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Wohngemeinschaften für Senioren

Ein Leben in der Gruppe

Von Veronika Thomas

Hannelore Felsmanns große Leidenschaft ist Musik. Die 79-Jährige sitzt mit strahlenden Augen auf dem Sofa ihres geschmackvoll eingerichteten Zimmers in der Senioren-Wohngemeinschaft in Davenstedt.
Ein Leben in der Gemeinschaft

Ein Leben in der Gruppe: Die neun Bewohner der Senioren-Wohngemeinschaft mit ihren Betreuerinnen

© Daniel Marcus Kunzfeld

Und aus drei Radios ertönt gleichzeitig nicht gerade leise Musik. Schlagermusik. „Ich habe das größte und schönste Zimmer von allen“, sagt die deutlich jünger wirkende Seniorin selbstbewusst. Seit einem Jahr wohnt sie gemeinsam mit acht weiteren Bewohnern in dem Fachwerkbau mit großem Garten. „Es hat lange gedauert, bis ich mich eingelebt hatte“, gibt die alte Dame zu. „Aber jetzt fühle ich mich hier zu Hause. Und es ist immer etwas los.“

Am meisten machten Hannelore Felsmann die Mitbewohner zu schaffen, mit denen sie sich kaum unterhalten kann. „Sie sind alle demenzkrank“, sagt sie bedauernd, „aber ich nehme sie alle so, wie sie sind“. Sie hat schließlich noch Kontakte zu Freunden von früher und zu ihrem Sohn. Nach dem Tod ihres Mannes 1997 hatte sie lange allein in ihrer 110 Quadratmeter großen Wohnung in Langenhagen gelebt – bis sie nicht mehr allein klar kam. Sie litt unter Depressionen, kam mitunter kaum mehr aus dem Bett. „Ich musste da raus, aber in ein Pflegeheim wollte ich nicht.“ Felsmann entschied sich für eine ambulant betreute Wohngemeinschaft, von denen es im Stadtgebiet Hannovers etwa ein Dutzend gibt.

Die Pflege-WGs genannten Einrichtungen gelten seit etwa fünf, sechs Jahren als alternative Wohnform zum klassischen Pflegeheim, vor allem für demenzkranke Menschen. Anders als in stationären Heimen schließen die WG-Bewohner beziehungsweise deren Betreuer oder Angehörigen keinen Vertrag mit einem Heimbetreiber ab, sondern unterschreiben in der Regel gleich drei Verträge: einen Mietvertrag, einen Vertrag mit einem Pflegedienst und einen weiteren, der die hauswirtschaftlichen Leistungen regelt. „Wesentlich günstiger als in einem Pflegeheim ist das Leben in einer WG aber nicht“, sagt Gudrun Hirsch von der Alzheimer Gesellschaft Hannover. Hannelore Felsmann zahlt beispielsweise 1500 Euro im Monat. Unterstützung nach einer Pflegestufe erhält sie nicht, sonst wäre es günstiger. „Dafür wird gekocht, gewaschen und sauber gemacht. Rund um die Uhr ist jemand für uns da“, sagt die alte Dame.

Angehörige, die sich für diese Wohnform entscheiden, müssen sich hier stärker um ihren Vater oder ihre Mutter kümmern als in einem klassischen Pflegeheim. „Sie treffen viele Entscheidungen mit, auch, wenn eine neue Couch oder ein Fernsehgerät angeschafft werden muss“, sagt Gudrun Hirsch, die mittlerweile alle Pflege-WGs in Hannover besucht hat: „Die Atmosphäre ist überall gut, das Zusammenleben sehr familiär.“ Allerdings gebe es überall unterschiedliche Konzepte und Rahmenbedingungen. Hirsch rät Angehörigen, sich genau über diese Art der Betreuung zu informieren, denn einen pflegebedürftigen Menschen könne man in einer WG nicht so „einfach abgeben“ wie in einem Heim.

In der Davenstedter Wohngemeinschaft, die der interkulturelle Sozialdienst Hannover als eine von vier Einrichtungen dieser Art im Stadtgebiet betreibt, steht alltagsorientiertes Leben im Vordergrund. Der Umgang ist liebevoll, unverkrampft und vertraut. Jeden Tag wird frisch eingekauft und gekocht. Die Bewohner gehen, je nach Lust und Tagesform, mit zum Einkaufen, sie putzen Gemüse, decken den Tisch oder legen Wäsche zusammen – und sind dementsprechend fit. Der 80-jährige Rudolf S. zum Beispiel fegt nach jedem Essen die Küche, weil er es möchte.

„Demenzkranke brauchen einen Rahmen, der auf ihre Bedürfnisse eingeht“, sagt die Diplom-Sozialarbeiterin Karin Krauße, die als Leiterin für die vier WGs zuständig ist. Eine Hauswirtschafterin und eine Pflegefachkraft oder Ergotherapeutin sind ständig für Pflege, Versorgung und Beschäftigung der neun Bewohner zuständig. Dazu gehören auch Besuche bei Ärzten, Spaziergänge oder Fahrten in die Stadt, um Schuhe oder Bekleidung mit den Bewohnern einzukaufen. Aber hauptsächlich spielt sich das Leben der Gruppe in der gemütlichen Küche oder im großen Flur ab, der sich zu einem zweiten Wohnzimmer entwickelt hat.

Ein richtiges Wohnzimmer gibt es auch, das aber eher an Fest- und Feiertagen genutzt wird. Fürstenzimmer nennen es die Betreuerinnen, weil es so groß und so schön eingerichtet ist. Und wer von den Bewohnern gerade keine Lust auf die Gruppe hat, zieht sich in sein Zimmer zurück. Hannelore Felsmann setzt sich auch gern auf ihr Fahrrad und dreht eine Runde durch den Stadtteil.

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