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Patienten-Uni 2010 Hygiene - Thema für Ältere?
Patienten-Uni 2010 Hygiene - Thema für Ältere?
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15:52 23.11.2010
Von Juliane Kaune
Ein Test bringt Sicherheit: MHH-Ärztin Karolin Graf nimmt einem Patienten einen Nasenabstrich für die Untersuchung ab. Quelle: Kremmin

Zu unseren täglichen Umgangsformen gehört es dazu – das Händeschütteln. Iris Chaberny von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) steht dem Alltagsritual skeptisch gegenüber. Nicht, weil die Privatdozentin ein unhöflicher Mensch wäre. Chaberny leitet den Arbeitsbereich Krankenhaushygiene an der Hochschulklinik, und sie weiß, dass beim Händedruck stets eine Vielzahl von Keimen übertragen wird. „Auf jeder Fingerspitze sitzen bis zu 30 Millionen Bakterien“, sagt die Fachfrau. Auf das Händeschütteln zu verzichten, ist daher eine wirksame Maßnahme, um die Übertragung von Keimen zu verhindern.

Laut Expertenschätzungen infizieren sich jedes Jahr bundesweit rund 500.000 Patienten während eines Klinikaufenthalts mit Keimen, etwa ein Drittel der Infektionen wird demnach durch unsaubere Hände verursacht. Diese Zahlen beruhten auf Hochrechnungen, die auf eine Studie aus dem Jahr 1994 zurückgingen, erklärt Chaberny. Sie warnt davor, Ängste unter den Patienten zu schüren: „Es kursieren viele Zahlen, aber sie werden nicht immer richtig interpretiert.“ Das Bewusstsein für ein effektives Hygienemanagement in den Kliniken habe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, betont die MHH-Dozentin. Die regelmäßige Händedesinfektion sei oberstes Gebot.

Chaberny hat maßgeblich dazu beigetragen, dem Thema Krankenhaushygiene Gewicht zu geben: Sie hat ein Überwachungssystem entwickelt, mit dem sich Klinikinfektionen durch multiresistente Keime, gegen die kaum noch ein Antibiotikum wirkt, vorbeugen lassen. Diese sogenannten MRSA-Keime können – gerade auch bei älteren, besonders empfindlichen Patienten – zum Beispiel Wundinfektionen, Blutvergiftungen und Lungenentzündungen verursachen. Bereits seit 2003 arbeitet die MHH mit dem von Chaberny etablierten System, zu dem auch eine Referenzdatenbank gehört; über das MRSA-Netzwerk der Region Hannover greifen auch alle dazugehörigen 17 Kliniken darauf zurück. Zudem haben bundesweit mittlerweile 300 deutsche und österreichische Krankenhäuser das System übernommen.

„Mithilfe verschiedener Präventivmaßnahmen konnten wir die MRSA-Infektionsrate an der MHH um 63 Prozent senken“, sagt Chaberny. Neben der strengen Händehygiene gehören dazu vor allem Abstrichuntersuchungen der Nase bei Patienten, die stationär aufgenommen werden. Ziel ist es, über das MRSA-Netzwerk der Region in enger Zusammenarbeit mit niedergelassenen Medizinern, Rehabilitationseinrichtungen und Altenheimen eine Keimbesiedelung frühzeitig aufzuspüren, um die Betroffenen entsprechend behandeln zu können – möglichst noch vor der Klinikeinweisung.

Wurden Keime festgestellt, reichten meist schon Nasensalbe, antiseptische Waschungen oder Gurgeln mit Speziallösungen, um diese zu bekämpfen, erklärt Chaberny. Grundsätzlich trage bereits die Einhaltung einfacher Regeln dazu bei, die Erreger in Schach zu halten. „Dabei ist auch die Mitarbeit der Patienten in der Klinik gefragt“, betont die Ärztin. Diese sollten ebenfalls regelmäßig ihre Hände desinfizieren, auch vor einer Operation das Duschen nicht vergessen, gebrauchte Handtücher getrennt von denen des Zimmernachbarn aufhängen und daran denken, sich beim Husten oder Niesen abzuwenden. „Und niemand sollte verärgert sein, wenn der Chefarzt ihm bei der Visite mal nicht die Hand gibt.“

Aus Sicht von Chaberny ist das Problem MRSA beherrschbar: Eine aktuelle Untersuchung an den 17 Kliniken der Region Hannover unter Federführung der MHH hat ergeben, dass die Rate der MRSA-Besiedelungen bei allen Patienten im Durchschnitt bei 3,9 Prozent liegt – in britischen Krankenhäusern beträgt die Quote 40 Prozent. Ganz entscheidend sei beim Kampf gegen die Keime aber auch, die Antibiotika-Therapie besser in den Blick zu nehmen, betont Chaberny. In Deutschland werden diese Medikamente vor allem in niedergelassenen Praxen vorschnell verordnet, auch wenn es Alternativen gibt.

„Wir brauchen einen verantwortungsvolleren Umgang mit Antibiotika“, fordert die Medizinerin. Nur so könne es gelingen, die Resistenzen einzudämmen. Verantwortung ist ein Begriff, den Chaberny häufig benutzt, wenn es um die Prävention von Infektionen geht. Das gilt nicht zuletzt für die Grippeimpfung. Sie hält es für wünschenswert, dass sich 90 Prozent der Bevölkerung gegen die Influenza impfen lassen – nicht nur um sich, sondern auch um andere zu schützen. Derzeit liegt die Impfrate allerdings nur bei 50 Prozent. Für alle, die älter als 60 Jahre sind, sei eine Grippeimpfung ohnehin unerlässlich, sagt die Ärztin.

Wichtig ist ihr nicht nur, die Öffentlichkeit besser über die Gefahren von Keimen aufzuklären. Auch die guten Seiten der Bakterien möchte Chaberny Interessierten nahebringen. „Überall in unserem Körper gibt es diese Mikroorganismen“, erklärt sie. Im Darm sorgen Bakterien zum Beispiel dafür, dass wir unsere Nahrung verdauen können, auf der Haut erhalten sie den Säureschutzmantel und bilden so eine natürliche Barriere gegen schädliche Umwelteinflüsse. Einen beeindruckenden Größenvergleich hat die Privatdozentin auch parat: Ein Bakterium ist im Vergleich zu einem Menschen genauso klein wie dieser im Verhältnis zur Erde.

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