Es ist Donnerstagmorgen, 8.45 Uhr, eine Kleinstadt im Calenberger Land. Die beiden Gutachter Sylvia Theis und Jens Fieser vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Niedersachsen (MDK) sind verabredet, ein Seniorendomizil in der Region Hannover zu überprüfen – unangemeldet. Um 9 Uhr soll die Qualitätsprüfung beginnen. Fieser klingelt und erklärt dem Mitarbeiter an der Tür höflich, aber bestimmt, das Vorhaben. Der Mann ist freundlich und bittet in das Büro der Heimleitung. Dann wird er etwas hektisch, das Leitungsteam – Einrichtungsleiterin und Pflegedienstleiterin – hat sich den ganzen Tag wegen eines Auswärtstermins abgemeldet. Es folgt ein kurzes Telefonat, dann verkündet der Mitarbeiter, dass die beiden Damen spätestens in einer Dreiviertelstunde da sein werden.
Das Haus ist gut organisiert. Unaufgefordert stellt der Mann den Gutachachtern die wichtigsten Aktenordner zur Verfügung: Versorgungsverträge, Qualitätshandbuch, Einsatzpläne und Organigramm. Innerhalb weniger Minuten hat Fieser ermittelt, wie viele Bewohner für die Qualitätsprüfung befragt werden müssen. 71 Plätze hat das Haus, zehn Prozent der Bewohner stehen zur Begutachtung an. Ihren Pflegestufen entsprechend werden nach der Zufallsziehung je drei Bewohner in Pflegestufe eins und zwei sowie ein Bewohner in Pflegestufe drei zur Überprüfung herausgesucht – einschließlich persönlicher Befragung und dem Check ihrer Pflegedokumentation. Ein bis zwei Stunden kalkulieren die Gutachter pro Bewohner ein. Unterdessen sind auch die ersten Mitglieder des Heimbeirats informiert worden, die sich für Auskünfte zur Verfügung stellen.
Die Prüferin beginnt mit Frau F. Die 87-Jährige lebt seit zwei Jahren in der Seniorenresidenz, leidet unter Demenz und bezieht Leistungen nach Pflegestufe eins. „Guten Tag, ich komme im Auftrag Ihrer Krankenkasse“, stellt sich Theis vor. „Fühlen Sie sich wohl in Ihrem Zimmer?“, fragt die examinierte Krankenschwester zur Einstimmung. Die alte Dame bejaht die Frage. „Schmeckt Ihnen das Essen, und sind Sie mit den Essenszeiten zufrieden?“, fragt die Gutachterin weiter. Frau F. nickt und beginnt, von ihren Töchtern zu erzählen. Theis hört interessiert zu, stellt ergänzende Fragen und versucht, ihren Katalog von insgesamt 18 Fragen abzuarbeiten, den die Befragung der Bewohner vorsieht.
Bei der nächsten Frage, ob Frau F. entscheiden könne, dass die Zimmertür offen oder geschlossen gehalten wird, schaut die alte Dame schon etwas abwesend drein. Die MDK-Prüferin entscheidet, die Befragung an diesem Punkt erst einmal abzubrechen. Sie will später noch einmal wiederkommen. Bei der Begutachtung der Pflegedokumentation erzählt ihre Bezugspflegerin, dass Frau F. manchmal sehr unwirsch reagiere und Pfleger schon mal aus dem Zimmer werfe. Außerdem möge sie ihre Zahnprothese nicht und verstecke sie deshalb häufiger. Hier hakt Theis nach und fragt, ob diese Besonderheiten irgendwo festgehalten werden. Das ist der Fall.
Die anschließende Prüfung der Pflegedokumentation hat es in sich. „Ermitteln Sie ihre Stimmung tagesaktuell? Hält die Bewohnerin ihr Gewicht? Werden ihre Medikamente der Verordnung des Arztes gemäß verabreicht?“ Die Gutachterin, die seit zweieinhalb Jahren für den MDK arbeitet, fragt routiniert nach und schaut sich die Lagerung der Medikamente an. Sie werden vorschriftsmäßig und bewohnerbezogen getrennt gelagert, die täglichen Dosen stimmen mit der Verordnung überein.
Ihr Kollege Fieser arbeitet sich zeitgleich durch die Pflegedokumentation einer 89-jährigen Bewohnerin in Pflegestufe 2. Aus den Akten geht hervor, dass die Seniorin vier Kilogramm Gewicht in vier Wochen verloren hat. Die Pflegerin wirkt unsicher, kann sich den Gewichtsverlust nicht eindeutig erklären. Frau B. habe schon wieder zwei Kilo zugenommen, sei außerdem herzkrank und bekäme Entwässerungstabletten. „Das steht aber so nicht in der Dokumentation“, sagt Fieser, examinierter Altenpfleger. Die Pflegerin erläutert, dass die Dokumentation gerade von Papier auf EDV umgestellt werde, sie sei bisher noch nicht dazu gekommen, die Daten nachzutragen. Der Gutachter bohrt weiter, vieles lässt sich nachvollziehen, dennoch bleibt Frau Bs. Akte lückenhaft. Fieser notiert es.
Nicht nur Bewohner und deren Pflegedokumentation stehen zur Begutachtung an, sondern die gesamte Organisation des Hauses. „Ich würde jetzt gern einmal sehen, wie Sie es organisiert haben, dass die Pflege durch Examinierte gewährleistet ist, auch an den Wochenenden“, sagt Theis. Die Heimleiterin legt ihr die archivierten Dienstpläne vor. Die Prüferin fragt weiter, unter anderem nach den Verantwortlichkeiten, nach Fortbildungs- und Speiseplänen, Dekubitus- und Sturzprophylaxe, Erste-Hilfe-Maßnahmen, Fallbesprechungen, Pflegevisiten und dem Konzept zur Sterbebegleitung.
Nach eineinhalb Tagen ist die Arbeit der beiden MDK-Gutachter abgeschlossen – und die Einrichtungsleiterin erleichtert: „Seit Wochen standen wir hier unter Druck, weil wir wussten, dass der MDK irgendwann kommt“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich finde die Überprüfungen gut. Sie bedeuten ja, dass jede Einrichtung unter den gleichen Bedingungen geprüft wird. Und wir müssen uns wirklich nicht verstecken.“
Ihre Einschätzung gibt ihr Wochen später recht. Das Pflegeheim erhielt die Pflegenote 1,3.
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