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Interview

Gisela Charlotte Fischer: „Flexibel und selbstbestimmt“


Prof. Gisela Charlotte Fischer, Leiterin des Projekts "InnovAging" der Leibniz-Uni, im Interview
Prof. Gisela Charlotte Fischer

Prof. Gisela Charlotte Fischer

Die Situation, in der sich Menschen in Alten- und Pflegeheimen befinden, ist nicht zufriedenstellend. Woran liegt das?

Die Gründe sind vielschichtig. Es wird beispielsweise viel über die zuwendungsvolle, aktivierende Pflege gesprochen. Doch die Realität sind anders aus. Viele Bewohner bleiben unter ihrem Leistungsniveau. Menschen, die noch laufen können, sitzen im Rollstuhl, wer noch sitzen kann, liegt im Bett, und wer sich selber waschen könnte, wird gewaschen. Die alten Leute können sich schlecht gegen das System behaupten. Ohne aktive Verwandtschaft, die ihre Interessen vertritt, sind manche verloren.

Gibt es auch positive Beispiele?

Ja, sicher. Oft sind es kleinere Häuser mit 12 bis 20 Bewohnern, in denen sich wirklich auf die Persönlichkeit bezogene Zuwendung aufbaut. Ein positives Beispiel sind zudem Wohnprojekte, wie sie in manchen Großstädten bereits verwirklicht werden, die flexibel auf die Bedürfnisse der Bewohner eingehen.

Wie sieht das konkret aus?

Es handelt sich um architektonisch attraktive Wohnhäuser, nicht irgendwo weit draußen, sondern mitten im Stadtteil, angeschlossen an die normale Infrastruktur und die Aktivitäten einer Stadt. Im Erdgeschoss befindet sich in aller Regel eine Sozialstation. Die Mieter haben alle Freiheiten. Sie kaufen sich Pflegedienstleistungen dazu, wie sie es benötigen. Nicht wenige ziehen gleich nach ihrer Pensionierung ein und nehmen erst einmal nichts in Anspruch. Eine hohe Flexibilität und modulhafte Inanspruchnahme verschiedener Unterstützungsformen – das erscheint mir als Zukunftsmodell der Pflege.

Gibt es andere Vorbilder?

In Dänemark gibt es Mehrgenerationenhäuser, in denen mehrere befreundete, ältere Menschen zusammenleben. Sie beschäftigen nur eine Pflegekraft für alle und versuchen erst einmal aus eigener Kraft alles Notwendige allein zu organisieren. Oder denken Sie an die Alten-WG von Henning Scherf, dem ehemaligen Bürgermeister von Bremen. Solche Initiativen, die sich frühzeitig um eigene Lebensmodelle im Alter kümmern, haben Zukunftscharakter.

In ein Pflegeheim ziehen alte Leute meist erst, wenn es gar nicht mehr anders geht. Was sind die Folgen?

Ihr Verhalten ist verständlich. Doch es führt dazu, dass es für die Pfleger schwer ist, eine Beziehung aufzubauen. Wenn jemand etwa schwer an Demenz erkrankt ist, ist es schwierig, seine Persönlichkeit, Vorlieben oder Abneigungen zu erkennen“.

Nun wird es wohl Pflege- und Altenheime in der Form, in der wir sie kennen, noch eine Weile geben wird. Was muss sich ändern, damit die Lage akzeptabel wird?

Eine Mindestforderung ist ein Einzelzimmer. Jeder braucht ein Stück Privatsphäre. Dann sollten die Bewohner in die Organisation des Heimes eng eingebunden werden. Nur so können sich Zuhause fühlen. Es muss ein anspruchsvolles Rahmenprogramm mit Lesungen, Konzerten und Gesprächskreisen geben. Die Bewohner dürfen geistig nicht unterfordert werden. Ganz wichtig ist auch die Hilfe auf Gegenseitigkeit. Bewohner sollten sich untereinander helfen. Jeder kann noch irgendetwas besser als der andere. So ist die Abhängigkeit vom Pflegepersonal nicht so groß, und die Verantwortung für sich und andere hält fit.

Interview: Julia Pennigsdorf

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