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Die Tücken im Pflegesystem

Das Geschäft mit dem Alter

Von Gabi Stief

Als der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf mit seiner Frau und fünf Freunden eine Wohngemeinschaft gründete, war er 54 Jahre alt. Bis zu seinem Tod wolle er nun da bleiben, hat er einmal gesagt.
zwei Senioren treiben Sport

Obwohl viele Senioren bis ins hohe Alter sportlich aktiv sind, sind viele ältere Menschen auf fremde Hilfe angewiesen.

© Christian Burkert

Hans-Jochen Vogel, ehemaliger Münchener Oberbürgermeister, Bundesminister und SPD-Fraktionschef, hatte gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert, als er mit seiner Frau ins Münchener Seniorenstift Augustinum zog.

Helmut Wallrafen-Dreisow lebt nicht in einer Alten-WG und nicht im Altenheim, aber er kennt sich aus. Wallrafen-Dreisow ist Geschäftsführer von sechs städtischen Pflegeheimen in Mönchengladbach. Der gelernte Altenpfleger gilt als Querdenker, weil er überzeugt ist, dass Kommunen die Pflege älterer Menschen nicht anderen überlassen sollten. Er macht seinen Job nicht nur mit Herzblut; er wirbt auch kräftig dafür, dass andere Städte seinem Beispiel folgen. Bislang geschieht das Gegenteil. Seit Jahren sind die Kommunen auf dem Rückzug. Gerade einmal sieben Prozent der Heime, 702 der 10 400 Einrichtungen bundesweit, sind noch in öffentlicher Hand. Der Blick in leere Kassen verführt, das schnelle Geld hat seinen Reiz. Viele Kämmerer hätten keine Ahnung, schimpft Wallrafen-Dreisow: „Wer seine Heime verkauft, denkt zu kurzfristig.“ Mehrere Millionen Euro hat seine „Sozial-Holding Mönchengladbach“ in den vergangenen Jahren in den Umbau der Einrichtungen investiert. „Wir schaffen Vermögen für die Bürger.“ Ist die Altenpflege ein gutes Geschäft? Wallrafen-Dreisow spricht lieber von Dienstleistung. Und die müsse selbstverständlich gut sein.

Ob man es nun Geschäft nennt oder Service für den Bürger – die Pflege ist ein Wachstumsmarkt. Rund 800 000 Beschäftigte, 50 000 mehr als in der Automobilindustrie, verdienen heute bereits im Pflegesektor ihr Geld; gut 25 Milliarden Euro werden umgesetzt. Stattliche Zuwachsraten sind sicher. Immer mehr ältere Menschen werden in Zukunft auf Betreuung angewiesen sein. Rund 2,2 Millionen Pflegebedürftige gibt es derzeit in Deutschland. Im Jahr 2020 werden es voraussichtlich drei Millionen sein, 2030 bereits 3,2 Millionen. Gut jeder Dritte, der von der Pflegekasse Leistungen bezieht, wird heute stationär versorgt. Die Unternehmensberatung hsp consult schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren 200 000 zusätzliche Heimplätze nötig sind, ein Viertel mehr als heute. Das Geschäft lockt. Noch wird jedes zweite Heim von einem freigemeinnützigen Träger wie Diakonie, Caritas oder Wohlfahrtsverbänden betrieben, aber Privatunternehmen, darunter börsennotierte Konzerne wie Marseille, Curanum und Maternus, sind auf dem Vormarsch. Fast 40 Prozent der Einrichtungen sind in privater Hand; immer häufiger werden kleinere Häuser von großen Ketten übernommen. Auch ausländische Bewerber drängen auf den größten Heimmarkt Europas. Die einen sind vom Fach wie die französische Kette Korian, die anderen sind Finanzinvestoren, die schlicht alles kaufen, das Rendite verspricht.

Doch haben die Heime alter Schule tatsächlich eine Zukunft? Ist es das Wohnmodell, das sich 50-Jährige, 60-Jährige für ihren Lebensabend wünschen? Wohl kaum. Auch der Bundesverband privater Anbieter (bpa) meldet Zweifel an. Eine aktuelle bpa-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Pflegebedürftigen zwar steigt, aber die Zahl der Schwerstpflegefälle in den nächsten Jahren nahezu unverändert bleibt. Da der Umzug ins Pflegeheim aber unbeliebt ist und oft bis ins hohe Alter hinausgeschoben wird, warnt die Studie vor der Annahme einer ungebremst steigenden Nachfrage. Bereits heute liegt das Durchschnittsalter der Heimbewohner bei 82 Jahren; zwei Drittel sind demenziell erkrankt.

