Wieder einmal eine ICE-Fahrt von Bochum nach Hannover. Eine von so vielen, die Inta Supka zu ihrer Tochter und deren Familie bringen sollte. Die heute 71-Jährige lebte bis vor knapp vier Jahren in Bochum, ihre Tochter in Hannover – und immer wieder drängten sich die Fragen auf: Muss diese Pendelei sein? Was passiert, wenn sie älter und weniger mobil wird? Noch sagten die Freunde zwar, man könne jederzeit anrufen. Aber würden sie wirklich helfen? Wäre es nicht sinnvoller, in die Nähe der Tochter zu ziehen? Eigenständig wollte Inta Supka bleiben – aber nicht allein.
Die Lösung brachte der Schwiegersohn. Er hatte von einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt auf einem ehemaligen Brauereigelände, dem Gilde-Carré, gehört. Supka nahm Kontakt zu der Gruppe auf – doch sie war nicht die einzige Bewerberin. „Die Nachfrage nach gemeinschaftlichen Wohnprojekten ist gerade bei Frauen sehr groß“, sagt Andrea Beerli vom Bürgerbüro Stadtentwicklung, das sich um solche Initiativen kümmert. Zwei Drittel der Nachfragen stammten von Seniorinnen. „Und es werden immer mehr.“
Das bestätigt Ingeborg Dahlmann, Leiterin der Bundesgeschäftsstelle des Forums Gemeinschaftliches Wohnen e. V.: „Allein im Jahr 2006 stieg die Anzahl der Telefonate, bei denen wir Menschen zu diesem Thema beraten haben, von 5000 auf 12 000. Besonders häufig meldeten sich Frauen.“ Die Mehrheit aller Altershaushalte – 65 Prozent laut einer Studie des Kuratoriums Deutsche Altershilfe und der Bertelsmann-Stiftung – ist grundsätzlich zum Umzug bereit, wenn sich alternativer Wohnraum findet.
Eine Alternative für gemeinschaftliches Wohnen sind stationäre Hausgemeinschaften. In ihnen leben pflegebedürftige Senioren mit professionellen Pflegekräften zusammen. In Hannover sind mittlerweile zahlreiche solcher Projekte zu finden, unter anderem in der Südstädter Devrientstraße, wo auf vier Etagen Hausgemeinschaften für 45 Personen eingerichtet sind. Ein ähnliches Betreuungsangebot bietet die Ostland Wohnungsgenossenschaft in ihrer Wohngruppe in der Blumenauer Straße in Linden. Dort stehen 66 Einzimmerapartments für betreutes Wohnen bereit, jedes 20 Quadratmeter groß und zum monatlichen Mietpreis von 400 Euro. Die Bewohner teilen sich Gemeinschaftsräume, ein Café und den großen Außenbereich.
Nebenan im Gilde-Carré ist das gemeinschaftliche Wohnprojekt hingegen aus privater Initiative entstanden. „Eigentlich entwickelte sich die Gruppe aus einem Freundeskreis heraus“, erinnern sich Frauke Ferner und Erdmuthe Fischer, „uns allen war in Gesprächen klar geworden, dass wir nicht allein alt werden wollten.“ Doch würde das reichen, um ein Wohnprojekt zu stemmen? Um das herauszufinden, traf sich die 15-köpfige Gruppe zunächst alle vier, dann alle zwei Wochen, unternahm Ausflüge und beschnupperte sich, bevor sie sich vom Frühjahr 2002 an regelmäßig mit der Ostlandgenossenschaft als Bauträger zu Planungsgesprächen traf. Erst muss die Gruppe stehen, bevor es auf die Suche nach dem entsprechenden Raum geht – das machen Fischer und Ferner allen Besuchern klar, die sich über ihren Verein „Wohnkonzept 12“ informieren. Im Vorjahr schauten 200 Personen vorbei.
