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Interview

Claus Fussek: „Jedes Heim
 hat Mängel“


Claus Fussek ist Sozialpädagoge, Buchautor und Pflegeberater in München.

Sie haben ein Buch mit dem Titel „Im Netz der Pflege
mafia“ geschrieben. Was meinen Sie damit?

Allein in den vergangenen zwölf Jahren habe ich weit über 40 000 E-Mails, Anrufe und Briefe von verzweifelten Pflegekräften und Angehörigen erhalten. Diese Jahre waren die härtesten Jahre meines Lebens – aber auch die interessantesten: Ich habe erkennen müssen, dass das Produkt Pflege ein Milliardengeschäft ist, dass in dieser Branche sehr viele an den Folgen schlechter und gefährlicher Pflege sehr viel Geld verdienen und daher kein Interesse an grundsätzlichen Verbesserungen haben können. So erklärte mir zum Beispiel ein Chirurg, natürlich „ganz im Vertrauen“, dass jedes Druck-geschwür, jeder Oberschenkelhalsbruch ein Wirtschaftsfaktor in der Chirurgie ist und schlechte Pflegeheime Arbeitsplätze im Rettungsdienst und in den Kliniken sichern.

Sie fordern, die Pflegestufen
 abzuschaffen ...

Ich kenne keinen Menschen, der nach Minuten gepflegt werden möchte, und keine Pflegekraft hat gelernt, im Akkord nach Minuten zu pflegen. Hinzu kommt, dass die personelle Situation in den meisten Pflegeheimen so knapp bemessen ist, dass kaum ein pflegebedürftiger Mensch die ihm zustehende Pflegezeit erhält. In vielen Heimen sind zwei oder drei Pflegekräfte für 30 und mehr schwer pflegebedürftige Menschen zuständig. Wie soll das gehen? Die Gesellschaft muss sich ehrlich fragen: Sind wir bereit, die notwendige Zeit und Hilfe für pflegebedürftige Menschen zu finanzieren und Pflegekräfte ordentlich zu bezahlen?

Sie fordern einen Baustopp für Heime. 
Warum?

Wir müssen uns alle fragen, wie wir im Alter wohnen und gepflegt werden wollen. Kein Mensch möchte später in einem Pflegeheim „endgelagert“ werden und mit einem fremden Menschen ein Doppelzimmer teilen. Warum wird dann die ganze Republik immer noch mit zum Teil großen Bettenburgen zugebaut? Wir brauchen in allen Gemeinden und Städten alternative Wohn- und Betreuungsformen, einen flächendeckenden, bedarfsgerechten Ausbau bezahlbarer ambulanter Pflegedienste, Tagespflegen, Nachbarschaftshilfen, Wohngemeinschaften. Neubauwohnungen müssen rollstuhlgerecht gebaut werden.

Woran erkennt man ein gutes und
 ein schlechtes Heim?

Ein Heim ohne Mängel kann es doch gar nicht geben! Ein schlechtes Heim würde ich vermuten, wenn die Heimleitung mir einen Hochglanzprojekt in die Hand drückt und stolz erklärt: „Bei uns ist alles in Ordnung, die Heimaufsicht hat nichts bemängelt, es gibt keine Beschwerden, alle Bewohner sind zufrieden, und allen schmeckt das Essen ...!“ Dann können Sie sofort wieder gehen!

Hilft der geplante Pflege-TÜV?

Das Benotungssystem ist Volksverdummung, da es nach diesem System kein schlechtes Heim geben wird. Gute Heime werben bereits jetzt mit der freiwilligen Veröffentlichung ihrer Prüfberichte von Heimaufsicht und Medizinischem Dienst. Diese Heime sind transparent und haben nichts zu verbergen. Werbung läuft unter „Mundpropaganda“. Gute Heime haben auch kein Imageproblem. Und sie sind in der Regel auch keinen Euro teurer als die schlechten Heime.

Interview: Gabi Stief

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