Ein weiterer überraschender Trend bestärkt die Skeptiker. Seit Jahren wird vermutet, dass künftig immer weniger Angehörige die Zeit finden, Eltern oder Ehegatten zu Hause zu pflegen. Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), der regelmäßig den Pflegemarkt analysiert, stellte fest, dass derzeit das Gegenteil passiert. 2007 zeigt die Kurve erstmals wieder noch oben. Die Familie springt häufiger ein als in den Vorjahren. Augurzky rechnet dennoch fest mit einer erneuten Trendumkehr.

Auch die These, dass die Branche jeder Krise trotze, gerät derzeit ins Wanken. Viele Häuser haben zunehmend Probleme, ihre Betten zu belegen. In Regionen wie Hannover kämpft die Branche mit einem Überangebot. 154 Einrichtungen gibt es; das Angebot an Pflegeplätzen erhöhte sich in den vergangenen Jahren um 15 Prozent. Sozialdezernent Erwin Jordan spricht von einem außer Kontrolle geratenen Markt, auf dem der Bedarf keine Rolle mehr spiele. Der Caritasverband Hannover schreibt tiefrote Zahlen und will seine fünf Pflegeheime in der Region verkaufen. Andere wie das amerikanische Unternehmen Sunrise, die mit Appartementpreisen von 3000 Euro monatlich – ohne Einrechnung der Pflegekosten – auf vermögende Kunden hofften, ziehen sich vom Markt zurück. Wer reich ist, so auch die Sunrise-Lehre in Hannover, bezahlt lieber eine ambulante Top-Pflege im eigenen Haus, als dass er ins Senioren-Domizil der Fünf-Sterne-Klasse umzieht. „Der Markt wurde falsch eingeschätzt“, sagt Augurzky. Wer sich auf dem Markt behaupten will, müsse den Wandel der Bedürfnisse kapieren, meint Heimbetreiber Wallrafen-Dreisow. In Mönchengladbach hat er damit begonnen, die vollstationäre Pflege abzubauen und die ambulante Pflege auszubauen. Volkswirtschaftlich sei dies sinnvoller, sagt er. „Aber es geht auch um Respekt und die Würde des Menschen.“ Niemand habe es verdient, seine letzten Jahre auf sterilen 100-Betten-Stationen zu verbringen.

Die Gladbacher sind nicht die einzigen, die ihre Einrichtungen verschlanken, in kleinen Wohngruppen neu organisieren und das Einzelzimmer zum Grundstandard erheben. Die Durchschnittsgröße der Heime liegt bundesweit bei 65 Pflegeplätzen, bei den Privaten sogar bei 53 Plätzen. Bundesländer wie Baden-Württemberg wollen Heime verpflichten, künftig jedem Bewohner ein Einzelzimmer anzubieten.

Wallrafen-Dreisow hat nachgefragt, was die Gladbacher von einem Altenheim erwarten. Er hat Schützenvereine und Seniorenklubs besucht und festgestellt, dass die Menschen andere Fragen stellen als jene, die Politiker erwarten. Wie schmeckt das Essen? Wie riecht es im Heim? Was geschieht, wenn ich krank werde? Wie werden Sterbende begleitet? Was muss ich bezahlen? Die wenigsten interessierte die Qualität der Pflege, die in Kürze mit Schulnoten bewertet und veröffentlicht werden muss. „Die meisten unterstellen, dass die Pflege gut ist und kontrolliert wird.“ In „kundenorientierten Qualitätsberichten“ haben die Gladbacher die Antworten auf die Fragen nach der „gefühlten Qualität“ aufgelistet und im Internet veröffentlicht.

Bereits vor Jahren machte sich Wallrafen-Dreisow bundesweit einen Namen, weil er als Erster die Preiskalkulation seiner Heime offenlegte. 75 Prozent der Kosten verursachen die 900 Beschäftigten, die alle nach Tarif bezahlt werden. Gute Pflege sei eine Frage qualifizierter Mitarbeiter, sagt er. 3000 Euro im Monat kostet der Platz in einem der städtischen Heime in Gladbach, der bundesweite Durchschnittspreis liegt bei 2700 Euro. „Wenn wir offenlegen, wofür wir das Geld ausgeben, sind die Kunden nachsichtiger“, sagt Wallrafen-Dreisow. Ist das Heim mit Linoleumfußboden, Plastikblumen und Mehrbettzimmern ein Auslaufmodell? RWI-Experte Augurzky ist überzeugt, dass Deutschland auf eine Mehr-Klassen-Pflege zusteuert. Die Pflegeversicherung ist eine Teil-
kaskoversicherung. Die einen werden im Alter 2000 Euro im Monat auf den Tisch legen können, um das Heim zu bezahlen. Andere sogar 3000 Euro. Immer mehr Ältere werden dagegen auf Sozialhilfe angewiesen sein. „Es wird Billigheime geben und Seniorenresidenzen, in denen morgens Champagner serviert wird“, schätzt Augurzky. „Wir müssen jetzt handeln und neue Konzepte entwickeln, um bessere Heime für alle zu schaffen“, sagt Wallrafen-Dreisow.

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