Viele Interessenten haben jedoch falsche Vorstellungen vom gemeinschaftlichen, aber selbstbestimmten Wohnen. „Viele denken, wenn Vater oder Mutter gebrechlich werden, sind sie in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt besser und vor allen Dingen billiger untergebracht als im Heim “, sagt Andrea Beerli im Bürgerbüro und betont: „Solche Wohnprojekte sind kein betreutes Wohnen.“ Wenn etwa eine Bewohnerin pflegebedürftig werde, würden die Mitbewohner einen Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung stellen, den ein Pflegedienst dann umsetzt – wie es auch in Familien der Fall wäre. Was anders sein könnte, seien aber die Zeiten zwischen den Pflegeeinheiten, glaubt Ingeborg Dahlmann vom Forum Gemeinschaftliches Wohnen: „Die sind durch soziale Kontakte gefüllt, die sonst so nur in Familien und in gewachsenen Nachbarschaften vorhanden sind.“
Soziale Kontakte schreibt „W 12“ groß. Nicht nur Ferner und Fischer sind noch sehr agil, planen gemeinsame Ausflüge, Bastelnachmittage für Kinder aus der Nachbarschaft oder Kochabende. Herzstück ihres Projekts ist die Wohnung im Erdgeschoss: Liebevoll ist sie eingerichtet; Möbel aus hellem Holz und eine Sitzgruppe laden zum Verweilen ein, an der Wand steht ein Klavier, und ein Esstisch wartet auf die Kaffeerunde. Nebenan ist eine Küche, in der gemeinsam gekocht wird. Zudem hat jede Bewohnerin im viergeschossigen Haus eine eigene, barrierefreie Wohnung mit Küche, jeweils zwischen 60 und 85 Quadratmeter groß. Denn trotz der Gemeinsamkeiten – Sonntagsfrühstück, Spieleabend, Singnachmittag – möchte jede ihren Rückzugsraum behalten. Nur so ist der Spagat zwischen Distanz und Nähe hinzubekommen.
Und noch eine Tugend ist wichtig: Toleranz. „Ohne die geht es nicht, man muss die Grenzen des anderen akzeptieren. Wenn jemand nicht mit allen anderen Kaffee trinken will, dann ist das auch okay“, sagt Ferner. Gemeinschaftliches Wohnen soll schließlich nicht im Gruppenzwang enden. Streitigkeiten indes werden in der Gruppe gelöst: Einmal im Monat gibt es ein Treffen, bei dem eventuelle Probleme angesprochen werden.
Mietwohnprojekte dieser Art gibt es bisher wenige; sie sind stark abhängig vom Engagement einzelner, und die meisten scheitern an den Kosten. „Solchen Wohnprojekten – speziell denen für ältere Frauen – fehlt die Lobby, was vielleicht auch daran liegt, dass das Alter nicht nur weiblich, sondern auch arm ist“, sagt Dahlmann: „Nur wenige Frauen haben eine so hohe Rente, dass sie sich jede Wohnung leisten könnten.“ Die Parteien zahlten für ihre Wohnungen die „normale, ortsübliche Miete“, sagt die Frau vom Wohn-Forum. Die genaue Miethöhe im Gilde-Carré-Projekt geben die Bewohner indes nicht preis. Aber: „Die meisten Frauen haben sich räumlich verkleinert“, sagt Ferner. Sie haben Haus oder Eigentumswohnung verkauft, um sich ihr neues Leben leisten zu können. Und zusätzlich die 75 Euro im Monat, die jedes Mitglied für die Gemeinschaftswohnung zuschießt.
Neue Mitbewohner werden stets sorgfältig ausgesucht. So wie Inta Supka damals. Genau kann sie sich daran erinnern, wie sie bei einem Treffen im Lindener „Café K“ von ihren potenziellen neuen Mitbewohnern ausgefragt wurde. Sie wurde einstimmig gewählt. „Das war mein Lottogewinn“, sagt die 71-Jährige. Denn obwohl sie ihre eigene Wohnung hat, ist sie auf keinen Fall allein. Im Sommer beispielsweise gilt die Regel: Wer den Sonnenschirm auf der Gemeinschaftsterrasse aufspannt, sucht Gesellschaft, erklärt Supka lachend: „Ein Blick über den Balkon lohnt sich daher immer.“
Informationen und Adressen zu den Wohnprojekten gibt es beim Forum für Gemeinschaftliches Wohnen, Brehmstraße 1A, 30173 Hannover; die Bundesgeschäftsstelle ist telefonisch unter (05 11) 4 75 32 53 zu erreichen. Internet: www.fgwa.de
Der Verein Wohnkonzept 12 ist über Frauke Ferner zu erreichen. Email: rh-ferner@t-online.de
von Tatjana Riegler und Heike Schmidt
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