele zu setzen. Unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation gebe es einfache Faustregeln, die helfen, auch im Alter ein glückliches Leben führen zu können. „Man muss sich seine Neugierde bewahren und nie aufhören zu lernen“, rät der Pädagoge. Zudem sollten Ältere keine „Sesselexistenz“ führen und ihre sozialen Kontakte gewissenhaft pflegen. „Nur derjenige kann glücklich und zufrieden sein, der aktiv ist, etwas leisten kann und von anderen Menschen gebraucht wird.“ Idealerweise ergebe sich dabei ein Wechselspiel: Aktivitäten könnten Glück auslösen, eine frohe Stimmung könne wiederum zu mehr Tätigkeit motivieren.

Wichtig sei vor allem, Senioren und Seniorinnen bewusst zu machen, dass sie bis ins hohe Alter erfolgreich lernen könnten – auch wenn sie sich Wissen anders aneignen als junge Menschen. Das mechanische Gedächtnis der Älteren sei nicht mehr so „dienstbereit“, dafür verfügten sie über ein ausgeprägtes logisches Gedächtnis, erklärt Münch. „Sie denken und lernen vor allem in Zusammenhängen und aus dem breiten Fundus ihrer Erfahrungen heraus.“

Allzu hoch müssen die Hürden dabei nicht sein. Neue Herausforderungen könnten etwa sein, sich den Umgang mit dem Computer anzueignen, das Schachspielen oder das Kochen zu lernen. Letzteres gelte wohl meist für die Männer, meint Münch augenzwinkernd.

Bestens geeignet, um den Wissensdrang und den Lerneifer der älteren Generation zu befriedigen, sind nach seiner Ansicht ein Besuch der Volkshochschule oder ein Seniorenstudium an einer Universität. Immer mehr Hochschulen stellten sich darauf ein und hätten spezielle Angebote für ältere Menschen aufgelegt. „Lernerfolge führen zu Leistungsglück und zu einem dauerhaften Bewusstsein des Wohlfühlens“, betont der Pädagogikprofessor. Zertifikate zu erlangen und Prüfungen zu bestehen, sei dabei zweitrangig, aber nicht ausgeschlossen. Besonders ergiebig könne es auch sein, als Gasthörer an regulären Lehrveranstaltungen teilzunehmen, um in Kontakt mit jüngeren Menschen zu kommen – davon profitierten beide Generationen.

Wer schon während seines aktiven Berufslebens Hobbys gepflegt habe, könne im Ruhestand umso leichter daran anknüpfen und seine Neigungen vertiefen, sagt Münch. Doch auch allen Rentnern, die nicht derart „vorgearbeitet“ haben, empfiehlt er, sich sinnvolle Freizeitbeschäftigungen zu suchen. Sportliche Betätigung trage nicht nur zur körperlichen Fitness bei, betont der Wissenschaftler, der regelmäßig Tennis spielt (und als Fan des 1. FC Kaiserslautern häufig im Fußballstadion anzutreffen ist). Bewegung habe auch einen positiven Einfluss auf die Gehirntätigkeit, auf das Denken und Fühlen. Rad fahren, Schwimmen und Joggen seien Sportarten, die auch Ältere mit Erfolg und „Wohlfühleffekt“ ausüben könnten.

Die Beschäftigung mit Musik, sei es aktiv oder passiv, habe ebenfalls einen hohen „Glückswert“. Untersuchungen belegten, dass sangesfreudige Menschen länger leben, erklärt Münch. Als wertvollen Beitrag für die eigene Zufriedenheit sieht er zudem das Ehrenamt an. Gesellschaftliche Teilhabe, der Einsatz für andere sei auch im Alter eine wesentliche Voraussetzung für Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein.

Die Chance, den Lebensabend in diesem Sinne glücklich zu gestalten, hätten viele, betont Münch. Sie müssten sie aber auch ergreifen. Gerontologen hätten herausgefunden, dass die meisten Älteren viel unabhängiger, leistungsfähiger und auch gesünder seien als gemeinhin angenommen. Jeder könne durch eine positive Einstellung, Aktivität und eine gesunde Lebensweise dafür sorgen, dass dies auch noch etliche Jahre so bleibe. „Damit man mit 90 Jahren nicht Rollstuhlfahrer ist, sondern Radfahrer.“

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