Klischees, so lehrt der Duden, sind überkommene Vorstellungen. Vorstellungen sind Bilder, die Erwartungen prägen und den Alltag beherrschen. Kein Wunder, dass sich der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse eine „differenzierte“ Wahrnehmung des Alters und des Alterns wünscht. Mit 13 weiteren Wissenschaftlern, Psychologen, Soziologen und Gesundheitswissenschaftler darunter, hat Kruse Altersbildern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nachgespürt. In dieser Woche hat die Kommission ihren 500-seitigen Abschlussbericht, den 6. Altenbericht, der Familienministerin übergeben.
Und das Ergebnis? Im Herbst werden Regierung und Parlament ihre Schlüsse ziehen. Die Wissenschaft tut sich schwer mit einem knappen Resümee. „Der Blick der Gesellschaft auf das Alter fällt insgesamt positiver aus als noch vor Jahren“, sagt Ulla Walter, Professorin an der Medizinische Hochschule Hannover und Kommissionsmitglied. Nicht ohne Grund: Ältere Menschen sind weitaus gesünder als vor 20, 30 Jahren. Allerdings sei Gebrechlichkeit noch immer ein Zustand, der schwer akzeptiert und verkannt werde – sowohl von der Gesellschaft als auch von den Betroffenen selbst.
Auch in der Pflege hat sich nach Ansicht der Gesundheitswissenschaftlerin Walter vieles zum Positiven verändert. Früher galt die Pflege als schlichte Versorgung alter Menschen. Heute setze sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es Aufgabe der Pflege ist, mit einer zielgerichteten Förderung Stärken von Älteren zu wecken. Prävention, so die Erfahrung, ist keine Frage des Alters, und sie erlaubt ein längeres Leben in Selbstständigkeit.
Entscheidend sei, genau hinzuschauen, sagt Walter. Wenn Pflegebedürftige nur als schwach und hilflos behandelt werden und Pflegende in eine kindliche Sprache verfallen, dann sei es nicht verwunderlich, wenn sich Ältere nichts mehr zutrauen. Macht man dagegen deutlich, dass Alter nicht zwangsläufig „Ruhestand“ und Krankheit bedeutet, bietet man Anreize, sich anzustrengen statt fallen zu lassen.
Allerdings sei auch ein allzu positiver Blick aufs Alter problematisch, warnt Walter. So kommt es vor, dass Menschen für fit und leistungsfähig gehalten werden, die es längst nicht mehr sind. Demenziell Erkrankte brauchten Unterstützung, die sie häufig nicht bekämen. Psychotherapien im Alter seien lange Zeit tabuisiert worden. Sowohl in der Wissenschaft, bei Pflegenden als auch bei den Patienten.
Fest steht: Es gibt nicht ein Altersbild, sondern viele. Alter ist Zumutung, aber auch die Weisheit, aus den Zumutungen das Beste zu machen. Der Pianist Arthur Rubinstein, der noch mit 89 Jahren auftrat, sagte einmal: „Ich spiele weniger Stücke. Ich übe diese häufiger. Und drittens spiele ich vor schnellen Passagen extra langsam – das lässt die langsamen bedeutungsvoller und die schnellen schneller erscheinen.“
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