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Patienten-Uni 2010 Krebs beim alten Menschen
Patienten-Uni 2010 Krebs beim alten Menschen
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11:27 15.11.2010
Von Nicola Zellmer
Ansprache ist für die Heilung von Krebspatienten in den meisten Fällen ebenso wichtig wie die richtigen Medikament. Prof. Arnold Ganser am Bett einer Patientin. Quelle: Martin Steiner

Krebs gehört in Deutschland zu den wichtigsten Todesursachen. Im Jahr 2006 waren Tumoren nach Angaben des Krebsinformationsdienstes für jeden vierten Todesfall verantwortlich. Dabei nimmt die Zahl der Tumorerkrankungen mit dem Lebensalter zu. Statistisch kommen auf einen 15-Jährigen, der eine Krebsdiagnose erhält, 200 bis 300 über 80-jährige Patienten. Und mehr als 60 Prozent der an Krebs Verstorbenen sind älter als 60 Jahre. „Es stellt sich also die Frage, ob das Alter das Krebsrisiko erhöht“, sagt Prof. Arnold Ganser, Direktor der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Gründe für diese Entwicklung lassen sich genug finden. So ist das körpereigenen Immunsystem im Alter nicht mehr so schlagkräftig wie in jungen Jahren und damit funktioniert auch die Abwehr entarteter Zellen nicht mehr so effektiv. Zudem spielt die Zeit bei Krebserkrankungen eine wichtige Rolle. „Je älter man wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass unter den vielen immer wieder auftretenden Genstörungen genau die Kombination vorkommt, die einen bösartigen Tumor entstehen lässt“, sagt Ganser. Oftmals begünstigt auch die längere Verweildauer in Umweltgiften die Entstehung von Krebs.

„Häufig sind die Tumoren bei Senioren allerdings nicht mehr so aggressiv wie in jüngerem Alter“, erklärt der Onkologe. Typische Alterstumoren sind etwa der helle Hautkrebs, der durch eine langanhaltende Sonnenexposition begünstigt wird. Er beginnt mit harmlos wirkenden Verschorfungen, kann aber später durch die Haut wachsen.

Altersleukämien wie die chronische lymphatische Leukämie (CLL) kommen bei Jüngeren sogar überhaupt nicht vor und entwickeln sich auch im Alter nur langsam. „Die CLL wird häufig zufällig gefunden, wenn aus anderen Gründen ein Blutbild gemacht wird“, berichtet Ganser. „Die Patienten gehen dann von einer schlimmen Krankheit aus. Aber häufig muss die CLL gar nicht behandelt werden, wenn sie sich nur wenig verändert.“ Das Gleiche gilt für langsam wachsenden Prostatakrebs. Über 80-Jährige sind laut Ganser sogar begünstigt: „Die Erfahrung zeigt, dass in diesem Alter die Krebshäufigkeit statistisch wieder abnimmt.“ Das könne sowohl an erblichen Resistenzgenen gegen Krebs liegen als auch daran, dass gewöhnlich die Gesündesten am längsten überleben, sagt der Professor.

„Auf keinen Fall sollte man die Behandlung von Krebs vom Alter abhängig machen“, sagt Ganser. „Die Therapie muss immer individuell maßgeschneidert werden.“ Der fitte 85-Jährige sei sicher belastbarer als die chronisch kranke Frührentnerin mit Bluthochdruck und Diabetes. Eine Operation sei wegen der modernen Narkosemethoden und der kleineren Schnitte meist keine große Belastung. Auch Bestrahlungen würden von den meisten Patienten gut vertragen, während eine Chemotherapie auch Jüngeren Probleme bereiten könne. „Da muss man auf die Begleiterscheinungen achten“, sagt Ganser. „Denn die Zellgifte (Zytostatika) können auch Leber, Herz und Nieren angreifen.“ Wichtig sei auch eine dem Alter angepasste Dosis. „Bestimmte Medikamente werden von Älteren schlechter abgebaut.“

Vorbeugen lasse sich dem Krebs übrigens in jedem Alter, betont Ganser. „Vitaminreiche Nahrung mit viel Obst und Gemüse sowie ausreichend Schlaf sind auf jeden Fall zu empfehlen.“ So habe eine britische Studie mit tausenden Freiwilligen gezeigt, dass tägliche Bewegung, eine vitaminreiche Kost, Nikotinverzicht und moderater Alkoholgenuss das Lebensalter durchschnittlich um 15 Jahre steigern könnten. „Das wird leider immer noch nicht genug beherzigt“, sagt der Onkologe. Von teuren Vitaminpillen hält Ganser dagegen wenig. „Geben Sie nicht ihr letztes Geld dafür aus“, warnt er. „In einer ausgewogenen Kost sind genug Vitamine.“

Eine gewisse Wirksamkeit gegen die Nebenwirkungen einer Chemotherapie zeigt dem Onkologen zufolge dagegen der in vielen Varianten angebotene Mistelextrakt. „Auch wenn es bisher keinen Nachweis gibt, dass er den Tumor heilen kann“, sagt Ganser. Effektiv gegen die Medikamentennebenwirkungen und gut für den Allgemeinzustand wirkt nachgewiesen auch Bewegung. Beispielsweise kann Sport die Wirkung von Zytostatika auf das Herz abschwächen. „Wir haben auf unseren Stationen daher in vielen Zimmern Fahrradergometer oder Stepper aufgestellt“, sagt Ganser. „Auch Krankengymnastik bieten wir regelmäßig an.“

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