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Assistierende Gesundheitssysteme

Sicherheit im Alter

Von Veronika Thomas

Der demografische Wandel stellt Medizin und Pflegesektor in den kommenden Jahrzehnten vor große Herausforderungen. Denn immer weniger junge Menschen stehen künftig für die Pflege und Betreuung der Generation 65 plus zur Verfügung. Forscher der MHH und TU Braunschweig erforschen assistierende Gesundheitssysteme.
Prof. Reinhold Haux (Mitte) und seine Mitarbeiter bestücken einen Stuhl mit Sensoren.

Prof. Reinhold Haux (Mitte) und seine Mitarbeiter bestücken einen Stuhl mit Sensoren.

© PLRI

Standen 1950 rein statistisch betrachtet noch zwölf Personen im Alter von 15 bis 64 Jahre der Versorgung eines über 65-Jährigen gegenüber, werden es 2050 nur noch vier sein. Damit die Qualität der medizinischen und pflegerischen Versorgung von Senioren auf heutigem Niveau auch künftig gewährleistet ist, möglicherweise sogar noch gesteigert wird, aber auch bezahlbar bleibt, tüfteln Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen an technischen Lösungen.

„Unser Ziel ist es, dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben können“, sagt Prof. Reinhold Haux, Direktor des Peter L. Reichertz-Instituts für Medizinische Informatik (PLRI), das die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) und die Technische Universität Braunschweig seit 2007 gemeinsam betreiben. Um dies zu ermöglichen, sollen sogenannte assistierende Gesundheitstechnologien (AGT) mehr und mehr zum Erhalt der Lebensqualität und der Versorgung alter und kranker Menschen beitragen. Ein Werkzeug der Wissenschaftler dabei ist beispielsweise die Sensorik, mit der etwa Körpergewicht, Energieverbrauch, Atemfrequenz, Blutdruck sowie Bewegungen gemessen werden können.

Mithilfe kleiner Beschleunigungssensoren, die zum Beispiel am Gürtel oder am Oberarm getragen werden, kann anhand der Analyse sämtlicher Bewegungsdaten wie Sitzen, Laufen oder Bücken ein Gangmuster erstellt und somit das Sturzrisiko eines älteren Menschen ermittelt werden. „So etwas wird sonst nur aufwendig in Kliniken festgestellt“, sagt Haux.

Im Rahmen einer Studie am Klinikum Braunschweig mit 118 Probanden und einem Altersdurchschnitt von 80 Jahren konnten Wissenschaftler mit 70-prozentiger Sicherheit prognostizieren, wer innerhalb des nächsten Jahres stürzen könnte. „Wenn man das weiß, kann parallel dazu die Wohnung so umgestaltet werden, dass Stolperfallen entfernt und gleichzeitig Gymnastik oder ein leichtes Muskelaufbautraining verordnet werden“, sagt Haux.

Bewegungssensoren können nicht nur Stürze – derzeit noch unter Laborbedingungen – erkennen, auch bei der Rehabilitation etwa von Schlaganfallpatienten können sie beim Ergometertraining exakt die erreichten Fortschritte bemessen. Das bedeutet für die nicht mehr allzu ferne Zukunft, dass bestimmte Therapiephasen nicht nur stationär, sondern auch zu Hause absolviert werden könnten. Die Forscher vom Peter L. Reichertz-Institut arbeiten unter zusammen mit Reha-Medizinern und Geriatern auch mit handelsüblichen Spielekonsolen, um diese, umprogrammiert mit Bewegungs- oder Kamerasteuerung, für die Reha einzusetzen. „So, wie man bei solchen Spielen beim Skilaufen etwa in die Hocke geht, könnten Reha-Patienten bei Gleichgewichtsübungen beispielsweise ihr Körpergefühl verbessern“, erläutert PLRI-Prof. Michael Marschollek.

Die Sensortechnik soll darüber hinaus die Weiterentwicklung sogenannter Hausnotrufsysteme oder Seniorenhandys ermöglichen, indem Notfälle künftig nicht mehr selbst per Knopfdruck gemeldet, sondern vom Gerät automatisch erkannt werden, sobald die betroffene Personal nicht mehr handlungsfähig ist.

„Das Potenzial dieser Technik ist eventuell vergleichbar mit den bildgebenden Verfahren, die von 100 Jahren mit Konrad Röntgen ihren Anfang nahmen“, sagt Prof. Haux. „Möglicherweise lassen sich damit ganz neue Krankheitsmuster im Frühstadium erkennen. Hier stehen wir noch ganz am Anfang unserer Forschung.“ Wann die neue Technik ihre Marktreife erreicht, kann er noch nicht sagen: „Sie wird schnell und in kleinen Schritten kommen.“ Voraussetzung dafür seien Verbundpartner, die mit den Daten einmal arbeiten sollen, etwa Ärzte oder ambulante Pflegedienste.

Allerdings berge die Sensortechnik nicht nur Chancen, sondern, bei falscher Anwendung, auch die Gefahr einer nicht gewollten Überwachung, weshalb jeder selbst entscheiden müsse, welche Daten über Funk oder Internet etwa an den ambulanten Pflegedienst, den Hausarzt oder an die Schwiegertochter weitergeleitet werden sollen. Denn das Ziel der neuen Technik ist es, bei Auftreten kritischer Werte Angehörige, Pflegekräfte und Mediziner frühzeitig zu informieren werden, damit sie entsprechend handeln können.

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