Die Frau knetet unruhig ihre Hände. Es ist angenehm warm im Raum, doch sie sagt, sie friert. Immer wieder. Ihr Mann begleitet die knapp 70-Jährige zur Gedächnissprechstunde. Beide warten nach dem vorangegangenen Hirnleistungstest auf ein Gespräch mit Prof. Klaus Hager. Er ist Leiter der Klinik für Medizinische Rehabilitation und Geriatrie des Diakoniekrankenhauses Henriettenstiftung. Die Gedächnissprechstunde ist eines von vielen Angeboten der Klinik und richtet sich an Menschen mit einem merklichen Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit. Hier soll geklärt werden, ob eine demenzielle Entwicklung vorliegt. Auch das gehört zur Geriatrie.
Geriatrie, das ist die Lehre von den Krankheiten des alten Menschen. Kurz gesagt: die Altersheilkunde. Dies betrifft vor allem Probleme aus den Bereichen der Inneren Medizin, der Orthopädie, Neurologie und auch Psychiatrie (Gerontopsychiatrie). Die Geriatrie ist deshalb eine fächerübergreifende Medizin. „Mit etwa 80 Jahren kommt der Körper häufig an einen Punkt, an dem die Organleistungen nicht mehr für den Alltag ausreichen“, sagt Prof. Hager. Körper und Geist verändern sich. Das zeigt sich nicht nur in Lachfalten und grauen Haaren. Atmung, Verdauung, Immunsystem, Sinnesorgane, Schlafverhalten und viele andere Bereiche des menschlichen Organismus verändern sich ebenfalls. Das macht den Körper nicht automatisch krank, aber er ist anfälliger für bestimmte Krankheiten: Schlaganfälle, Inkontinenz, Schwindel, Demenz, Bewegungseinschränkungen, rheumatische Erkrankungen oder auch Depressionen sind nur einige davon. Die Erkrankungen im Alter wandeln sich, die Symptome sind häufig nicht organspezifisch.
Die geriatrische Klinik der Henriettenstiftung gibt es seit Anfang der siebziger Jahre. Sie gehörte damals zu den ersten dieser Art in Deutschland. Mittlerweile gibt es zahlreiche solcher Einrichtungen, denn der Bedarf an Altersmedizin wächst mit der demografischen Entwicklung. Die Klinik in Hannover-Kirchrode umfasst verschiedene Bereiche: Neben der Akutversorgung gibt es die stationäre geriatrische Rehabilitation, in der Patienten nach einem Sturz, einem Schlaganfall oder nach einer Operation betreut werden.
In der geriatrischen Tagesklinik wird eine Rehabilitation von zu Hause aus angestrebt. „Wenn wir es schaffen, – und oft schaffen wir es – die Patienten so weit fit zu machen, dass sie wieder in ihre Wohnungen zurückkehren, dann bin ich froh“, beschreibt Hager das Ziel seiner Arbeit. Am Gelingen wirken viele mit: Pflegeteams, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Krankengymnasten, Psychologen sowie verschiedene Fachärzte. Das medizinische Personal arbeitet in einem ständigen Austausch eng zusammen. Was zunächst sehr kostenintensiv klingt, rechnet sich langfristig. Bereits in den neunziger Jahren wurde in den USA eine Studie angefertigt, die zeigte, dass es günstiger ist, Patienten wieder in die Selbstständigkeit nach Hause zu entlassen, als sie in ein Pflegeheim zu geben.
Als Gerontologe sei man immer auch ein Generalist, ein bisschen so wie ein Allgemeinarzt: „Man muss an vielen kleinen Schräubchen drehen“, erklärt der Demenzspezialist Hager den Umgang mit den älteren Patienten. Und dazu gehört weitaus mehr als die korrekte Ausführung von Diagnose und Behandlung der Symptome.
Insbesondere wegen diverser körperlicher Gebrechen im Alter muss sich der Patient zwangsläufig auch mit Themen wie dem Lebensende und der Endlichkeit des Seins auseinandersetzen. Diese sogenannte Altersverarbeitung wirft zahlreiche philosophische, psychologische aber auch ganz pragmatische Fragen auf. Wie soll ich in Zukunft leben? Wer pflegt mich? Wo finde ich einen Pflegedienst? Oder auch: Wie verhalte ich mich als Angehöriger?
Auch solche praktischen Fragen gehören unabdingbbar zum Alltag einer geriatrischen Klinik. Im Team von Prof. Klaus Hager wird beispielsweise eine Sturzambulanz angeboten. Denn Stürze und die dadurch verursachten Knochenbrüche gehören bei Senioren zu den häufigsten Ursachen für eine Einweisung in ein Pflegeheim. Neben Diagnostik, Trainingsprogrammen und einer Einschätzung des persönlichen Risikos werden die Patienten im Henriettenstift auch ganz praktisch darüber informiert, wie sie mögliche Stürze durch die Beseitigung von Stolperfallen, die richtige Beleuchtung oder andere Hilfsmittel vermeiden können.
Nicht zuletzt lebt die Altersmedizin vom Gespräch mit den Patienten, das aufklären, aber auch Ängste nehmen kann. „Geriatrie ist eine sprechende, leise Medizin. Und manchmal bringt es mehr, wenn man weniger macht“, sagt Hager. Besonders wichtig sei, dass viel mit den Patienten geredet werde. Deshalb nimmt sich der Mediziner in seinen Sprechstunden auch immer ausreichend Zeit für die Kranken. So verlässt auch das Ehepaar erst nach einer Dreiviertelstunde das Büro des Professors. Er hat ihnen erklärt, dass eine beginnende Demenz bei der Frau aufgrund der Testergebnisse wahrscheinlich und welche Behandlung möglich ist. Beide Ehepartner haben nun einen langen Weg mit der Erkrankung vor sich – und dafür brauchen sie viel Hilfe. Auch aus der geriatrischen Klinik.
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